Mit dem «Laserschwert» gegen Prostatakrebs

Eine neue Therapie verspricht ein kleineres Impotenz-Risiko. Die Nanoknife-Technologie ist jedoch umstritten.

Querschnitt im Magnetresonanztomografen: Orange gefärbt die Prostata mit Krebs. Foto: Phanie, Alamy

Querschnitt im Magnetresonanztomografen: Orange gefärbt die Prostata mit Krebs. Foto: Phanie, Alamy

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Nanoknife – mit einem solchen Namen lassen sich Patienten ködern. Er klingt nach Spitzentechnologie, höchster Präzision. Und Science-Fiction. Hiess nicht die Waffe der Jedi-Ritter in «Star Wars» so? Nein, das war ein Laserschwert. Doch das Gerät existiert tatsächlich und kommt zunehmend zum Einsatz, etwa bei der Behandlung von Prostatakrebs.

Nanoknife ist dabei nur der Produktname, das Verfahren selber nennt sich etwas weniger griffig Irreversible Elektroporation (IRE). Es gehört zu einer Handvoll neuer Techniken, die bei lokal begrenztem Prostatakrebs zum Einsatz kommen. Diese seien experimentell, sagen viele Urologen und raten von einer Anwendung ausserhalb von Studien ab.

Doch die IRE ist vielversprechend. Sie ermöglicht bei Tumoren im Frühstadium, die nicht die ganze Prostata befallen haben, eine sogenannte fokale Therapie. Nanoknife zerstört dann nur die betroffene Stelle. Heute üblich bei solchen frühen Krebsstadien ist entweder die «aktive Überwachung», bei der Patienten nicht therapiert, sondern regelmässig untersucht werden. Oder die ganze Prostata wird bestrahlt oder wegoperiert. Oft mit schwerwiegenden Folgewirkungen: Viele Patienten sind danach inkontinent und/oder impotent. Und weil die Gefährlichkeit von Prostatakrebs häufig schwer einzuschätzen ist, wären viele der Operationen gar nicht nötig gewesen, weil die Patienten gar nie Beschwerden bekommen hätten.

Aufschrei unter Fachleuten

Mittwochmittag an der Merian-Iselin-Klinik in Basel. Es wird gebaut, wie an so vielen Schweizer Spitälern: neue Haustechnik, mehr Platz für Frischoperierte, neue Luxuszimmer für Privatpatienten. Eigentlich ist die Privatklinik auf Orthopädie spezialisiert, doch die Urologie ist ihr zweites, besonders wachstumsträchtiges Standbein. Gernot Bonkat sitzt in rosa Hemd und Jeans in der Lobby und geht nochmals kurz seine Powerpoint-Präsentation durch. Der Urologe arbeitet eigentlich an der Praxis Alta uro, ist hier aber Belegarzt und Privatdozent an der Uni Basel. Er hat bereits am Morgen einen Journalisten empfangen und ihm wohl auch seine 132 Folien (inklusive «Star Wars»-Anspielung) zu Nanoknife und Prostatakrebs vorgetragen.

«Die IRE ist der Mittelweg zwischen der vollständigen Prostataentfernung und der aktiven Überwachung», sagt der Urologe und schildert den Ablauf der Behandlung: In einem ersten Schritt wird beim Patienten unter Vollnarkose mittels Magnetresonanztomografie (MRT) und Biopsien der Tumor ausgemessen. Die Resultate, kombiniert mit Ultraschall, verwendet Bonkat bei der eigentlichen Behandlung. Dabei sticht er mit Elektroden durch den Damm in die Prostata und platziert diese um den Tumor herum. Sehr kurze, kräftige Stromstösse beschädigen dann die Zellhüllen und lassen die Krebszellen absterben. Blutgefässe, andere zellfreie Strukturen sowie das nicht betroffene Prostata­gewebe werden hingegen geschont. «Dadurch sind die Nebenwirkungen Inkontinenz und Impotenz viel seltener», sagt der Urologe. Die Patienten können das Spital am Folgetag verlassen.

Karikatur vergrössern

Bonkat hat im vergangenen Jahr den ersten Prostatakrebspatienten in der Deutschschweiz mit Nanoknife operiert. Er ist sozusagen einer der Jedi-Ritter. Bis jetzt hat Bonkat allerdings erst fünf Patienten an der Merian-Iselin-Klinik mit dem Nanoknife behandelt. Etwas Medienarbeit soll nun mehr Schwung in die Sache bringen.

In Deutschland hat 2015 eine zu euphorische Nanoknife-Berichterstattung allerdings für einen Aufschrei unter Fachleuten gesorgt. Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) warnte danach: Es gebe keine Wirkungsstudien, und deshalb sei keine Aussage möglich, «ob diese Methode überhaupt in der Lage ist, einen Prostatakrebs therapeutisch zu beeinflussen». Auch nicht, ob sie anderen Behandlungsmethoden überlegen sei. An dieser Einschätzung hat sich in den letzten drei Jahren nichts geändert. «Es bleibt aus der Sicht der DGU beim strikten Abraten von dieser Therapie», schreibt Oliver Hakenberg, DGU-Vizepräsident und Direktor der Urologischen Klinik Rostock, auf Anfrage. Tullio Sulser, Direktor der Klinik für Urologie am Unispital Zürich (USZ), ergänzt: «Das Problem ist, dass ausser einer ganz neuen Untersuchung aus Lausanne mit 20 Patienten weltweit keine einzige Studie veröffentlicht ist, die Patienten über mehrere Monate nachverfolgt hat.» Auch für Sulser ist klar: Nanoknife ist eine experimentelle Behandlung, die vorläufig nur im Rahmen von Studien angewandt werden sollte.

Neue Regelung ab 2020

Bonkat kennt die Kritik. Er sagt: Es gebe sehr wohl Prostatakrebs-Studien mit Nanoknife. Fünf Stück mit total 157 Patienten. Allerdings sind diese Untersuchungen alle klein und beschäftigen sich mit der technischen Durchführung, nicht mit der klinischen Wirkung der Methode. Für den Urologen ist die Studienlage trotzdem überzeugend genug. Zudem sei der Einsatz bei Prostatakrebs im frühen Stadium unproblematisch. Tatsächlich sind Patienten mit lokalem Prostatakrebs gemäss einer grossen Studie nach zehn Jahren fast alle noch am Leben – unabhängig davon, ob und welche Behandlung bei ihnen durchgeführt wurde. «Mit einer fokalen Therapie kann der Krebs häufig in Schach gehalten und Zeit gewonnen werden», sagt Bonkat. Für Betroffene, die etwas gegen den Krebs machen wollten, ihre Lebensqualität jedoch behalten möchten, könne dies eine gute Option sein.

An einer Studie beteiligt sich Bonkat nicht. Das sei zu aufwendig, sagt er. ­Allerdings musste bei Nanoknife die ­Methodik verbessert werden, weil sich zeigte, dass das bisherige Verfahren den Tumor nicht vollständig vernichtete. Für Urologe Sulser wäre eine wissenschaftliche Begleitung deshalb wichtig. «Auch ein Privatspital kann sich einer Studie anschliessen», sagt er. Gleichzeitig räumt er ein, dass Private bei den aufwendigen Nachkontrollen von Patienten oft an Grenzen stossen würden. «Das ist in einer universitären Umgebung sicher viel besser umsetzbar.»

Der Hersteller von Nanoknife wird in absehbarer Zeit aber ohnehin klinische Daten zur Wirksamkeit nachliefern müssen, weil er sein Gerät sonst wieder vom Markt nehmen müsste. Ab 2020 tritt europaweit (auch in der Schweiz) eine neue, strengere Medizintechnikregulierung in Kraft. Diese fordert mit einer Übergangsfrist solche Studien auch für heikle Geräte – selbst wenn sie bereits länger auf dem Markt sind.

22'000 Franken für Eingriff

Betroffenen ist die Problematik mit der schlecht untersuchten Wirksamkeit von Medizintechnikgeräten oft nicht bewusst. Im Gegenteil: «Die hochtechnologische Schiene stösst bei Patienten fast immer auf Interesse», so Sulser. Spezialärzten helfen neue Hightechmethoden, sich von anderen zu unterscheiden.

So liegt es auch nicht an möglichen Vorbehalten gegenüber der experimentellen Therapie, wenn die Anzahl der Patienten, die Bonkat mit Nanoknife behandelt hat, bescheiden ist. Zum einen existierte in Luzern bereits vor seinem Angebot Konkurrenz. Das Vitus-Prostata-Center wirbt dort Schweizer Patienten ab, um sie im deutschen Offenbach mit dem Nanoknife zu behandeln.

Der Hauptgrund für die Zurückhaltung der Patienten sind jedoch die Kosten: Weil das Verfahren noch experimentell ist, bezahlen weder Grund- noch Zusatzversicherung. «Die Patienten müssen den Eingriff leider aus der eigenen Tasche bezahlen», sagt Bonkat. Und das nicht zu knapp: 22'000 Franken ist der Preis für Nanoknife-Behandlung, Narkose und Spitalaufenthalt. Die MRT-Diagnostik und Biopsie übernimmt die Grundversicherung. Das Nanoknife selber kostet 450'000 Franken. Bonkat wird die Patientenzahl deutlich erhöhen müssen, um es zu amortisieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2018, 06:27 Uhr

Experimentelle Verfahren

Fokale Therapie bei Prostatakrebs

Neben dem Nanoknife (Irreversible Elektroporation, IRE) existieren weitere Methoden, die derzeit für die Behandlung von lokalem Prostatakrebs in der Frühphase getestet werden. Sie gelten alle als experimentell und sollten deshalb gemäss Empfehlungen im Rahmen von Studien zur Anwendung kommen. Am meisten verbreitet ist der Hochintensive fokussierte Ultraschall (Hifu). Dabei richten die Ärzte energiereiche Schallwellen gebündelt auf den Tumor und zerstören so die getroffenen Zellen, ohne das umliegende Gewebe zu schädigen. «Die Datenlage ist hier viel besser als bei der IRE», sagt Tullio Sulser, der am Unispital Zürich die Methode untersucht. Zudem zahlt oft auch die Krankenkasse. Unklar ist, inwieweit sich Nebenwirkungen langfristig von der gängigen Therapie unterscheiden. Bei der Vaskulären fotodynamischen Therapie (VTP) wird die lichtaktive Substanz Tookad in die Blutbahn gespritzt und dann lokal in der Prostata mit Lasersonden bestrahlt. Es kommt zum Gefässverschluss und Absterben der Tumorzellen. Tookad wurde soeben in Europa zugelassen. Die Kryotherapie behandelt den Krebs mit Kältesonden, allerdings mit bisher nicht sicher belegtem Nutzen. Es existieren weitere fokale Therapien, die aber alle noch schlechter untersucht sind. Weitere Informationen zum Beispiel unter www.krebsinformationsdienst.de (fes)

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