Nach einer Infektion lebenslang gehbehindert

Spitalinfektionen sind rasch passiert und verursachen oft langes Leiden. Genugtuung gibt es selten. Eine Schuld des behandelnden Arztes oder des Spitals zu beweisen, ist praktisch unmöglich.

Starb an den Spätfolgen einer Spitalinfektion: Guillaume Dépardieu vor seinem Tod im Jahr 2008.

Starb an den Spätfolgen einer Spitalinfektion: Guillaume Dépardieu vor seinem Tod im Jahr 2008. Bild: AFP

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Guillaume Depardieu war die grosse Nachwuchshoffnung des französischen Kinos. 1995, er war 24-jährig, verunfallte der Sohn des berühmten Schauspielers Gérard Depardieu mit dem Motorrad und musste am Bein operiert werden. Was danach passierte, dokumentiert der deutsche Regisseur Valentin Thurn im Film «Es ist die Hölle», der heute Abend im Volkshaus Zürich gezeigt wird. Während der Operation gelangte ein antibiotikaresistenter Keim in die Wunde, ein sogenannter MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). Diese Spitalinfektion zerstörte das Leben des jungen Schauspielers. 17 Operationen brachten keine Heilung. 2003 liess er das Bein amputieren, um seine unerträglichen Schmerzen zu beenden. Mit Medienauftritten und einer Stiftung kämpfte Depardieu gegen die unhaltbaren Zustände in französischen Spitälern, wo die resistenten Keime weit verbreitet sind. 2008 starb er infolge einer Lungenentzündung. Er war erst 37.

Die Patientenstelle Zürich will mit dem Film auf ein Problem aufmerksam machen, das in der Schweiz zwar weniger gravierend, aber keineswegs beseitigt ist. In den umliegenden Ländern sind bis zu 30 Prozent der gefundenen Spitalkeime multiresistent. In Deutschschweizer Spitälern liegt diese Quote unter zehn Prozent. Das heisst, die Gefahr, eine Infektion nicht mehr mit Antibiotika behandeln zu können, ist deutlich geringer. Doch unabhängig davon, ob ein Keim resistent ist oder nicht: Spitalinfektionen ziehen oft lange Leidensgeschichten nach sich. Und sie kommen auch in Zürcher Spitälern zu häufig vor, wie SP-Kantonsrätin Erika Ziltener feststellt, die als Leiterin der Patientenstelle vorsteht: «Etwa 30 Prozent liessen sich vermeiden.»

«Unermessliche Schmerzen»

Die 38-jährige kaufmännische Assistentin Anna Labhart (Name geändert) verdrehte sich vor sechs Jahren das rechte Kniegelenk. Sie hatte übersehen, dass im Büroboden eine Platte fehlte, und trat in das Loch. Der Hausarzt fand auf den Röntgenbildern keine Verletzung, doch Anna Labhart konnte danach weder schmerzfrei Treppen steigen noch Sport treiben. Als es sich nicht besserte, suchte sie einen Belegarzt einer Zürcher Privatklinik auf. Im September 2006 machte er eine Arthroskopie und schnitt etwas Gewebe aus dem Knie. Das half nicht, im Gegenteil. Im Oktober operierte der Arzt Anna Labhart erneut und spülte Blut aus dem Gelenk.

Bald darauf verstärkten sich die Schmerzen «ins Unermessliche». Das Knie war entzündet, aus der Narbe floss Wundsekret. Als der Arzt dies sah, erschrak er. Er gab der Patientin als Sofortmassnahme eine Salbe und machte eine Punktion. Nach zwei Tagen lag das Resultat vor: Anna Labhart hatte eine Infektion im Knie. Tags darauf erfolgte ein dritter Eingriff, doch auch dieser war erfolglos. Ende November war der Arzt mit seinem Latein am Ende und überwies Anna Labhart in eine orthopädische Spezialklinik. Dort wurde erneut eine Infektion diagnostiziert und die Patientin sofort operiert.

Der Schaden blieb. Das rechte Bein der jungen Frau versteifte sich. Im September 2007 versuchte man mit einer weiteren Operation, das Knie zu mobilisieren. Die Beweglichkeit verbesserte sich nur minim. Drei Jahre später erfolgten ein sechster und ein siebter Eingriff, wieder in einer anderen Klinik und diesmal mit etwas besserem Erfolg. Anna Labhart hinkt zwar noch immer und hat ständig Schmerzen, doch sie kann das Bein jetzt immerhin bis zum rechten Winkel biegen. Seit Februar arbeitet sie wieder zwei Stunden am Tag. Mehr geht nicht, die starken Schmerzmittel lassen sie rasch ermüden.

Druck auf Spitäler erhöhen

Anna Labhart ist in ihrer Lebensgestaltung stark eingeschränkt. «Früher war ich oft im Fitnesscenter, fuhr mit den Rollerblades um den Flughafen, war Töff- und Velofahren. Das geht alles nicht mehr.» Sie nimmt ihr Schicksal erstaunlich gelassen und ist nicht verbittert. Doch sie wollte die Schuldfrage geklärt haben. Sie wandte sich an die Patientenstelle. Labhart ist überzeugt, dass der erste Arzt einen Behandlungsfehler gemacht hat. Erika Ziltener sieht es gleich. Nur können die beiden den Fehler nicht beweisen. Die Ärztevereinigung FMH lehnte es ab, ein Gutachten zum Fall zu verfassen.

Laut Ziltener entspricht das der gängigen Praxis: «Die FMH macht keine Gutachten bei Spitalinfektionen. Auch deshalb gibt es zu wenig Druck für die Spitäler, auf die Hygiene zu achten.» Die SP-Politikerin will das ändern. Im Zürcher Kantonsrat ist sie zwar mit einem Vorstoss abgeblitzt, mit dem sie eine Beweisumkehr bei Infektionen verlangte. Eine gleichlautende Motion der Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher wird demnächst im eidgenössischen Parlament behandelt. Bezogen auf den Fall Labhart hiesse dies, dass nicht das Infektionsopfer dem Spital eine Sorgfaltspflichtverletzung oder dem Arzt einen Behandlungsfehler nachweisen müsste, sondern dass umgekehrt diese beweisen müssten, dass sie keinen Fehler gemacht haben.

Anna Labhart kann es sich nicht leisten, auf eigenes Risiko ein Gutachten in Auftrag zu geben. Hingegen prüft die Patientenstelle, mithilfe einer Anwältin eine Klage gegen den Arzt einzureichen. Ziltener beurteilt die Erfolgschancen als intakt. Der Fall gleiche einem Präzedenzfall von 1993, in dem das Bundesgericht eine Sorgfaltspflichtverletzung durch einen Hausarzt feststellte und der betroffenen Patientin einen Schadenersatz von einer halben Million Franken zusprach. Der Hausarzt konnte nicht beweisen, dass er alle nötigen Vorsichtsmassnahmen getroffen hatte. Er hatte der Frau mehrmals Kortison gespritzt, worauf die Patientin eine Infektion in der Schulter erlitt und teilinvalid wurde. Auch Anna Labhart hat Kortison erhalten. Das erhöht das Infektionsrisiko.

«Es ist die Hölle – Der verlorene Kampf von Guillaume Depardieu gegen die Killerkeime MRSA», Film von Valentin Thurn, heute 18.50 Uhr, Volkshaus Zürich. Der Regisseur ist anwesend.

Erstellt: 15.04.2011, 12:15 Uhr

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