Neue Angst vor alten Seuchen

Vor 100 Jahren brachte die Spanische Grippe mehr Menschen den Tod als der Erste Weltkrieg. Was der Umgang mit Krankheitsausbrüchen über unsere Gesellschaft verrät.

Veteranenheim Camp Dix, New Jersey, September 1918: Das Gurgeln mit Salzwasser galt damals als Präventionsmassnahme gegen die Spanische Grippe. Foto: Getty Images

Veteranenheim Camp Dix, New Jersey, September 1918: Das Gurgeln mit Salzwasser galt damals als Präventionsmassnahme gegen die Spanische Grippe. Foto: Getty Images

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Fast sanftmütig kam der Tod über die junge Frau, fast so, als wolle er unerkannt bleiben. Sie müsse sich warmhalten, Milch und Tee trinken, bis das Fieber weiche, schrieb die kranke Gwen in einem Brief an ihre Mutter. In der Nacht habe sie im Schlaf von Flugzeugen fabuliert, nach blauer Farbe gefragt. Sie habe sogar gesungen. «Wie komisch, findest du nicht?», amüsierte sie sich in ihrem Schreiben über die Symptome ihres fiebrigen Delirs. Das war am 29. November 1918. Nur wenige Tage später war die Frau tot.

In aller Stille hatte die Spanische Grippe der jungen Engländerin das Leben genommen. Ihr Brief gewährt einen seltenen Einblick in den Verlauf jener rätselhaften Erkrankung, der vor 100 Jahren 50 Millionen Menschen weltweit erlagen. Schätzungsweise. Manche Forscher sprechen von 20, manche sogar von 100 Millionen Toten. Genau weiss das niemand. Fest steht aber: Nie zuvor hatte eine Infektionskrankheit in so kurzer Zeit so viele Menschen um ihr Leben gebracht. «Aber uns fehlen noch viele Details», sagt Virologe John Oxford vom Royal London Hospital, der die Spanische Grippe seit Jahrzehnten erforscht, auch anhand von Gwens Brief.

Genom des alten Erregers

Dass wir uns 100 Jahre später noch vor der Erkrankung fürchten, liegt vor allem an einem zielstrebigen jungen Forscher und einem sehr alten Archiv. Der Virologe Jeffery Taubenberger hatte es sich in den 90er-Jahren in den Kopf gesetzt, das Archiv des Walter Reed Army Medical Center in Washington D.C. zu durchstöbern. Darin werden seit 1860 Gewebeproben von Mensch und Tier aufbewahrt, auch konserviertes Lun­gengewebe des US-Soldaten Roscoe Vaughan. Dieser war am 26. September 1918 in Camp Jackson, South Carolina, an der Spanischen Grippe gestorben. In den Überresten des Amerikaners gelang es Taubenberger, Bruchstücke des tödlichen Grippeerregers aufzuspüren. Neue Methoden der Molekulargenetik halfen ihm, aus weiteren Gewebeproben nach und nach das gesamte Genom des alten Virus zu entschlüsseln.

Seitdem dominiert die biologische Sicht auf die Seuchengeschichte, gesellschaftliche Fragen treten in den Hin­tergrund. Wie Menschen auf Krankheitsausbrüche reagierten, was sie über Infektionen dachten. «Virologen sind jetzt die Wortführer in der Forschung zur Spanischen Grippe», bedauert Wilfried Witte, Arzt und Medizinhistoriker an der Charité in Berlin. Mit ihren Studien kam die Angst. Vor der Grippe. Vor neuen Seuchen.

Die Spanische Grippe gilt seitdem nicht mehr als schrecklicher Einzelfall, sagt Witte. Sie gilt als Modell einer Pandemie, also einer Krankheit, die sich über den ganzen Globus ausbreitet. Eine neue Welle der Infektionsforschung begann, die Gentechnik machte es möglich, auch andere Erreger der Seuchengeschichte zu identifizieren: Pest, Lepra, Tuberkulose. «Damals begann die Zeit der Viroarchäologie», sagt Witte.

Rote Bete empfohlen

Immerhin brachten die Virologen auch Historiker dazu, sich mehr mit der Spanischen Grippe zu beschäftigen. Wie eine Gesellschaft mit einer Seuche umgeht, kann nämlich viel über deren Zustand verraten. So beschäftigt sich Witte seit 1997 mit dem Thema. In einem Holzkasten hat er seine Unterlagen mithilfe von Karteikarten sorgfältig katalogisiert. Doch meist zieht er zielstrebig den richtigen Ordner aus dem Regal, ohne erst in die Karteikarten zu schauen.

Kopien von Zeitungsartikeln zum Beispiel, die ersten Meldungen über die zunächst namenlose Seuche. Sie erschienen am 29. Mai 1918 in deutschen Zeitungen. Ihnen folgten Artikel, die den Lesern Rote Bete als Heilmittel empfahlen, auch fanden sich dort Annoncen zu Staubsaugern zur Bazillen-Entfernung oder eigens entwickelte Telefon-Desinfektoren. An die Sprechmuschel angehängt, sollten sie eine Ansteckung verhindern. Medikamente, die wirklich etwas gegen die Spanische Grippe ausrichten konnten, gab es dagegen nicht. Noch nicht einmal gegen die bakterielle Lungenentzündung, die oft der Infektion durch Grippeviren folgte. Denn Antibiotika waren noch unbekannt. Allein das Fieber konnten die Ärzte senken.

Der Medizin versetzte die Spanische Grippe damit einen mächtigen Dämpfer. In den Jahren zuvor hatten Forscher ständig neue Erreger entdeckt, und voller Euphorie hatten sie geglaubt, dass die Infektionskrankheiten bald ausgerottet seien. Nun aber mussten Ärzte zusehen, wie eigentlich gesunde, junge Menschen innerhalb von Tagen in ihrem Blut und Schleim erstickten.

Vielleicht war es die Ratlosigkeit der Mediziner, die alle Spuren der Spanischen Grippe im kollektiven Gedächtnis verwischte, vermutet Witte. Da die Ärzte nichts gegen die Seuche unternehmen konnten, schenkten sie ihr auch kaum Aufmerksamkeit. Vielleicht aber war es auch der Zeitpunkt der Pandemie, der die Erinnerung an sie trübte: Die Spanische Grippe traf auf Nationen, die von einem jahrelangen Weltkrieg gebeutelt waren. Die Pandemie war damals nur eine von vielen Katastrophen, die über die Menschen kam. Ähnlich wie bei jemandem ein weiterer Faustschlag nicht mehr viel ausmacht, wenn er schon viel Prügel einstecken musste.

Bloss keine Schwäche zeigen

Auch Witte kann das Phänomen nicht vollends erklären, selbst der Experte hat lange suchen müssen, bis er deutsche Berichte aus jener Zeit fand. Hatten sich die kriegführenden Länder doch eine Pressezensur zur Spanischen Grippe auferlegt. Die Regierungen wollten gegenüber dem Feind keine Schwäche zeigen. Was jedoch dazu führte, dass ein verzerrtes Bild der Seuche entstand, vermutlich auch im Geiste eines hohen spanischen Gesundheitsbeamten. Der Fachmann hatte nämlich am 29. Juni 1918 vor der Königlichen Akademie in Madrid erklärt, dass ihm von einer Grippeepidemie jenseits von Spanien, in anderen Teilen Europas, nichts bekannt sei. Die Seuche wurde daher rasch als Spanische Grippe abgestempelt und wurde den Namen bis heute nicht mehr los. «Wir wissen aber längst, dass die Spanische Grippe nicht in Spanien ihren Ursprung nahm», sagt Witte.

Es ist bewiesen, dass die Pandemie nicht in Spanien begonnen hat.

Woher kam sie dann? Nicht einmal darüber sind sich Virologen und Historiker heute einig. Aus China könnte sie gekommen sein oder aus Frankreich oder den USA. Am Morgen des 4. März 1918 meldete sich Albert Gitchell in Camp Funston, Kansas, auf der Krankenstation. Er klagte über Halsschmerzen, Fieber, Kopfweh. Gegen Mittag gab es dort mehr als 100 weitere Fälle. Gitchell wird gern als einer der ersten Patienten mit Spanischer Grippe genannt. Von Kansas aus soll das Virus mit den Truppentransporten des Ersten Weltkriegs über Europa und dann über die ganze Welt hergefallen sein.

Das sieht der britische Virologe John Oxford allerdings anders. In Nordfrankreich, im Hafenstädtchen Etaples, habe die Spanische Grippe ihren Anfang genommen, sagt er. In einem riesigen Militärcamp voller britischer Soldaten. «Hunderttausende Menschen lebten hier während des Ersten Weltkriegs dicht an dicht», sagt Oxford, der seit Jahren nach dem Ursprung der Spanischen Grippe forscht, ähnlich wie Jeffery Taubenberger. Das Camp sei ein idealer Ort für das Virus gewesen.

«Vielleicht werden wir nie wissen, wann und wo der Virusstamm der Spanischen Grippe unter Menschen zu zirkulieren begann», sagt Oxfords Kollege, Jeffery Taubenberger. Aktuell suchen beide Virologen nach gut erhaltenem Gewebe von Grippetoten kurz vor der grossen Pandemie. «So könnten wir herausfinden, wann und wie das Virus so hochansteckend geworden ist», sagt Oxford. Dafür hat er seinem amerikanischen Kollegen altes Lungengewebe aus dem Museum des Royal London Hospital geschickt. In Formalin konserviert, klein wie ein Zuckerwürfel.

Schnell wird bei einer Pandemie nach einem Sündenbock gesucht, bis heute. 

Schnell wird bei einer Pandemie nach einem Sündenbock gesucht, bis heute. Aids zum Beispiel traf die Gesellschaft in den 80er-Jahren völlig unvorbereitet, kurz vor dem Bekanntwerden der ersten Aidskranken in Los Angeles hatte die Weltgesundheitsorganisation die Ausrottung der Pocken verkündet. Die Zeit der Seuchen sei vorbei, dachte man, wie vor dem Ausbruch der Spanischen Grippe. Dann kam Aids und mit Aids erneut die Frage: Wer war schuld?

Zunächst bezeichnete man die Erkrankung als «Schwulenpest». Das ist erst 35 Jahre her. In den Folgejahren sollte die Ausbreitung von HIV zu einem neuen Gefühl der Bedrohung führen, gerade mit dem Aufkommen der Molekulargenetik. Mit der Erforschung der Spanischen Grippe erwachte das Bewusstsein dafür, wie schnell Viren sich wandeln und gefährlich werden können. Mit der Erforschung von HIV kam die Angst vor unbekannten Erregern aus der Natur hinzu. Bald zeigte sich, dass HIV einem verwandten Affenvirus entstammt.

Gedenken an die Grippetoten

Seitdem geht es nicht allein mehr um die Angst vor einer bestimmten Infektion. Vielmehr scheint es, als stünde man ununterbrochen mit dem Rücken zur Wand. Als müsse man in jedem Moment gewappnet sein, gegen eine Pandemie, deren Ursprung unbekannt ist, die aber jederzeit auftreten könnte.

Auch das Bild der Grippe hat sich mit dem heutigen Zeitgeist verändert, nicht nur durch molekulargenetische Studien. Die neue Angst vor einer neuen Grippepandemie ist mit der Angst vor der Globalisierung verknüpft, sagt der Medizinhistoriker Witte. Eine alte Seuche erhält 100 Jahre später ein neues Antlitz.

Den heutigen Blick auf die Spanische Grippe stellen auch drei Kirchenfenster im Royal London Hospital dar. Steile Linien sollen an die vielen Todesopfer erinnern, die violette Farbe an das Leid. John Oxford hat die Fenster zusammen mit einem Künstler konzipiert. Er wollte der Familien gedenken, die Grippepatienten, wie auch die kranke Gwen, zu Hause pflegten. Trotz aller Risiken. Der stillen Helden von 1918.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2018, 19:42 Uhr

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