Neue Erfolge bei Allergie und Krebs

Der Zürcher Dermatologe Thomas Kündig macht Mut: Erst entwickelte sein Team Methoden gegen Allergien, nun hat er eine Therapie gefunden, die die Lebensqualität bei Krebs verbessert.

Menschliche Antikörper heften sich im Körper an einen Entzündungsstoff namens <nobr>Interleukin 1 Alpha (IL-1a)</nobr> und machen diesen unwirksam. Grafik: XBiotech

Menschliche Antikörper heften sich im Körper an einen Entzündungsstoff namens Interleukin 1 Alpha (IL-1a) und machen diesen unwirksam. Grafik: XBiotech

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn alles gut läuft, werden Patienten mit weit fortgeschrittenem Krebs bald länger und besser leben. Allergiker bräuchten nur noch 3- statt 60-mal zum Arzt zu gehen, um sich gegen ihre Allergie spritzen zu lassen. Und es werden weniger Katzen im Tierheim landen. Wenn all das passiert, werden Zürcher Forscher als Erste jubeln, allen voran Thomas ­Kündig. Seit über 25 Jahren erforscht der Forschungsleiter an der Hautklinik des Unispitals das Immunsystem.

Alles begann 1988 mit der Suche nach einer «Krebsimpfung»: Wie bringt man das Immunsystem dazu, Tumoren zu bekämpfen? Probehalber spritzte Kündig, damals Schüler beim späteren Schweizer Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel, die Krebs-Vakzine in Lymphknoten, an jenen Ort also, wo viele Abwehrzellen daheim sind. Der Impfstoff hätte sie so «trainieren» sollen, dass sie den Krebs attackieren. Das funktionierte bei Mäusen gut, beim Menschen jedoch blieb der Erfolg aus – vorerst.

Rasch bemerkte Kündig, dass sich die Methode aber zur Allergiebehandlung eignet. «Das hat hervorragend funktioniert», sagt der Forscher. Inzwischen referiert er an hochrangigen Fachkongressen über die von ihm entwickelte «intralymphatische Immuntherapie» (Ilit).

Spritzen in den Lymphknoten

Bei der üblichen Desensibilisierung werden Allergikern winzige Mengen des Allergens, zum Beispiel Pollen, unter die Haut gespritzt. Die Therapie dauert drei bis fünf Jahre, 50 und mehr Spritzen sind nötig. «Wenn man die Substanz jedoch in den Lymphknoten spritzt, ist sie schon da, wo sie hinmuss», sagt der Immunologe. Denn natürlicherweise werden Fremdstoffe, die der Körper über die Haut oder Schleimhaut aufnimmt, in die Lymphknoten transportiert. Bei der herkömmlichen Desensibilisierung gelangt nur ein Bruchteil der Dosis dorthin. Spritze man das Mittel direkt in einen Lymphknoten, erziele man mit nur 3 Injektionen im Abstand von einem Monat dieselbe Wirkung wie eine mehrjährige Desensibilisierung mit etwa 60 Spritzen, sagt Kündig.

«Billig und schnell» sei die Methode, die inzwischen von anderen Forschern in mehreren Studien getestet wurde. Dass sie sich nun in skandinavischen Ländern, aber auch an Zentren in den USA, China und Südkorea verbreitet, freut Kündig. Es gebe sogar schon Extrakte für allergische Hunde, die in Lymphknoten gespritzt werden.

Kommerzielle Interessen

Für die Firmen, welche die Extrakte herstellen, ist Kündigs Methode kein gutes Geschäft. «Ich dachte lange, es läge an mangelndem Erfindungsreichtum, dass die Immuntherapie bei Allergien heute immer noch so gemacht wird wie vor 100 Jahren. Aber es stecken wohl eher kommerzielle Interessen dahinter», sagt Kündig. Das bekamen die Forscher beispielsweise zu spüren, als sie eine Ilit-Behandlung für Katzenallergiker fanden, dank der diese nach nur drei Injektionen 70-mal mehr Katzenhaare tolerierten als vorher. Die herkömmliche Behandlung steigert die Toleranz nur ums Zehnfache.

Zusammen mit Kollegen am Davoser Institut für Allergie- und Asthmaforschung schaffte es Kündigs Team, das für die Katzenallergie verantwortliche Eiweiss in Kolibakterien herzustellen. Dann koppelten sie es an bestimmte Moleküle – und die Abwehrzellen erkannten das Katzenallergen etwa 100-mal besser. Prompt lizenzierte eine Firma die Patente dafür. Doch im Zuge der Finanzkrise 2008 ging sie pleite. «Etwa alle sieben Jahre gibt es eine Finanzkrise. Die Entwicklung einer Therapie dauert aber rund zehn Jahre. Also muss man durch eine Krise», sagt Kündig. Die Lizenz sei damals von der Konkurrenz gekauft worden, erzählt der Forscher.

Katzenimpfung für den Menschen

Seither ruht das Vorhaben. Nicht aber Kündig. Man könnte ja vielleicht stattdessen die Katzen impfen, damit sie weniger Allergien auslösen, dachte der Allergologe. Für diese Idee erhielten Kündig und sein Team langjähriger Weggefährten 2014 den Swiss Technology Award, den führenden Schweizer Technologiepreis.

Nach der Impfung bilden die Katzen Antikörper gegen ein Eiweiss, das in ihrem Speichel vorkommt und die Allergien auslöst. Diese Antikörper machen das Eiweiss unschädlich. «Die Ergebnisse sehen gut aus, aber ich kann noch nicht garantieren, dass das funktioniert», sagt der Mediziner. Zuerst müssten weitere Studien folgen. Negative Effekte auf die bisher acht geimpften Tiere konnten die Forscher nicht beobachten. Es gebe Katzen, die von Natur aus sehr wenig von diesem Eiweissstoff im Speichel haben. So weit man bislang wisse, würden sie sich nicht von den anderen unterscheiden. Das kommerzielle Interesse an dieser Vakzine sei gross.

«Die Mehrzahl sagte: ‹Es geht mir viel besser.›»Thomas Kündig über Krebspatienten, die er mit Antikörpern behandelte

Kündigs jüngster Coup sind menschliche Antikörper, die er vor zehn Jahren mit einem Freund entwickelte. Sie heften sich im Körper an einen Entzündungsstoff namens Interleukin 1 Alpha (IL-1a) und machen diesen unwirksam. «Vor zehn Jahren war IL-1a völlig unbeachtet. Niemand hat sich dafür interessiert», erinnert sich der Wissenschaftler.

Dann aber fand sein Kollege heraus, dass Menschen, die von Natur aus solche IL-1a-Antikörper haben, weniger zu Herzkrankheiten neigen und auch weniger schwer an Rheuma erkranken als solche mit hohen IL-1a-Werten. Bei Tumoren spielt IL-1a ebenfalls eine Rolle – und damit ist Kündig zurück bei der Krebsforschung.

Weniger Schmerzen

Der Antikörper eröffne «völlig neue ­Felder bei der Behandlung von Krebs­erkrankungen», lobte ein Kommentator im Fachblatt «Lancet Oncology» das Xilonix genannte Medikament. Eine 2014 veröffentlichte Studie an 52 vom Krebs ausgezehrten Patienten liess die Fachwelt aufhorchen: Obschon die Antikörper nicht direkt gegen den Krebs gerichtet sind, verbesserten drei Injektionen merklich die Lebensqualität: Die Patienten waren weniger müde, hatten weniger Schmerzen, bekamen mehr Muskeln, nahmen an Gewicht zu und gewannen Lebenszeit. «Die Mehrzahl sagte: ‹Es geht mir viel besser›», berichtet Kündig. Die Resultate überzeugten auch Ex-Novartis-Chef Daniel Vasella, der letzten Herbst Verwaltungsrat beim Hersteller XBiotech wurde.

Die US-Arzneimittelbehörde stufte die Ergebnisse als so bedeutsam ein, dass sie dem Hersteller ein beschleunigtes Zulassungsverfahren zusicherte. Jetzt laufen weitere Studien, auch in Europa, an Krebspatienten mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen; die erste soll diesen Herbst Resultate liefern. Der Markt für ein solches Medikament wäre riesig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2015, 07:17 Uhr

Thomas Kündig (52) ist Dermatologe und Forschungsleiter an der Hautklinik am Universitätsspital und Privatdozent an der Universität Zürich.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Ein Sturm brachte heftige Regenfälle mit sich: Menschen warten in Indien auf den Zug. (18. Dezember 2018)
(Bild: PIYAL ADHIKARY) Mehr...