Hintergrund

«Puppen sind der Schlüssel zu Identität und Menschwerdung»

Die Psychologie-Professorin Insa Fooken sieht eine Inflation der Kuscheltiere, selbst bei Erwachsenen. Die Puppe als Spielzeug sei bedroht. Dabei spielt sie eine zentrale Rolle bei der Persönlichkeitsbildung.

Puppen können auch etwas Unheimliches haben: Kunstaktion an der Weltausstellung in Shanghai.

Puppen können auch etwas Unheimliches haben: Kunstaktion an der Weltausstellung in Shanghai. Bild: Keystone

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Sie stellen in Ihrem neuen Buch die These auf, dass Puppen als Spielzeug eine bedrohte Spezies sind. Wie kommen Sie darauf? Zumindest die Barbiepuppe ist doch immer noch sehr präsent.
Inzwischen ist es teilweise so, dass Kinder Barbiepuppen gar nicht mehr als Puppen wahrnehmen. Sie machen da oft einen Unterschied und sagen: Ich habe Barbies und auch noch eine Puppe. Als ob das eine eigene Spielzeuggattung wäre. Eine Befragung von Studentinnen und Studenten hat ergeben, dass sich ein Viertel der jungen Frauen nicht daran erinnern konnte, je mit Puppen gespielt zu haben. Ich habe mich auch selber intensiv in Spielzeugläden umgeschaut, speziell im Weihnachtsgeschäft. Da sieht man dann bügelnde und kochende Teddyfamilien und unzählige Kuscheltiere, Merchandising-Figuren und überall Playmobil; aber die klassische Puppe in ihren vielen Varianten ist nur noch wenig präsent. Dabei hätte sie mehr Wertschätzung verdient.

Das Kuscheltier hat die Puppen überholt. Was hat es so erfolgreich werden lassen?
Tja, das frage ich mich auch. Dass Neugeborene und Kinder bis zu zwei Jahren ein Bedürfnis nach einem Schmuse- und Begleitobjekt, nach einem sogenannten Übergangsobjekt haben, ist klar. Verwunderlich ist aber, dass dieses Bedürfnis auch nachher anhält und dermassen inflationäre Ausmasse annimmt. Die Kinderzimmer und Auslagen in Kaufhäusern quellen ja über von Kuscheltieren! Und die Tiere sehen nicht mehr «tierisch» aus, sondern wie Babys mit einem amorphen Kindchenschema-Gesicht.

Teddys hängen aber auch an den Rucksäcken von Erwachsenen. Auch da herrscht Kuschelmania. Werden wir alle immer infantiler?
Wenn man sich das so anschaut, könnte man meinen, dass die ganze Gesellschaft ein grosses regressives Bedürfnis nach Symbiose, Trost und Kuscheln hat. Es sind ja in den meisten Fällen keine augenzwinkernden Zitate, die da herumbaumeln, sondern sie sind wie der Ausdruck einer sich selbst vergewissernden Bedürftigkeit. Ich bin keine Zeitgeistdiagnostikerin, aber all das wirkt wie eine Zeitgeistreaktion auf die Katastrophen dieser Welt. Positiv gedeutet, könnte man allerdings auch sagen, dass es für Erwachsene selbstverständlicher geworden ist, kindliche Anteile nicht mehr so zu verdrängen. Man ist lockerer geworden, «un-verschämter»; das Kindliche in einem selber ist nicht mehr mit Scham behaftet.

Was kann denn eine Puppe, was ein Kuscheltier nicht kann? Fantasiewelten kann man doch mit beiden herstellen.
Das stimmt, Kinder können viele Dinge animieren, beseelen. Beides sind sogenannte Übergangsobjekte. Sie vermitteln zwischen der Innenwelt des Kindes und seiner Aussenwelt. Das Kind kann in einem geschützten Rahmen das Erlebte in Rollenspielen nachstellen, verändern, sich darin verlieren, so tun, als ob. Das ist wichtig für die Identitätsfindung. Aber es gibt Unterschiede. Eine Studentin hat es sehr schön formuliert: Das Kuscheltier ist für die Nacht, die Puppe für den Tag. Auf eine Puppe muss man aufpassen, das Kuscheltier passt auf einen auf. Eine Puppe gibt dem menschlichen Bewusstsein viel Raum, es ist eine besondere Form der Animation, die beim Kuscheltier so nicht existiert. Die Puppe ist eben menschenähnlich, mit ihrem Gesicht, vor allem ihren Augen ist sie sowohl ein Teil vom Kind als auch ein Spiegel des Kindes. Ich bin keine Barbie-Gegnerin, aber ich finde es schade, dass sie so normiert ist und wenig offenes Spiel zulässt. Der Fantasieraum der Mädchen ist geradezu in einer rosa Prinzessinnenwelt geronnen.

Was wäre denn so schlimm daran, wenn es keine Puppen mehr gäbe?
Die Puppe als ein beseelbares Gegenüber fördert die Empathie, das Einfühlungsvermögen in andere. Sie ermöglicht auch die Erfahrung von Ambivalenz, von Vieldeutigkeit. Man kann stinkwütend auf sie sein und sie doch lieb haben. Man kann mit ihr etwas über die Zwischentöne in menschlichen Beziehungen lernen und durchspielen, über Ernst und Spiel, über so tun, als ob, über Realität und Schein. Wenn es keine Puppen gäbe, wären die Chancen für Kinder geringer, sich in ganz eigener Weise, spielerisch, mit dem Anderen im eigenen Selbst auseinanderzusetzen. Puppen fördern in einer besonderen Weise das Nachdenken über Menschliches, sie sind ein Schlüssel zu Identität und Menschwerdung.

Welches Spielzeug ist entwicklungsfördernder: ein Kuscheltier oder eine Puppe?
Beides ist förderlich. Ein Lieblingskuscheltier oder eine überschaubare Zahl dieser Lieblingsgefährten hilft dem Kind oft in Situationen von Alleinsein oder Kummer. Das Kuscheltier tröstet auf der unmittelbar sinnlich fühlbaren Ebene. Das Kind drückt das Kuscheltier an sich und fühlt sich gehalten. Die Puppe setzt dagegen eher auf der kognitiven Ebene an, man lernt, über sich und die anderen nachzudenken, gerade auch auf der Ebene der sozialen Rollen. Insofern können sich beide Spielzeugarten eigentlich sehr konstruktiv ergänzen.

Einige Studenten haben gesagt, dass ihnen die Puppe unheimlich und auch eklig gewesen sei.
Das Bedrohliche der Puppe liegt ein Stück weit in der menschlichen Natur beziehungsweise in der menschlichen Symbolisierungsfähigkeit. Es ist die Vorstellung, dass sich das Abbild des Menschen, die Puppe, verselbstständigen, ein Eigenleben entwickeln könnte, und das wirkt bedrohlich. Dann kann die Faszination kippen. Diese Magie spüren auch Kinder. Aber normalerweise können sie das im Spiel kontrollieren. Ganz kleine Kinder haben aber mitunter Angst vor Puppen, die zu realistisch aussehen. Eine Puppe sieht aus wie ein Mensch, ist aber doch keiner. Sie ist ein faszinierendes Zwitterwesen.

In den 70er-Jahren kam die Puppe in Verruf, dass sie stereotype Geschlechterrollen verfestigen hilft. Mädchen spielen Puppenmutter, sind fürsorgend und brav.
Da ist was dran. Aber es kommt stark darauf an, wie die Eltern das Spiel bewerten. Wenn das Spiel der Kinder nur für Imitation gehalten wird und sie dafür sanktioniert werden, wenn sie zum Beispiel die Puppe nicht ‹sauber› halten und dann hören müssen: «Du bist aber kein gutes Mädchen», dann kann das schon Einfluss auf die Entwicklung bestimmter Eigenschaften haben. Dann erhält das Puppenspiel einen Disziplinierungscharakter. Aber es wäre verkürzt, zu sagen, eine Puppe dressiere Mädchen zu geschlechtsspezifischem Verhalten.

Dass Mädchen mit Autos spielen, ist heute kein Problem. Würden umgekehrt Buben durch das Puppenspiel einen empathischeren Zugang zu Mädchen finden?
Kinder ein Spielzeug zu verordnen, ist schwierig. Es gibt eine kleine Studie aus Kindergärten, die herausfinden wollte, ob es einen instinktiven Wiegeeffekt bei Mädchen und Jungen gibt. Es stellte sich heraus, dass Jungen durchaus gern Puppen im Arm wiegen. Auch Jungen tut es gut, Empathie und Fürsorge zu entwickeln. Es gibt ja, Gott sei Dank, auch immer mehr Männer, die es als beglückend erleben, ein Baby im Arm zu halten.

Gibt es Kinder, die von ihrem Naturell her eher zur Puppe greifen, und solche, die eher ein Kuscheltier wollen? Bevorzugen schüchterne Kinder Kuscheltiere?
Das denke ich nicht. Womit gespielt wird, hängt wohl eher von der Verfügbarkeit, von Geschwistern und den Einstellungen der Eltern ab. Sicherlich gibt es auch Unterschiede in den kindlichen Persönlichkeiten, ob sie eher eine Puppe oder ein Kuscheltier oder auch einen imaginären, einen ausgedachten Gefährten bevorzugen. Für schüchterne Kinder ist es oft wichtig, mindestens ein verlässliches Objekt zu haben.

Sie haben viel Herzblut für die Puppe in Ihr Buchprojekt gegeben – das lässt auf eine Kindheit mit Puppen schliessen.
Ja, ich war so traurig über den Verlust meines ersten Teddys, dass ich kein weiteres Kuscheltier mehr wollte. Die Trauer habe ich dann mit meiner ersten Puppe geteilt. Aber ich habe auch viel mit meinen Puppen geschimpft – wir haben uns auch gefetzt. Beim Spiel mit Puppen ist eben auch Aggression drin, da werden archaische Gefühle frei. Vielleicht feiert die Puppe ja deswegen in der Erwachsenenwelt ihr Comeback. Als künstlerische Ausdrucksform ist sie derzeit recht präsent, auch das Puppentheater ist wieder im Kommen. Neulich in Prag habe ich «Don Giovanni» gesehen. Ich möchte die wahre Oper nicht missen, aber Mozart im Puppentheater – das hatte schon seine ganz besondere Magie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2012, 17:01 Uhr

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