Rechnen rettet Leben

Die Heilungschance beträgt 80 Prozent? Ach was! Der Bekannte des Bekannten war nach einem halben Jahr tot. Warum Kranke eher an Geschichten glauben als an Zahlen.

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Mathe ist lästig, verlängert aber das Leben. Wer sich mit Zahlen auskennt und einfache statistische Zusammenhänge versteht, hat bessere Aussichten im Krankheitsfall. Dann sind die Heilungschancen grösser, und Patienten treffen eher die richtige Entscheidung für ihre weitere Therapie. «Für die Gesundheit hat es positive Folgen, wenn man aufgeschlossen für Zahlen und Prozentangaben ist», sagt die Psychologin Ellen Peters von der Ohio State University. «Das gilt sogar für Krebspatienten.»

Schützt etwa ein ominöses Mathe-Gen vor Krankheiten? Keineswegs. Trotzdem lässt sich der Zusammenhang zwischen numerischen Grundkenntnissen und höherer Lebenserwartung durch viele Beispiele belegen. So haben Diabetiker, die sich nicht gut mit Zahlen auskennen, schlechtere Blutzuckerwerte als Kranke, die mathematisch unterfütterte Erklärungen verstehen. Sie lassen sich weniger darauf ein, aus Blutzuckerspiegel und Kohlenhydratanteil der Lebensmittel die für sie passende Ernährung und Insulindosis zu bestimmen. In der Folge erleiden sie früher Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Erblindung und chronisches Nierenversagen, das ­regelmässige Blutwäsche an der Dialyse erfordert. Das gilt auch für Durchblutungsstörungen, die eine Amputation nach sich ziehen können.

Neuer Name für Zahlenmuffel

Wer sich nicht auf Zahlenbeispiele einlässt, die seine Krankheit betreffen, ist schlicht schlechter dran. Weil die Unterschiede teils dramatisch ausfallen, haben Forscher der schädlichen Zahlenallergie schon wohlklingende Namen gegeben. Als «numerischen Analphabetismus» bezeichnen sie den Unwillen oder die Unfähigkeit, sich das Einmaleins der Krankheiten anzueignen. «Mathematische Illiteraten», wie die Zahlenmuffel auch genannt werden, bleiben in der Medizin schnell auf der Strecke.

«Gerade wenn es um ihre ­Gesundheit geht, sind die meisten Menschen bestrebt, Komplexität zu reduzieren. Sie wollen sich schnell ein Urteil bilden und nicht viel abwägen», sagt der Sozialpsychologe Dieter Frey von der Universität München. Wer gehört hat, dass Diabetiker sowieso schlechte Aussichten haben oder Hüftoperationen meist schiefgehen, glaubt das bereitwillig. Kann man wenig machen, bringt nichts, so die pessimistische Einstellung.

Von Ängsten geleitet

Manchmal hat es absurde Folgen, wenn sich Patienten weigern, einfache Hochrechnungen zur Kenntnis zu nehmen, die ihre Gesundheit betreffen. So schätzen Frauen mit Brustkrebs ihre Lebenserwartung schlecht ein, auch wenn Ärzte ihnen klarzumachen versuchen, dass ihre Aussichten ziemlich gut sind und die Wahrscheinlichkeit 90 Prozent beträgt, die kommenden zehn Jahre zu überleben. «Frauen, die Zahlen besser verstehen, können aus statistischen Angaben leichter ableiten, was für sie selbst wichtig ist und ihre Krankheit betrifft», sagt Psychologin Peters. «Aus diesem emotionalen und affektiven Zugang ziehen sie Erkenntnisse darüber, wie viel ihnen welche Therapie nützt und wie ihre Aussichten sind.» Wem hingegen die Zahlen nichts sagen, der lässt sich von Ängsten leiten und erwartet weniger von einer Behandlung.

Peters hat dieses Phänomen bei Frauen analysiert, die Brustkrebs im frühen Stadium diagnostiziert bekamen. Je nach Ausprägung der Krankheit hilft manchen Frauen in dieser Phase eine Hormontherapie, eine Chemotherapie oder beides. Manchmal kann aber auch mit der Behandlung gewartet werden, ohne dass sich die Prognose verschlechtert. Peters konnte nachweisen, dass 30 bis 40 Prozent der Frauen nicht erkannten, welche Behandlung bei ihrer Tumorkonstellation die grösste Wahrscheinlichkeit für ein langes krebsfreies Überleben mit sich brachte. Manche dachten, zwei Therapien seien besser als eine, und entschieden sich für die Kombination Hormon- und Chemotherapie, obwohl das in ihrem Fall nicht die bessere Option war.

Nicht nur das «Was», auch das «Wie» ist wichtig

«Man hat den Eindruck, die Zahlen erreichen manche Frauen gar nicht», sagt Peters. «Wir geben ihnen Informationen zur besseren Entscheidung, aber die werden ignoriert.» Es sei nicht hinzunehmen, dass Leute, die mit Mathe auf Kriegsfuss stehen, Nachteile hätten. In den Schulen müsse mehr Zahlenkompetenz vermittelt werden, und Ärzte müssten lernen, Patienten verständlich zu vermitteln, wie es um sie steht.

Natürlich kommt es nicht nur darauf an, was Ärzte sagen, sondern wie sie mit Patienten sprechen. Spannende Anekdoten mit schicksalhaften Wendungen übertrumpfen jedes Zahlenbeispiel. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass Patienten zwar vom Arzt hören, dass sie Glück im Unglück hätten und die Heilungschance bei ihrem Krebs 90 Prozent betrage. Sie glauben dennoch eher dem Bericht über einen Bekannten, bei dem ein ähnlicher Tumor diagnostiziert wurde und der nach einem halben Jahr tot war.

Alarmistische Anzeigen

Dabei gilt: Die Geschichten anderer werden umso intensiver miterlebt und geglaubt, je ähnlicher sie der eigenen Lebensphase sind und wenn sie jemand erzählt, der das gleiche Alter aufweist und das gleiche Geschlecht hat.

Häufig ist ein affektives Urteil auch schädlich. So haben viele Frauen nach Berichten über Komplikationen der Antibabypille die Pille abgelehnt – auch wenn die sicherer ist als jedes andere Verhütungsmittel. Bekannt ist das Beispiel aus Grossbritannien, wo Behörden 1995 warnten, die Antibabypille der dritten Generation verdoppele das Risiko für Thrombosen – ein Anstieg um 100 Prozent. Alarmistische Anzeigen erschienen in Zeitungen. Doch was heisst 100 Prozent konkret? Statt einer von 7000 Frauen, die eine Pille der zweiten Generation nahm, bekamen mit der Pille der dritten Generation zwei von 7000 Frauen eine Thrombose. Die Veränderung von eins auf zwei lässt sich als Steigerung um 100 Prozent bezeichnen. Man kann aber genauso gut sagen: Das zusätzliche Risiko ist vernachlässigbar.

Schöne, einfache Story

In England hatte die Angst vor der Pille schwere Folgen. Tausende Frauen setzten die Pille ab, auch wenn sie gar nicht das umstrittene Präparat nahmen. Im Folgejahr kam es in Grossbritannien zu 13'000 zusätzlichen Abtreibungen nach ungewollten Schwangerschaften. Dabei gehen Abtreibungen wie Schwangerschaften mit erhöhten Thromboserisiken einher, die grösser sind als jene durch die Pille. Deshalb kamen in der Gesamtbilanz mehr Frauen zu Schaden, weil sie die Pille absetzten, als wenn sie weiter verhütet hätten.

Aber musste nicht die Bekannte einer Bekannten in die Klinik, und hatte sie nicht auch die Pille genommen? «Eine gut erzählte Geschichte ist nicht leicht auszuhebeln, man kann ihr nur komplizierte Argumente entgegensetzen», sagt Kommunikationswissenschaftlerin Helena Bilandzic von der Universität Augsburg. «Man kann entgegnen, dass die Geschichte keine wissenschaftliche Evidenz darstellt, der vermeintliche Erfolg auf Placeboeffekten oder spontanen Heilungsprozessen beruht. All das ist aber längst nicht so attraktiv wie eine schöne, einfache Story mit wünschenswertem Ausgang.»

«Verstehen Sie die Beispiele?»

Beim Umgang mit Risiken gelten Prozentsatzangaben als besonders schwierig. Viele Menschen können nicht einschätzen, was eine Heilungschance von 80 Prozent bedeutet. Besser als die Prozentangabe wäre es dann, wenn der Arzt sagt: Bei fünf Menschen mit dieser Krankheit werden vier durch die Therapie geheilt, und nur einem geht es schlecht. Sollte es dem Arzt gelingen, dem Patienten auf diese Weise oder mithilfe anderer Beispiele klarzumachen, wie es um ihn steht, ist es wichtig, dass er nachfragt: Können Sie das nachvollziehen? Verstehen Sie die Beispiele?

Es kann allerdings auch sein, dass Zahlenmuffel gar nicht unkundig sind, sondern schlicht Pessimisten. Da sie den Eindruck haben, sowieso immer auf der falschen Seite zu sein, ist für sie klar, dass schiefgehen wird, was schiefgehen kann. Die Vorhersage, dass es bei 20 Prozent nicht gut ausgeht, beziehen sie auf sich. Für Patienten heisst das: Dass ich Diabetes habe, bedeutet eben auch – was immer ich tue, es ist ohnehin falsch. Ich werde es nicht schaffen.

Die Aufgabe für den Arzt besteht dann darin, Menschen dazu zu bringen, sich an Positivbeispiele zu erinnern. Ein Gespräch mit den Patienten, was sie konkret tun könnten, etwa ihr Essverhal­ten ändern und sich mehr bewegen, kann positive Erinnerungen verstärken. Prozentzahlen bleiben dagegen ­abstrakt. Menschen wechseln lieber zu einfachen Fragen: Wer fällt mir ein, der Krebs überlebt hat oder daran gestorben ist? Und diese Erfahrung bestimmt dann die Einschätzung des Leidens, unabhängig davon, welche Zahlen der Arzt präsentiert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 21:03 Uhr

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