Schwere Vorwürfe – Zürcher Spital trennt sich von Chirurg

Ein Übergewichtsarzt leistete sich schon in Deutschland Fehler. Trotzdem operiert er in der Schweiz weiter.

Bei Adipositas-Eingriffen wird manchmal der Roboter «Da Vinci» eingesetzt (Symbolfoto) – In Männedorf operierte Ralf Senner jährlich 100 Übergewichtige. Fotos: Getty, Doris Fanconi

Bei Adipositas-Eingriffen wird manchmal der Roboter «Da Vinci» eingesetzt (Symbolfoto) – In Männedorf operierte Ralf Senner jährlich 100 Übergewichtige. Fotos: Getty, Doris Fanconi

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Beatrice M. (Namen geändert) ist nicht wohl bei der Sache. Eigentlich hatte sie versprochen, aus der Geschichte keine grosse Affäre zu machen. Doch der Arzt, dem sie das Versprechen abgegeben hat, hält sich selbst nicht an Abmachungen. Die Rede ist vom Übergewichtschirurgen Ralf Senner, der ihren Ehemann Erich M. vor anderthalb Jahren operiert hat. Nicht nur, dass der Eingriff damals nicht gelungen ist. Senner hatte das Ehepaar vor dem Eingriff falsch informiert und die beiden so um 40'000 Franken gebracht.

Es handelt sich dabei keineswegs um einen Einzelfall. Recherchen zeigen: Senner hat eine lange Vorgeschichte mit Vorwürfen von geschädigten Patienten. Die gravierendsten betreffen die Zeit bis 2010, als er noch in München eine kleine Privatklinik betrieb. Es geht um unvollständige Magenoperationen, nicht existente Nachbetreuung, ungenügende Vorabklärungen. Gemäss einem Gerichtsurteil hat eine Patientin, die eigentlich gar nicht genug übergewichtig für eine entsprechende Operation war, wegen Senner heute keinen Magen mehr. Tagesanzeiger.ch/Newsnet wird morgen über die Fälle in München berichten. Ralf Senner bestreitet praktisch sämtliche Vorwürfe.

Ähnlich gravierende Fälle sind in der Schweiz bisher nicht bekannt. Doch auch hierzulande häufen sich die Probleme. «Wir haben in den letzten drei Jahren von rund einem Dutzend Fällen erfahren, die im Zusammenhang mit Ralf Senner stehen», sagt Heinrich von Grünigen, Präsident des Stiftungsrates der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (Saps). «Das ist ein klares Indiz, dass etwas schlecht läuft.» Mit Folgen: Das Spital Männedorf, wo Ralf Senner seit 2014 als Belegarzt operierte, hat sich am vergangenen Freitag von ihm getrennt.

Die Geschichte von Erich M. ist die bislang schwerwiegendste, auf die Tagesanzeiger.ch/Newsnet in der Schweiz gestossen ist. Im Januar 2015 war das Ehepaar zum ersten Mal bei Senner. Der damals 71-jährige, 1,85 Meter grosse Erich M. wog 155 Kilogramm und hatte Diabetes. Man einigte sich auf eine Magenope­ration. Laut seiner Frau Beatrice M. behauptete Ralf Senner, dass der Eingriff 40'000 Franken koste und die Krankenkassen nicht bezahlen würden. Für den halben Preis könne er die Operation jedoch in St.Petersburg vornehmen. Das Ehepaar M. wollte dies aber nicht. Der Eingriff erfolgte schliesslich im Septem­ber 2015 am Spital Männedorf. Der für Selbstzahler übliche Tarif von 25'000 Franken musste im Voraus ans Spital überwiesen werden, zusätzlich 15'000 Franken direkt an Senner.

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Gravierende Unkorrektheit

«Nach der Operation rief Senner mich an und sagte, dass alles gut gegangen sei», erzählt Beatrice M. Erst zwei Tage später suchte er seinen Patienten auf. «Nachdem er meinen Mann nach seinem Befinden gefragt hatte, bat er mich auf den Korridor hinaus», so die Ehefrau weiter. Er habe wortwörtlich gesagt: «Ich habe es nicht geschafft! Ich konnte nicht bis zum Magen Ihres Mannes vordringen. Ich habe lediglich eine grau verfärbte Leber gesehen. Alles war wie Beton.» Dem Patienten Ernst M. habe Senner dies nicht selbst mitteilen wollen. Dies habe er erst getan, als die Ehefrau insistierte. «Er hatte den Mut nicht, von Anfang an klaren Wein ein­zuschenken. Er befürchtete, dass mein Mann depressiv würde, behauptete er», sagt Beatrice M. Das Ehepaar M. fand schliesslich einen Übergewichtschirurgen, der die Operation in einer anderen Klinik durchführte.

Den Patienten orientierte er erst, als dessen Frau insistierte.

Bald stellte sich heraus, dass Senner falsch informiert hatte: Die Krankenkasse hätte den Eingriff problemlos bezahlt. Allerdings nicht zu dem Preis. «Eine Magenoperation kostet üblicherweise 20'000 bis 25'000 Franken inklusive Voruntersuchungen und Nachbetreuung», sagt Saps-Präsident Heinrich von Grünigen. Damit der Eingriff vergütet worden wäre, hätte er zudem nicht am Spital Männedorf durchgeführt ­werden dürfen. Der Grund: Erich M. hatte bei einer Magenbandoperation vor 20 Jahren schwere Komplikationen erlitten. In solchen schweren Fällen und bei Patienten über 65 übernimmt die Grundversicherung die Kosten nur, wenn gemäss bindenden Richtlinien der Fachorganisation Smob (Swiss Society for the Study of Morbid Obesity and Metabolic Disorders) an sogenannten bariatrischen Referenzzentren operiert wird. Im Raum Zürich sind dies beispielsweise das Unispital oder die Klinik Hirslanden.

Ursprünglich stammt Senner aus Rumänien, wo er zur deutschsprachigen Minderheit gehörte. Dort absolvierte er bis 1982 seine Medizinerausbildung. Später zog er nach Deutschland, wo er die deutsche Staatsbürgerschaft annahm und 1998 den Facharzt in Chirurgie erhielt. Gemäss seiner Website wurde Senner 2003 an der Medizinischen Universität Cluj-Napoca (deutscher Name: Klausenburg) in Rumänien habilitiert. Seither führt er den Titel Professor. Bereits in München und auch in der Schweiz gelang es Senner immer wieder, in die Medien zu kommen. Beispielsweise in einen Fernsehbeitrag der ARD oder prominent in der Münchner «Abendzeitung» (Titel: «OP soll helfen: XXL-Frau will ran an den Speck»). In der Schweiz hat unter anderem die «Schweizer Illustrierte» über Senner als kompetenten Adipositaschirurgen berichtet. In der Gesundheitssendung von Tele Top bekam er einen gut 30-minütigen Auftritt, den er auch werbewirksam auf seiner Website platziert hat.

Live-OP einer an Adipositas erkrankten Person mit dem Roboter «Da Vinci». Video: Prof. Dr. Ralf Senner

Seit zwei bis drei Jahren hat Senner im Stadtzürcher Seefeld eine Praxis mit dem Namen European Special Management Centre of Obesity Surgery, kurz Escos 360. Am Spital Männedorf operierte er bis vor kurzem rund 100 Adipositas-Patienten pro Jahr. Das sind deutlich mehr Eingriffe, als die anderen drei Spezialärzte zusammengenommen an der Klinik vornehmen. Senner gilt als sehr gut im Rekrutieren von Patienten übers Internet. Vor Männedorf war er gut ein Jahr Belegarzt an der Privatklinik Lindberg (Winterthur) und davor an der Klinik Seeschau am Bodensee (Kreuzlingen TG). An den beiden Kliniken geben sich die Direktoren wortkarg: Es seien persönliche beziehungsweise zwischenmenschliche Gründe, weshalb Senner nicht mehr dort arbeite.

Stefan Metzker, Direktor des Spitals Männedorf, sagt: «Aufgrund unserer Vorabklärungen wussten wir von wirtschaftlichen Problemen Senners in München. Von Kunstfehlern hatten wir jedoch keine Kenntnis. Im Gegenteil, uns wurde gesagt, dass Senner an einem früheren Ort ausgesprochen komplikationslos operiert habe.» Auch am Spital Männedorf seien keine medizinisch-fachlichen Fehler aufgetaucht, betont Metzker. Der Grund, wieso sich das Spital jetzt von Senner getrennt habe, sei nicht Erich M., sondern eine andere gravierende Unkorrektheit. Das Spital habe den Fall Erich M. bereits letztes Jahr mit Senner besprochen und entschieden, dem Ehepaar M. die 25'000 Franken für die Operation zurückzuzahlen.

Umstrittener DNA-Test

Neben Erich M. kennt die Patientenorganisation Saps weitere Fälle: Ein Patient meldete sich, weil Senner ihm gesagt habe, dass er zu schwer sei und 40 Kilogramm abnehmen müsse, damit die Krankenkasse die Operation bezahle. «Eine krasse Fehlinformation», sagt Heinrich von Grünigen.

Immer wieder scheint Senner den Patienten zudem einen umstrittenen DNA-Test für 1400 bis über 1600 Franken verschreiben zu wollen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat dazu Aussagen von drei Betroffenen. Auch die Saps hat von mehreren Fällen gehört. In Deutschland, wo Ralf Senner den Test offenbar machen lässt, kostet er laut Website inklusive Auswertung gerade mal 330 Euro. Die Grundversicherung bezahlt den Test nicht.

Sinnlose Essrestriktionen

Der Anbieter gibt an, der Gentest stelle Stoffwechseltypus und optimale Ernährung fest. Senner behauptet zudem gegenüber Patienten, dass er die Resultate benötige, um zu entscheiden, wie er operieren solle. Ein Betroffener, der einen Schlauchmagen erhalten hat, erzählt, dass der Test ihm beim Essen Restriktionen auferlege, die nach der Operation keinen Sinn mehr ergeben würden: «Zum Beispiel soll ich keinen Käse essen, meine Ernährungsberaterin sagt jedoch, dass dies mit dem kleineren ­Magen wichtig sei, damit ich überhaupt genügend Proteine zu mir nehme.»

Für Saps-Präsident von Grünigen ist klar: «Dieser DNA-Test ist äusserst fraglich und zudem irrelevant für die Wahl des Operationsverfahrens.» Gemäss Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich ist es zudem nicht zulässig, im Rahmen einer Behandlung zulasten der Grundversicherung zusätzliche Kosten in Rechnung zu stellen.

Ein anderer Kritikpunkt der Stiftung: Senner dränge immer wieder zu rasch auf einen Operationstermin. «Gemäss Smob-Richtlinien sollten mindestens drei, in der Praxis meist sechs Monate, dazwischenliegen», sagt von Grünigen. Diese Zeit brauche es für seriöse Voruntersuchungen und -behandlungen. Und nicht zuletzt sind viele der Patienten in einer psychisch schwierigen Situation. «Damit muss man behutsam umgehen», so von Grünigen.

«Mit Adipositas-Patienten muss man behutsam umgehen.»Heinrich von Grünigen, Saps-Präsident

Schliesslich soll Senner laut Aussagen von ehemaligen Patienten und auch der Saps mindestens bei einem Patienten Prämien von 300 Franken bezahlt haben, wenn dieser ihm neue Kundschaft vermittelt hatte. Ob dies gegen die Standesordnung des Ärzteverbands FMH oder auch gegen die Berufspflichten verstösst, ist unklar. «Solche Provisionen sind zumindest unethisch», sagt dazu Saps-Präsident von Grünigen.

Die Zürcher Gesundheitsdirektion gibt an, bis jetzt keinerlei Hinweise auf eine problematische Vorgeschichte von Ralf Senner erhalten zu haben. Sie erteilte ihm 2011 die Berufsausübungsbe­willigung. Dies aufgrund üblicher Unterlagen wie Arbeitszeugnisse und Strafregisterauszüge. Zudem lag ein «Certificate of Good Standing» der Regierung von Oberbayern vor. Auch die FMH hat offenbar keine Kenntnis von Vorwürfen zu Ralf Senner.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2017, 06:18 Uhr

Vorgeschichte in München

In München, wo der aus Rumänien stammende Arzt früher operierte, ist er unter Übergewichts-Chirurgen schon lange ein rotes Tuch. «Bei der Mehrzahl der Patienten, die nach einer Operation bei Ralf Senner zu uns kamen, haben wir gesehen, dass der Eingriff nicht vollständig gemacht wurde», sagt Thomas Hüttl, Chefarzt an der Chirurgischen Klinik München-Bogenhausen, wo immer wieder Patienten nachoperiert worden sind. Rudolf Weiner, Professor für Chirurgie an der Universität Frankfurt am Main und Chefarzt am Sana Klinikum Offenbach, sagt: «Senner ist für mich eines der drei grössten schwarzen Schafe auf dem Gebiet der Adipositas-Chirurgie in Deutschland.»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet kennt mehrere Fälle aus München, bei denen Senner fehlerhafte Operationen vorgenommen hat. Drei Patienten sagen, dass er nicht wie versprochen einen Schlauchmagen operiert habe. Herausgestellt hat sich das jeweils erst Jahre später. Eine 23-jährige Frau hatte nach der Operation schwerste Komplikationen und lebt jetzt ohne Magen. Laut einem Urteil des Landgerichts München I musste Senner ihr 65'000 Euro Schmerzensgeld bezahlen und die Kosten künftiger Schäden ersetzen. Das Gericht befand unter anderem, dass die Patientin unzureichend aufgeklärt wurde. Sie war deutlich zu wenig schwer für eine Übergewichtsoperation. Auch musste sie sich sofort für einen Termin für den Eingriff drei Tage später entscheiden. (fxs)

Lesen Sie morgen auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet mehr über die Vorfälle in München.

Stellungnahme

1,5 Millionen Franken Umsatz

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Ralf Senner mit den Vorwürfen an ihn konfrontiert. Zum Fall Erich M. sagt er, dass er gemäss Vereinbarung mit dem Spital Männedorf seinen Anteil von 15?000 Franken zurückzahlen werde. Senner besteht jedoch darauf, dass er den Patienten korrekt abgeklärt und informiert habe. Nach dem Eingriff habe er den Patienten erst zwei Tage später über das Nichtgelingen in Kenntnis gesetzt, weil er fassungslos gewesen sei und Zeit gebraucht habe, «um die Sache zu verdauen». Auch die anderen Kritikpunkte seien «nicht zutreffend», schreibt Senner. Bei den Gentests würden die Patienten darüber aufgeklärt, dass die Kassen nicht bezahlten, und könnten selber entscheiden. Er dränge auch nicht auf OP-Termine und zahle keine Provisionen an Patienten. Zu seiner Verurteilung in München wegen unzureichender Aufklärung schreibt er: «Keine Chirurgie ist letztlich über alles gesehen komplikationsfrei. Ich bedaure die erwähnte Komplikation sehr.» Zu Vorwürfen anderer Patienten äussert er sich nicht. Senner betont, dass er stolz auf seine Tätigkeit in Männedorf sei. Unter anderem wegen seiner tiefen Komplikationsrate und des Umsatzes von rund 1,5 Millionen Franken, den er allein 2016 für das Spital generiert habe. (fes)

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