Interview

«Sie bricht mit einem Tabu»

Angelina Jolie hat sich wegen eines erhöhten Krebsrisikos die Brüste amputieren lassen. Die Gynäkologin Eliane Sarasin Ricklin über die Gründe und Folgen einer solchen Operation.

Operation zur Minimierung des Krebsrisikos: Angelina Jolie.
Video: Reuters

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Die US-Schauspielerin Angelina Jolie hat sich vorsorglich beide Brüste amputieren lassen – aus Angst vor Krebs. Ist das eine übliche Vorgehensweise?
Der Fachbegriff dafür heisst präventive Mastektomie. Diese Vorgehensweise wird bei vorliegender Genmutation mit erhöhtem Brustkrebsrisiko immer populärer und ist in den USA weiter verbreitet als bei uns. Das Erkrankungsrisiko kann damit um rund 95 Prozent gesenkt werden.

Bei Jolie besteht ein erhöhtes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, jedoch keine Diagnose. Hat sie nicht etwas überreagiert?
Nein. Es handelt sich um eine vorbeugende Massnahme. Wir empfehlen diese Vorgehensweise bei Frauen mit einer nachgewiesenen Genmutation. Das sind fünf bis zehn Prozent aller Brustkrebsfälle. Auch nicht genetisch bedingte Fälle – Frauen, die bereits unter einer Vorstufe von Brustkrebs leiden – können sich einem solchen Eingriff unterziehen. Die Schauspielerin Christina Applegate gilt als prominentes Beispiel.

Wie oft wird diese Praxis in der Schweiz angewendet?
In der Schweiz ist das Vorgehen noch nicht so verbreitet. Wir haben jährlich 5500 Brustkrebserkrankungen, davon haben nur rund fünf Prozent der Frauen eine Genmutation. Ein Bruchteil davon lässt sich letztlich einer Amputation unterziehen. Der Anteil ist etwas niedriger als in den USA, wo traditionell eine offenere Haltung gegenüber plastisch-chirurgischen Eingriffen besteht.

Wie kann das Brustkrebsrisiko getestet werden?
Es gibt die Möglichkeit eines Bluttests. Es ist wichtig und notwendig, dass Frauen im Vorfeld eine genetische Beratung durch eine Fachperson erhalten. Dabei wird auf Risiken und Folgen aufmerksam gemacht. Was gibt es für medizinische Möglichkeiten? Was sind die Folgen für das Umfeld? Jede Patientin hat immer ein Recht auf Nichtwissen. Das heisst, eine Frau hat die Möglichkeit, Nein zu sagen, wenn sie etwa nicht will, dass unter den Angehörigen Panik ausbricht. Denn bei einer genetischen Mutation sind immer auch die Nachkommen – Töchter, Enkelinnen – betroffen.

Gibt es auch Patientinnen, denen Sie vor einer solchen Operation abraten?
Wir empfehlen es in der Regel nur Frauen mit einer nachgewiesenen genetischen Veränderung und jenen, die ein Erkrankungsrisiko von etwa 80 Prozent aufweisen. Zum Vergleich: Eine gesunde 80-jährige Frau weist ein Erkrankungsrisiko von durchschnittlich zwölf Prozent auf.

Was gibt es für Alternativen zur Brustamputation?
Es gibt die Möglichkeit von jährlichen klinischen und mammografischen Kontrollen, ergänzt durch Ultraschall oder Magnettomografie. Auf diese Weise kann eine Krebserkrankung möglichst frühzeitig diagnostiziert werden. Im Gegensatz dazu senkt die präventive Mastektomie das Risiko, überhaupt erst an Brustkrebs zu erkranken um über 90 Prozent. Sie ist die sicherste Massnahme für eine Frau mit Genmutation. Eine andere Möglichkeit ist die prophylaktische Antihormontherapie, die das Risiko der Brustkrebserkrankung um etwa 50 Prozent senkt. Sie ist jedoch mit gewissen Nebenwirkungen verbunden.

Brauchen die Patientinnen nach dem Eingriff eine psychologische Beratung?
Professionelle Unterstützung diesbezüglich halte ich für ideal. Gerade bei der Entscheidungsfindung nach dem Test kann dies unterstützend wirken. Dabei spielt sicher auch das persönliche Umfeld eine grosse Rolle. Auf die Partnerschaft kann der Eingriff belastend wirken. Weil eine Frau nach der Operation die Sensibilität verliert im Bereich der Brüste, kann sich dies auf das Sexualleben auswirken.

Eine Studie aus Holland besagt, dass die Zufriedenheit der Frauen mit ihrem Äusseren nach einer Brustamputation abnimmt.
Es ist sicherlich abhängig vom chirurgischen Resultat. Es kommt allerdings auch auf den Körpertyp der Frau an. Kleine Brüste sind einfacher zu rekonstruieren als grosse. In seltenen Fällen besteht die Möglichkeit, körpereigenes Gewebe, beispielsweise Fett vom Bauch, statt Silikon zu verwenden. Frauen mit einer grossen Oberweite haben oft mehr Schwierigkeiten, sich an das neue Erscheinungsbild zu gewöhnen.

Müssen die Implantate nach einer gewissen Zeit ersetzt werden?
Die Medizin hat sich in diesem Bereich stark weiterentwickelt. Obwohl es inzwischen Implantate gibt, die ein Leben lang halten, müssen Frauen damit rechnen, dass Komplikationen nicht ausgeschlossen sind. Jeder Körper geht anders mit Implantaten um. Es kann zu Kapselbildungen oder Verhärtungen kommen. Es werden regelmässige Untersuchungen empfohlen.

Was kostet der Eingriff?
Die Patientinnen müssen mit Kosten von über 30'000 Franken rechnen. Bei einem genetisch nachgewiesenen Risiko und wenn gute Argumente vorliegen, bezahlt fast immer die Krankenkasse. Eine Brustkrebsbehandlung mit nachfolgender Chemotherapie ist viel teurer.

Was wird der Fall Angelina Jolie in der Öffentlichkeit bewirken?
Sie bricht damit mit einem Tabu. Bereits die Brustkrebsdiagnose von Christina Applegate im Jahr 2008 hatte ein gewisses Medienecho ausgelöst. Die Schauspielerin gebar danach ein gesundes Kind und setzte damit ein ermutigendes Zeichen. Das Publikwerden solcher Fälle ist wichtig, weil sie einen öffentlichen Diskurs auslösen. Für betroffene Frauen wird es dadurch einfacher, darüber zu sprechen.

Besteht die Gefahr, dass sich nun Frauen, bei denen das Erkrankungsrisiko gering ist, voreilig operieren lassen?
In der Schweiz gibt es Schranken, die ein solches Vorgehen verhindern. Allen voran die Krankenkassen, die ihr Veto einlegen können. Auch die Ärzte sind sich in der Regel ihrer ethischen Verantwortungspflicht bewusst und raten von einer Operation ab, wenn dies nicht zwingend nötig ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.05.2013, 13:58 Uhr

Dr. med. Eliane Sarasin Ricklin ist Gynäkologin an der Hirslandenklink und im Brustzentrum in Zürich. Die 48-Jährige ist auf Gebieten der Synologie/Onkologie und Sexualmedizin tätig.

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