Small Talk

«Sie missionieren für Homöopathie»

David Shaw kritisiert Homöopathen, die humanitäre Organisationen im Kampf um Mittel konkurrenzieren.

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Sie haben im angesehenen «British Medical Journal» kürzlich die «Homöopathen ohne Grenzen» massiv kritisiert. Was stört Sie an dieser Organisation?
Das Hauptproblem ist, dass sie einen Namen gewählt haben, der wie «Ärzte ohne Grenzen» klingt. Dadurch geben sie sich den Anstrich einer humanitären Organisation, die bei Natur- oder Hungerkatastrophen vor Ort Hilfe leistet. Bei den «Homöopathen ohne Grenzen» ist die wichtigste Motivation jedoch nicht die Versorgung der Bevölkerung, sondern das Propagieren von Homöopathie in Entwicklungsländern. Das finde ich sehr problematisch.

Was ist falsch daran, Homöopathie in Drittweltländern zu propagieren?
Es gibt keine Belege dafür, dass die Behandlungsmethode wirkt. Bei uns ist dies nicht so ein grosses Problem, da die Homöopathie in der Regel ergänzend zur Schulmedizin eingesetzt wird. In Entwicklungsländern sind die Gesetze jedoch weniger streng, und Homöopathen können generell grössere Heilversprechen machen. Einige behaupten dort sogar, dass selbst Malaria, Aids oder Krebs mit Homöopathie bekämpft werden können. Weil die Homöopathen ohne Grenzen aus westlichen Ländern kommen, glauben die Leute in unterentwickelten Gebieten zudem, dass die propagierte Behandlung normale, evidenzbasierte Mainstream-Medizin sei – was sie natürlich nicht ist.

Häufig gibt es in Katastrophengebieten gar keine medizinische Versorgung. Ist Homöopathie da nicht besser als gar keine Hilfe?
Das mag sein. Doch wenn Homöopathie angeboten wird, haben die Betroffenen immer noch keine medizinische Versorgung erhalten. Homöopathie ist keine Medizin.

Was, glauben Sie, ist die Motivation der Homöopathen ohne Grenzen?
Ihre Motivation ist nicht unbedingt verwerflich. Die meisten werden überzeugt sein, dass Homöopathie den Menschen hilft. Doch gehen sie nicht nur in Krisengebiete, um die Menschen vorübergehend zu unterstützen, bis es wieder besser geht. Im Rahmen ihrer Hilfsaktion bauen die Freiwilligen homöopathische Apotheken auf und bringen der Lokalbevölkerung bei, die alternative Behandlung selbst auszuüben. Letztlich missionieren sie für Homöopathie.

Hatten Sie mit der Organisation schon direkt zu tun?

Ich wurde vom deutschen Ableger der Homöopathen ohne Grenzen an den Jahreskongress in Berlin eingeladen. Eigentlich wollte ich hingehen, weil ich es gut finde, dass sie auch Skeptiker wie mich eingeladen. Nachdem ich jedoch über die Organisation etwas recherchiert hatte, war ich doch recht verstört. Ich habe dann doch abgesagt.

Was hat Sie besonders irritiert?
Ich finde es vor allem bedenklich, dass sie die Kühnheit haben, Leute zur Geldspende aufzufordern. Eine Homöopathie-Organisation finanziell zu unterstützen, ist grundsätzlich in Ordnung. Jedoch nicht, wenn das Geld dadurch herkömmlichen humanitären Organisationen entzogen wird. Potenziell fliessen Spendengelder zu den Homöopathen ohne Grenzen, die dann den Ärzten ohne Grenzen fehlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2013, 12:14 Uhr

Der Bioethiker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bio- und Medizinethik der Universität Basel.

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