Singen bricht das Eis

Wer in einem Chor mittut, findet schnell sozialen Anschluss.

Singen stärkt soziale Bindungen: Der Chor Choeur Mixte St-Michel aus Haute-Nendaz am Schweizer Gesangfest 2015.

Singen stärkt soziale Bindungen: Der Chor Choeur Mixte St-Michel aus Haute-Nendaz am Schweizer Gesangfest 2015. Bild: Peter Schneider/Keystone

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Es mag altmodisch klingen, wenn Lehrerinnen und Lehrer landauf, landab ihre Klasse bei Schulbeginn am Morgen erst mal zum gemeinsamen Singen vor der Wandtafel versammeln. Aber just dieses Ritual ist vielleicht die beste Methode, den sozialen Zusammenhalt unter den Kindern in der Klasse zu fördern. Dies zumindest legt eine neue Studie britischer Psychologen nahe. Demnach stärkt gemeinsames Singen die sozialen Bindungen, und zwar quasi schon ab dem ersten Ton.

Für ihre Studie begleiteten die Forscher um den Sozialpsychologen Robin Dunbar von der Universität Oxford sieben Gruppen von Menschen, die entweder an einem Gesangsworkshop, einem Handwerkerkurs oder einer Schreibwerkstatt teilnahmen. Nach einem, drei und sieben Monaten wurden die Teilnehmer befragt, wie wohl sie sich in der Gruppe fühlten. Dabei zeigte sich, dass jene Menschen, die im Chor sangen, schon nach den ersten paar Lektionen ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelten, auch wenn sich die einzelnen Sängerinnen und Sänger kaum kannten.

Anders die Menschen in den Handwerks- und Schreibkursen: Sie brauchten länger, bis sie sich ähnlich stark untereinander verbunden fühlten. Am Ende der siebenmonatigen Kurse war es dann allerdings allen Kursteilnehmern ähnlich wohl in ihrer jeweiligen Gruppe. «Singen scheint das Eis viel schneller zu brechen als die anderen Aktivitäten», sagte die Hauptautorin der Studie, Eiluned Pearce, zum Wissenschaftsmagazin «Science». Das vereinfache das Knüpfen sozialer Bindungen.

Synchrone Tätigkeiten erhöhen Hormonspiegel

Schon lange vermuten Experten, dass Singen und andere musikalische Aktivitäten Anpassungen im Laufe der Evolution waren, um soziale Bindungen zu stärken. In allen menschlichen Gesellschaften wird gesungen, religiöse Gemeinschaften nutzen das gemeinsame Singen gar explizit, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken, und kaum jemand kann gar nicht singen.

Beim Singen, schreiben Pearce und Dunbar in ihrer Studie im Fachblatt «Royal Society Open Science», schüttet das Hirn zwei Substanzen aus, die mit sozialen Bindungen in Zusammenhang stehen: Oxytocin und Beta-Endorphin. Das Neuropeptid Beta-Endorphin spielt bei Mutter-Kind- und bei Liebesbeziehungen eine Rolle. Es wird aber auch ausgeschüttet, wenn Menschen sich synchron verhalten, etwa beim Rudern, beim Lachen oder Tanzen.

Daher ist unklar, ob Singen wirklich die einzige Methode ist, rasch ein Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Gruppe zu schaffen. Es kann gut sein, dass Tanzen, Schauspielern oder gemeinsame sportliche Aktivitäten ähnliche Effekte haben wie Singen, denn all diese Tätigkeiten werden ebenfalls synchron ausgeübt.

Dass Menschen beim gemeinsamen Singen sehr schnell Bindungen knüpfen könnten, mache aus evolutiver Perspektive Sinn, schreiben die britischen Forscher. Das Singen habe es dem Homo sapiens erlaubt, viel grössere soziale Netzwerke zu bilden und zu erhalten als seine nächsten Verwandten. Und dieses Zusammenleben in grösseren Gruppen habe letztlich den Siegeszug des Menschen rund um den Planeten erleichtert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.10.2015, 14:37 Uhr

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