So gefährlich sind Schlaftabletten

Beruhigungsmittel beenden durchwachte Nächte. Sie können aber abhängig machen – schon in kleinen Dosen.

Die Abhängigkeit von den «kleinen Helfern» verläuft häufig schleichend: Schlaftabletten. Foto: iStock

Die Abhängigkeit von den «kleinen Helfern» verläuft häufig schleichend: Schlaftabletten. Foto: iStock

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Sie sind ein Retter in der Not, bereiten durchwachten Nächten ein Ende und lassen Angstzustände wie durch Zauberei verschwinden. Kein Wunder, gehören Benzodiazepine zu den meistverschriebenen Medikamenten überhaupt. Doch die hochwirksamen Schlaf- und Beruhigungsmittel haben ihre Tücken.

Als die ersten Benzodiazepine Mitte des letzten Jahrhunderts auf den Markt kamen, war die Euphorie gross: Standen bislang vorwiegend Barbiturate als Schlaf- und Beruhigungsmittel zur Verfügung, die schnell süchtig machten und leicht zu Vergiftungen führten, hofften die Mediziner nun, eine Alternative gefunden zu haben. Insbesondere Valium entwickelte sich zum Kassenschlager und wurde von den Rolling Stones 1966 als «Mother’s Little Helper» besungen. Denn zu den Konsumenten gehörten Hausfrauen, die mit dem Mittel den Alltag überstanden.

In den folgenden Jahrzehnten kamen weitere Benzodiazepine auf den Markt. Heute sind rund zwei Dutzend Wirkstoffe dieser Gruppe in der Schweiz erhältlich. Sie tragen Namen wie Temesta, Seresta, Lexotanil, Dormicum, Xanax oder Stilnox. Letzteres ist kein Benzodiazepin, aber eng damit verwandt.

Jeder Zehnte wird abhängig

Wie beliebt solche Medikamente sind, zeigt eine Hochrechnung der Krankenversicherung Helsana aus dem Jahr 2015: Rund vier Millionen Packungen Schlaf- und Beruhigungsmittel verschreiben Ärzte in der Schweiz pro Jahr, für mehr als 800'000 Patienten. Eine Untersuchung von Suchtmonitoring Schweiz von 2016 liefert weitere Daten: So hatten rund 7 Prozent der Befragten ab 15 Jahren in den letzten vier Wochen Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingenommen; bei den über 75-Jährigen waren es 18 Prozent. Etwa die Hälfte der Befragten nahmen diese seit mehr als einem Jahr täglich ein. Hochgerechnet sind das 200'000 Menschen.

Diese Zahlen sind deshalb brisant, weil die Benzodiazepine den grössten Anteil unter den Schlaf- und Beruhigungsmitteln ausmachen und sich nicht für einen längerfristigen Gebrauch eignen. «Benzodiazepine sollten in der Regel nicht länger als vier bis acht Wochen eingenommen werden», sagt der Psychiater Marc Vogel vom Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel.

Die Beschränkung hat einen guten Grund. Schon kurz nach der Markteinführung stellte sich heraus, dass auch Benzodiazepine abhängig machen können – bereits in niedrigen Dosierungen. Mediziner sprechen von einer «Low-Dose-Abhängigkeit». Davon betroffen sind vor allem ältere Menschen, die Benzodiazepine oft gegen Schlaflosigkeit einnehmen.

«Patienten müssen über die Risiken der Langzeiteinnahme aufgeklärt werden»: Marc Vogel, Psychiater.

Im Schnitt wird jeder Zehnte, der Benzodiazepine länger einnimmt, abhängig, schätzt Marc Vogel. Zeichen einer Abhängigkeit können Entzugssymptome wie Angst, Unruhe und Schlafstörungen sein, «also genau die Beschwerden, welche die Patienten mit den Benzodiazepinen bekämpfen wollen».

Die Medikamente haben nebst der Suchtgefahr weitere mögliche Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen oder Verwirrtheit. Da Benzodiazepine muskelentspannend wirken, kann es bei älteren Menschen zu einem unsicheren Gang und vermehrt zu Stürzen kommen. Für den Geriater Reto Kressig, Ärztlicher Direktor der Universitären Altersmedizin Felix Platter in Basel, ist die erhöhte Sturzgefahr eine der schwerwiegendsten Nebenwirkungen. «Im Alter brechen sich die Menschen bei einem Sturz oft den Oberschenkelhals», sagt der Altersmediziner. «Häufig werden sie dadurch bis zum Ende ihrer Tage pflegebedürftig.» Finnische Forscher der Universität Helsinki zeigten 2006 in einer Studie, dass rund die Hälfte der 223 untersuchten Patienten mit Oberschenkelhalsbrüchen unter dem Einfluss von Benzodiazepinen standen.

In den letzten Jahren gerieten Benzodiazepine weiter unter Beschuss. Einzelne Beobachtungsstudien fanden einen Zusammenhang zwischen einer langjährigen Einnahme und dem Auftreten einer Demenz. «Dies ist aber kein Beweis, dass die Mittel eine Demenz fördern», sagt Reto Kressig. Es kann sein, dass Menschen mit einer späteren Demenz eher Benzodiazepine einnehmen, da es im Vorfeld der Krankheit oft zu Schlafstörungen oder Ängstlichkeit kommt. Erwiesen ist hingegen, dass Menschen im Alter empfindlicher auf Benzodiazepine reagieren. «Bei Patienten, die bereits an einer leichten Demenz leiden, können Benzodiazepine Verwirrtheitszustände auslösen», sagt der Geriater Kressig. Zudem könne es bei älteren Menschen eher zu einer Überdosierung kommen, da sich durch den verlangsamten Stoffwechsel die Substanzen langsamer abbauen.

Höhere Dosen zeitigen Folgen

Grundsätzlich gilt: «Je länger die Einnahme und je höher die Dosis, desto eher ist mit unerwünschten Folgen zu rechnen», sagt der Psychiater Marc Vogel und erzählt von einem typischen Fall einer siebzigjährigen Patientin. Sie erhielt vom Arzt ein Rezept für den Benzodiazepin-Wirkstoff Lorazepam, da sie nach dem Tod ihres Mannes unter Schlaflosigkeit litt. Mehrere Jahre lang nahm sie jeden Abend eine Tablette, um einzuschlafen. Selten nahm sie das Medikament tagsüber, wenn sie angespannt oder nervös war. Irgendwann ging die Frau nicht mehr ohne ihre Notfalltablette aus dem Haus.

Als sie nach einem Sturz ins Spital musste und im Mehrbettzimmer keine Ruhe fand, erhöhte sie die abendliche Dosis auf zwei Tabletten. Wieder daheim, nahm sie häufiger auch tagsüber eine Pille, um sich zu beruhigen. Allmählich steigerte sie die Dosis auf vier Tabletten pro Tag. Ihren Kindern fiel auf, dass sie antriebslos wirkte, unkonzentriert war und Abmachungen nicht einhielt. Der Sohn suchte deshalb mit der Mutter den Hausarzt auf, der sie an einen Psychiater verwies. Dieser diagnostizierte eine Benzodiazepin-Abhängigkeit sowie eine leichte Depression.

Untersuchungen zeigen, dass Benzodiazepine am häufigsten von Allgemeinmedizinern und Internisten verschrieben werden.

Die Abhängigkeit von den «kleinen Helfern» verläuft häufig schleichend. «Die Betroffenen verändern sich nicht so stark wie bei einer Alkohol- oder Kokainsucht», sagt Marc Vogel. «Für Angehörige ist es oft schwierig, die Abhängigkeit zu erkennen.» Dazu kommt, dass Symptome wie Vergesslichkeit oder ein unsicherer Gang häufig dem Alter der Betroffenen zugeschrieben werden.

Die Frau im Fallbeispiel hatte ihr Dauerrezept vom Hausarzt. Untersuchungen zeigen, dass Benzodiazepine am häufigsten von Allgemeinmedizinern und Internisten verschrieben werden. Schon seit Jahren fordern Suchtexperten deshalb, dass Hausärzte die Medikamente zurückhaltender verschreiben sollen. «Steckt der Patient in einer akuten Krise, kann es angebracht sein, ihm zur Überbrückung ein Benzodiazepin abzugeben», sagt der Psychiater Marc Vogel. «Doch der Hausarzt sollte seine Patienten motivieren, weitere Schritte zu unternehmen.»

Psychotherapie als Ausweg

Bei Ängsten oder Panikattacken zum Beispiel sei eine sogenannte kognitive Verhaltenstherapie ratsam. «Das ist natürlich aufwendiger und unangenehmer, als eine Tablette zu schlucken. Der Patient muss sich Zeit nehmen und sich seiner Angst aussetzen.» Doch die Mühe lohnt sich, weil eine solche Behandlung das Problem an der Wurzel packe und langfristig Erfolge bringe.

Philippe Luchsinger, Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz, wehrt sich gegen die Kritik, Hausärzte würden leichtfertig Benzodiazepine abgeben. «In der Regel verschreiben wir diese Medikamente nur als kurzfristige Lösung», sagt der Allgemeinmediziner aus Affoltern am Albis ZH. «Zusammen mit dem Patienten schauen wir dann weiter.» So würden Hausärzte ihre Patienten über schlafhygienische Massnahmen aufklären und mit ihnen psychotherapeutische Gespräche führen. «Bei schwereren Fällen erfolgt eine Überweisung an einen Psychiater oder delegierten Psychotherapeuten.» Manchmal sei es aber schwierig bis unmöglich, die Patienten zu einer Psychotherapie zu motivieren. «Es gibt Patienten, die können oder wollen keine Psychotherapie machen.»

Verschrieben sind Beruhigungsmittel leicht: Deshalb ist es wichtig, dass Ärzte und Patienten auf eine mögliche Abhängigkeit achten. Foto: iStock

In gewissen Fällen hält es Philippe Luchsinger für verantwortbar, die Mittel langfristig zu verschreiben. «Ich habe Patienten von meinem Vorgänger übernommen», sagt der Hausarzt, der seine Praxis seit über 30 Jahren führt. «Manche davon nehmen seit 40 Jahren Benzodiazepine, um einzuschlafen, ohne dass je Probleme aufgetaucht sind.» Auch der Psychiater Marc Vogel vom Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen räumt ein, dass in manchen Fällen ein langfristiger Konsum gerechtfertigt sein könne – wenn andere Behandlungen scheiterten. Aber: «Patienten müssen über die Risiken der Langzeiteinnahme aufgeklärt werden.» Eine Entwöhnung sollte nur mit ärztlicher Begleitung vorgenommen werden. «Ein Entzug von Medikamenten ist meist schwieriger als der von Alkohol und dauert oft Wochen oder Monate.» Dabei wird die Dosis schrittweise herabgesetzt, um schwere Entzugserscheinungen wie Krampfanfälle oder Wahnvorstellungen zu vermeiden. «Bei Patienten, die motiviert sind, stehen die Chancen auf Erfolg gut.»

Die Witwe begann unter Überwachung ihres Psychiaters, ihren Tablettenkonsum auszuschleichen. Nach jeder Reduktion fühlte sie sich unruhig, schlief schlechter, jedoch nur für einige Tage. Gleichzeitig begann sie eine Behandlung mit einem Antidepressivum und eine kognitive Verhaltenstherapie. Die Antriebslosigkeit, die Konzentrations- und Gedächtnisprobleme bildeten sich zurück. Nach einem Jahr konnte sie alle Therapien beenden – und findet seither auch ohne die «kleinen Helfer» in den Schlaf.

(Schweizer Familie) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2019, 21:27 Uhr

Wie ist eine Abhängigkeit zu erkennen?

Die Abhängigkeit von Benzodiazepinen zeigt sich nicht bei allen Menschen gleich. Dennoch gibt es einige Hinweise. Wenn solche Anzeichen bemerkt werden, sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Fixierung auf das Medikament

Der Betroffene geht nicht mehr ohne Tablette aus dem
Haus. Das Leben dreht sich immer mehr um das Medikament. Der Gedanke, das Mittel abzusetzen, löst Unbehagen oder gar Angst aus.

Ausweitung der Einnahme

Das Medikament wird plötzlich nicht mehr nur zum Schlafen, sondern auch tagsüber eingenommen.

Steigerung der Dosis

Die Tablettendosis wird eigenmächtig erhöht, weil sich der Körper an die Substanz gewöhnt hat und die bisherige Dosis keine Wirkung mehr zeigt.

Entzugssymptome

Beim Absetzen können Entzugssymptome wie Angst, Unruhe, Schlaflosigkeit oder Gereiztheit auftreten. Auch wenn die Substanz regelmässig eingenommen wird, sind Entzugserscheinungen möglich, weil der Körper sich an die Zufuhr gewöhnt hat.

Geheimniskrämerei

Wenn niemand von den Tabletten wissen sollte, kann das auf eine Abhängigkeit
hindeuten.

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