So viel zahlt die Pharma Ihrem Arzt

Mit 97'000 Franken von Novartis steht ein Krebsspezialist aus der Romandie an der Spitze: Aus einer Datenbank lassen sich nun Zahlungen an Ärzte abfragen.

Die Pharmaindustrie steckt manchen Ärzten grössere Summen in die Tasche, um sie zu beeinflussen.

Die Pharmaindustrie steckt manchen Ärzten grössere Summen in die Tasche, um sie zu beeinflussen. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Ende Juni gaben 59 Medikamentenhersteller erstmals im Detail bekannt, wie viel Geld sie Ärzten und Organisationen in der Schweiz zahlen. Mit viel Fleiss und Ausdauer haben Journalisten der Zeitschrift «Beobachter» gemeinsam mit dem deutschen Recherchebüro Correctiv und mit «Spiegel online» die absichtlich schlecht zugänglichen Informationen in einer Datenbank aufbereitet. Patientinnen und Patienten können nun auf einer Website unter dem Titel Franken für Ärzte abfragen, wie viel Geld ihr Arzt von den verschiedenen Firmen bezieht und wofür.

Hintergrund der Veröffentlichungen ist eine europaweite Transparenzinitiative der Pharmaindustrie. Sie will damit versuchen, verbindliche gesetzliche Regulierungen zu verhindern. Solche haben die USA 2013 eingeführt. Publiziert haben die Firmen ihre Zahlungen bis jetzt nur auf ihren eigenen Websites. Dort sind sie zum Teil schwer auffindbar. Patientinnen und Patienten oder andere Interessierte konnten sich dadurch kein Bild von den Zahlungen an einen bestimmten Arzt machen.

Ärzte wollen anonym bleiben

Insgesamt haben die Firmen im Jahr 2015 rund 140 Millionen Franken an Ärzte und Organisationen bezahlt, ergab die Auswertung des «Beobachter». 15,5 Millionen Franken gingen davon direkt an Fachpersonen, im Durchschnitt rund 1350 Franken pro Person. Den höchsten Betrag erhielt ein Westschweizer Krebsspezialist mit 97'000 Franken von Novartis. Zu den deklarierten Summen kommen Zahlungen, die über Studien indirekt an die Ärzte gingen. Insbesondere Anwendungsbeobachtungen nach der Zulassung von Medikamenten sind umstritten und gelten in vielen Fällen als Marketing-Instrument. Diese Gelder sind versteckt in der Gesamtsumme für Forschung, welche die Firmen nicht aufschlüsseln.

Der Branchenverband Scienceindustries, welcher die Transparenzinitiative in der Schweiz koordiniert, wollte selber keine zentrale Datenbank schaffen. Und die Firmen veröffentlichten ihre Tabellen zum Teil in Dateiformaten, die eine digitale Auswertung stark erschwerten. Beides zeigt, dass die Industrie nicht an einer guten Zugänglichkeit der Daten interessiert ist. Doch auch vonseiten der Ärzte scheint man froh über die halbherzige Transparenz: Der Ärzteverband FMH schreibt Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass das Vorgehen der Industrie ausreichend sei. «Eine Zentralisierung würde einzig einen unnötigen und bürokratischen Mehraufwand bedeuten», lässt der Verband verlautbaren. Eine Behauptung, die nun widerlegt wurde. Dass der Aufwand zumutbar wäre, zeigt die Arbeit der Journalisten.

Die nun ermöglichte Zugänglichkeit durch eine zentrale Datenbank hat allerdings einen Haken: Erscheint ein Arzt bei einer Abfrage nicht, heisst das nicht unbedingt, dass er keine Gelder bekommen hat. Es kann auch bedeuten, dass er die Zahlungen nicht öffentlich machen wollte – zum Beispiel weil sie besonders hoch sind. Die Pharmafirmen mussten die Ärzte anfragen, ob sie einverstanden sind, dass an sie getätigte Zahlungen veröffentlicht werden. Nicht wenige bestanden darauf, anonym zu bleiben. Wenn beim eigenen Arzt keine Angaben erscheinen, bleibt deshalb nichts anderes, als ihn direkt zu fragen.

Nicht an Zugänglichkeit interessiert

Laut dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), welches die Daten ebenfalls eingehender analysiert hat, sind rund 30 Prozent der Gelder an Organisationen und Ärzte anonym deklariert worden. Hinzu kommen die gänzlich unaufgeschlüsselten Ausgaben für Forschung. Diese Unvollständigkeit hat SRF nach eigenen Angaben dazu bewogen, auf die Veröffentlichung einer zentralen Datenbank zu verzichten.

Möglicherweise wird sich aber bei künftigen Veröffentlichungen der Pharma eine Pflicht zur Deklaration der Zahlungen durchsetzen. GlaxoSmithKline und Novartis haben bereits angekündigt, dass sie nur noch mit Ärzten zusammenarbeiten wollen, die einer Publikation zustimmen. Genau dies hat im Juni in Deutschland auch der Präsident der deutschen Bundesärztekammer gefordert. Die Schwesterorganisation in der Schweiz, die FMH, stellt solche Forderungen nicht auf. Immerhin würde man es «akzeptieren», falls die Firmen ihre Zahlungen an Bedingungen knüpfen.

Selbst kleine Geldsummen oder gar nur Nettigkeiten können dazu führen, dass sich ein Arzt unbewusst zugunsten eines Produkts entscheidet. Das belegen unzählige Studien. Im Juni ist zum Beispiel eine Untersuchung im Fachblatt «JAMA Internal Medicine» erschienen, die über 60'000 Zahlungen an US-Ärzte im Zusammenhang mit vier häufigen Medikamenten untersucht hat. Mit Abstand am häufigsten waren Essenseinladungen. Die Forscher fanden, dass selbst eine einzige bezahlte Mahlzeit dazu führt, dass der Arzt ein Medikament häufiger verschreibt. Bei vier oder mehr Einladungen vervielfachte sich die Rate zwischen 1,8- und 5,4-mal, je nach Medikament.

«Mit dieser Transparenzinitiative wird nicht nur das Vertrauen in die Gesundheitsversorgung und in die Forschung gestärkt, sondern auch in die Unabhängigkeit der verschiedenen Stakeholder», behauptet die FMH. Fast wortgleich formuliert es der Branchenverband Scienceindustries. Ein frommer Wunsch. Angesichts der Hürden und Unzulänglichkeiten der Initiative dürfte bei vielen das Misstrauen gestiegen sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.08.2016, 18:27 Uhr

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