Starthelfer für die Allerkleinsten

Chefarzt Daniel Surbek will mit Stammzellen aus der Nabelschnur die Folgen von Hirnschäden bei Babys verhindern.

«Einige sind echte Kämpfernaturen», sagt Daniel Surbek. Foto: Adrian Moser

«Einige sind echte Kämpfernaturen», sagt Daniel Surbek. Foto: Adrian Moser

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Sie sind winzig klein, ihre Augen immer noch zu, die Haut pergamentartig, die Oberarme oder Beinchen kaum dicker als der Daumen der Mutter. Im Takt des Beatmungsgeräts hebt sich ihr Brustkorb sachte auf und ab. Frühgeborene, die in der 24. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, wiegen kaum mehr als 500 Gramm. «Niemand kann mit Gewissheit sagen, ob und, wenn ja, mit welchen Folgen sie den viel zu frühen Start ins Leben meistern», sagt Daniel Surbek, Chefarzt für Geburtshilfe und feto-maternale Medizin am Inselspital Bern. Die äusserste Grenze zur Lebensfähigkeit ist die 23. Woche. In der Deutschschweiz geht der Trend – anders als in der Romandie – mittlerweile mehr und mehr in diese Richtung.

«Es ist ein schmaler Grat zwischen Leben und Tod», fügt Surbek hinzu. Denn vor allem die Gefahr einer plötzlich auftretenden, schweren Hirnblutung ist bei den Allerkleinsten sehr gross. Je nachdem, wo und wie gravierend die Blutung im Gehirn ist, kann es sein, dass die Kinder später weder laufen noch richtig sprechen lernen. Deshalb ist es wichtig, vor allem in solchen seltenen Extremfällen gemeinsam mit den Eltern zu entscheiden, ob man bei einer sehr frühen Frühgeburt um jeden Preis alles für das Überleben des Kindes tut und auch nach der Geburt die intensivmedizinische Behandlung weiterführen oder allenfalls nach einer Besprechung im Ethikzirkel die Beatmungsmaschine abstellen soll, wenn die Prognose für das Kind extrem schlecht ist. Eine äusserst schwierige Frage – immer wieder von neuem.

Vom unreifen zum robusten Kind

Doch es gibt auch die andere Seite, bei dem ein noch extrem unreifes Frühgeborenes völlig gesund wird oder vielleicht nur noch leichte Einschränkungen hat. «Das ist das Schöne an meinem Beruf», sagt Surbek bei unserem Treffen in seinem Büro im modernen Theodor-Kocher-Haus, das sich neben dem Quartierpark Friedbühlanlage befindet. Von einigen ehemaligen Patientinnen erhält er jedes Jahr eine Karte oder einen Brief mit aktuellen Bildern der Kinder. Einige von ihnen scheinen echte Kämpfernaturen mit einer gewissen Robustheit zu sein.

Der 56-jährige Gynäkologe aus Basel, der auch in den USA und in Grossbritannien forschte, ist seit 14 Jahren Co-Direktor der Universitäts-Frauenklinik Bern. «Ich komme aus einer Medizinerfamilie in vierter Generation», erzählt er und zeigt auf das Gemälde hinter sich. Dieser Mann dort sei sein Urgrossvater Victor Surbek, der von 1890 bis 1920 medizinischer Direktor des Inselspitals war. «Ich habe väterlicherseits eine gewisse erbliche Vorbelastung», sagt Surbek, der selbst Vater von zwei Kindern ist. Die beiden seien aber nicht mehr auf dieser Medizinerschiene, sondern studierten momentan an der ETH Zürich und an der Uni Bern.

Einer von Surbeks Forschungsschwerpunkten ist es, Schwangerschaftsvergiftungen frühzeitig vorauszusagen und abzuwenden. Denn diese führen zu gefährlichen Frühgeburten und können auch für die werdende Mutter lebensbedrohlich sein. In der Schweiz erleiden jedes Jahr etwa 2500 Frauen eine Schwangerschaftsvergiftung, auch Präeklampsie genannt. Weil sich die Plazenta nicht richtig in der Gebärmutterschleimhaut eingenistet hat, steigt der Blutdruck, und es werden zu viele Eiweisse ausgeschieden. Dies kann dazu führen, dass die Niere sowie auch die Leber nur noch mangelhaft funktionieren, Blutzellen kaputtgehen, die Plazenta schlecht durchblutet ist und sich Wasser in der Lunge ansammelt.

Screening der Schwangeren

Viele Frauen bemerken lange nichts, bis auf einmal Beine, Arme und das Gesicht anschwellen. Dann ist es aber für eine erfolgreiche Behandlung zu spät. Heute lässt sich aus verschiedenen Faktoren wie bestimmten Biomarkern im Blut, der Durchblutung der Gebärmutter, dem Blutdruck der Mutter sowie deren medizinischer Vorgeschichte bereits im ersten Trimester der Schwangerschaft das Risiko für eine Präeklampsie vorhersagen und mit einer einfachen Behandlung vermeiden.

Am Inselspital bietet Surbek bereits seit zwei Jahren ein Screening für alle schwangeren Frauen an und ist jetzt dabei, mittels Empfehlungen der Fachgesellschaft die Methode auch auf andere Kliniken und niedergelassene Gynäkologen auszuweiten, damit schwangere Frauen in der ganzen Schweiz diese Vorsorgemassnahme in Anspruch nehmen können.

Bei einer Schwangerschaftsvergiftung muss die Frau entbunden werden, um weitere Komplikationen bei ihr oder dem Kind zu verhindern. «Doch nun wissen wir, dass ab dem dritten Schwangerschaftsmonat verabreichtes, niedrig dosiertes Aspirin die Entstehung einer Schwangerschaftsvergiftung in den meisten Fällen verhindert», sagt Surbek. Es habe praktisch keine Nebenwirkung, und man könne dadurch eine Frühgeburt verhindern. Allerdings erkranken trotz dieser Präventionsmassnahmen weiterhin noch einige Frauen an einer Schwangerschaftsvergiftung.

Manche Babys sind so klein, dass sie nur rund 500 Gramm wiegen. Foto: Alamy

Seit mehr als 15 Jahren forscht Surbek aber auch an Stammzellen aus der Nabelschnur. Denn diese potenten Zellen haben es in sich. Bekannt ist, dass sie genutzt werden, um Leukämie oder einzelne erblich bedingte Erkrankungen des Immunsystems oder des Stoffwechsels zu heilen. Doch nun hat er gemeinsam mit seinem Team an der Universität Bern im Tiermodell festgestellt, dass die Stammzellen aus Nabelschnurblut sowie auch deren Produkte nützlich sind, um bei Frühgeborenen mit einer schweren Hirnblutung später die motorische Entwicklung deutlich zu verbessern.

«Forscher von der Duke University hatten damit jetzt auch im Rahmen einer klinischen Studie Erfolg», sagt Surbek. Die kleinen Patienten mit einer geburtsbedingten Hirnschädigung erhielten eine Infusion ihrer eigenen Blutstammzellen, was ihre Entwicklung signifikant positiv beeinflusste. Dennoch warnt er, dass es sich nicht um eine vollständige Heilung handle und es noch mehrere Jahre dauern würde, bis sich dieses Verfahren durchsetzen werde. Im Gegensatz zu den Amerikanern haben die Berner eine neue Behandlungsmethode mit einem Nasenspray entwickelt, um die Belastung durch die Therapie auf ein Minimum zu reduzieren.

Auch wenn ein Baby heutzutage fast vier Monate zu früh auf die Welt kommt, werden die Überlebenschancen immer besser. Dennoch bleibt offen, ob eine bleibende Hirnschädigung entsteht. «Es stellt sich stets auch die Frage, wie viel einer Familie zumutbar ist», sagt Surbek, der all die Schicksalsschläge hautnah miterlebt. Besonders berührt hat ihn der Fall eines frühgeborenen Kindes, das aufgrund einer schweren Hirnblutung medizinisch schon aufgegeben wurde. Doch der Kleine überlebte und entwickelte sich praktisch normal, ist gut in der Schule und fröhlich. Es sei nach wie vor ein grosses Rätsel, sagt Surbek, warum sich das eine Kind gut entwickle und das andere weniger.

Erstellt: 09.03.2019, 19:16 Uhr

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