Steckt die Psychologie in der Krise?

Kaum eine Disziplin produziert so viele Forschungsergebnisse, die einer Überprüfung nicht standhalten. Warum das keine schlechten Nachrichten sind.

Mit Power-Pose zu mehr Durchsetzungsfähigkeit: Klingt gut, doch entsprechende Studienresultate konnten nie wiederholt werden. Foto: Chris Sorensen

Mit Power-Pose zu mehr Durchsetzungsfähigkeit: Klingt gut, doch entsprechende Studienresultate konnten nie wiederholt werden. Foto: Chris Sorensen

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Einer tröstenden Geschichte hört jeder gerne zu. Die Psychologin Amy Cuddy von der Harvard Business School veröffentlichte vor einigen Jahren eine Studie, die sich zu einem solchen Seelenbalsam kondensieren liess. Wer für eine Minute lang in einer Power-Pose verharre, fühle sich anschliessend tatsächlich mächtiger und verhalte sich risikofreudiger. Wer Dominanz ausstrahle, empfinde sich selbst als durchsetzungsfähig, so die frohe Botschaft.

Oh, wie schön, mag sich das Publikum gedacht haben, das klingt nach einem praktikablen Rezept: Ab sofort nehmen wir raumgreifende Körperhaltungen ein, und schon passt sich das ­Leben unseren Wünschen an. Eine Spitzenbotschaft, die Amy Cuddy auch in einem TED-Talk ausführen durfte, dessen Video etwa 50 Millionen Mal angesehen wurde.

Dummerweise liefert die Realität simple Botschaften stets mit einem Haken: Sie stimmen meist nicht. Auch im Fall der Power-Posen verwandelt die Körper­haltung alleine niemanden in ein Alphatier. Andere Forscher hatten in der Folge vielfach probiert, die Versuche zu wiederholen – es gelang ihnen nicht, die gleichen Ergebnisse zu erzielen.

Die Psychologie hat in den letzten Jahrzehnten sehr viel, ja zu viel heisse Luft produziert.

Gut möglich, dass die Originalstudie aus dem Fachblatt «Psychological Science» ein falsch-positives Ergebnis erbracht hatte, also die Existenz eines Effekts nahegelegt hatte, der in Wirklichkeit nicht vorhanden ist, ein Artefakt. Die Studie gilt vielen seither als ein weiteres Beispiel für das Versagen der Psychologie, belastbare Ergebnisse zu produzieren, und als ein Beleg für eine generelle Krise der Disziplin.

Nur die Hälfte bestätigt

Unlängst haben etwa 200 Psychologen Ergebnisse vorgelegt, die sich als weitere Symptome des Niedergangs interpretieren lassen. In mehr als 100 Labors weltweit haben sie 28 Studien repliziert, also die Versuche wiederholt, um deren Ergebnisse zu überprüfen. Nur 14 Untersuchungen ergaben ein ähnliches Resultat wie die Originale. In den anderen Fällen fand sich kein Hinweis auf den in Vorgängerexperimenten postulierten Effekt. Manchmal gar ein gegenteiliges Ergebnis. Nur die Hälfte der für das Many Labs 2 genannte Grossprojekt untersuchten Studien wurde bestätigt, die übrigen könnte das Schicksal der Power-Posen ereilen.

Die Psychologie in der Krise? Es gibt zwei Haltungen, um ­diese Vorgänge einzuordnen. Die «Replikationskrise» der Psychologie lässt sich auf der einen Seite als Beleg dafür deuten, dass dieses Fach in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel, ja zu viel heisse Luft produziert hat und nun vor einem Trümmerhaufen steht.

Die andere Deutung fällt positiver aus: Da hat eine Disziplin ihre Probleme erkannt, unterwirft sich einem Prozess der Selbstreinigung und entwickelt sich zu einem Vorbild für andere Wissenschaften. Vielleicht verhält es sich hier tatsächlich wie in der leider wackeligen ­Geschichte von den Power-Posen: Es kommt auf die innere Haltung an, und es gibt gute Gründe, selbst gescheiterte Replikationsversuche der Psychologie als positives Signal zu interpretieren.

Viele Forscher wissen schon lange, dass es bei zahlreichen Studien massive Probleme gibt.

«Die Entwicklungen der vergangenen Jahre sind mehr Lebenszeichen als Krise», sagt Carrie Kovacs von der Universität Linz, die am Many-Labs-2-Projekt mitgearbeitet hat. Wer sich umhört, hört mehr zuversichtliche als verzagte Stimmen. «Die positive Deutung findet mehr Anhänger», sagt der Methodiker Morten Moshagen von der Uni Ulm. Forscher um Leif Nelson von der University of California in Berkeley klingen sogar fast euphorisch: Ihr gerade im Fachjournal «Annual Review of Psychology» veröffentlichter Beitrag trägt den Titel «Die Renaissance der Psychologie».

Die Möglichkeit einer Wiedergeburt erfordert jedoch zunächst einen Trauerfall. In der Psychologie wussten schon lange viele Forscher, dass es massive Probleme gab und dass zahlreichen Forschungsergebnissen nicht zu trauen war. Aber es brauchte einen Funken, der die schwelende Unzufriedenheit zu einem Grossbrand machte, den niemand mehr übersehen konnte.

Einen solchen Funken lieferte der amerikanische Psychologe Daryl Bem, der 2011 eine Studie im «Journal of Personality and Social Psychology» veröffentlichte, einem der Topjournale der Disziplin. Darin schien er den Nachweis für eine Form der Präkognition, also eine Art Hellseherei, zu liefern. Alles war nach den geltenden Regeln statistisch signifikant, und die Gutachter winkten das Paper durch. Die Studie wurde veröffentlicht.

Der Erste wird gehört

Die mittlerweile berüchtigte Studie von Daryl Bem richtete den Fokus auf ein grundsätzliches Problem der Wissenschaften: Neue, überraschende und antiintuitive Ergebnisse lassen sich leichter publizieren. Wenn aber jemand diese Studien wiederholt und überprüft, dann findet sich nur schwer ein Fachjournal, das diese Arbeit mit einer Veröffentlichung würdigt. Der Erste wird gehört, der Zweite ignoriert.

Dabei wissen alle, dass eine Studie alleine niemals abschliessende Wahrheiten ans Licht bringt, sondern nur ein Startpunkt ist. Einer, der leider schnell Gefühle trügerischer Gewissheit weckt. Absichern lassen sich Ergebnisse nur, indem sie wieder und wieder überprüft werden. Dann ergibt sich langsam etwas, das ansatzweise mit dem viel zu grossen Begriff «Wahrheit» versehen werden könnte.

Wie wichtig Replikationen sind, wissen alle – in der Psychologie und in sämtlichen anderen Disziplinen.Trotzdem scheuten die meisten Forscher lange vor dieser undankbaren Aufgabe zurück.

Schlechte Erfolgsraten bei vielen Versuchen

Auch als Psychologen versuchten, die aberwitzigen Ergebnisse von Daryl Bem zu überprüfen und erwartungsgemäss scheiterten, blitzten sie bei einem Fachjournal nach dem anderen ab: Eine Replikation veröffentlichen? Wie langweilig!

Schliesslich riefen Psychologen um Brian Nosek von der University of Virginia ein Grossprojekt aus und begannen mithilfe von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt, systematisch Studien zu wiederholen. Die Erfolgsraten waren in vielen Versuchen deprimierend schlecht.

«Das hat mich regelrecht in eine persönliche Krise gestürzt», sagt Felix Schönbrodt von der Universität München, der ebenfalls am Many-Labs-2-Projekt beteiligt ist. «Da fragt man sich dann schon, wozu man das alles macht.» Grob gesagt, fällt es nicht aus dem Rahmen, dass nun auch in den Many Labs 2 nur die Hälfte der Versuche ein der Originalstudie vergleichbares Ergebnis ergeben hat. Ob das repräsentativ für die ganze Psychologie ist, weiss niemand genau. «Aber wir sind mittlerweile misstrauisch gegenüber unserer eigenen Forschungsliteratur geworden», sagt Schönbrodt.

Nicht automatisch wertlos

Unter den nicht replizierbaren Studien befinden sich keinesfalls nur abseitige Arbeiten, sondern auch wesentliche Ideen des Fachs. Zum Beispiel liessen sich einige Priming-Versuche nicht mit gleichem Ergebnis wiederholen. Hinter Priming steht die Idee, dass winzige, unterschwellige Reize Verhalten beeinflussen können: dass etwa schon Gedanken ans Altern Menschen langsamer gehen lassen. Oder die Idee der Ego-Depletion, wonach Willenskraft endlich und nach einer gewissen Anstrengung erst einmal aufgebraucht ist: klingt einleuchtend, liess sich in Wiederholungen jedoch bisher nicht bekräftigen.

Scheitert die Replikation einer Studie, bedeutet das nicht automatisch, dass die Originalarbeit wertlos war. Es könnte auch die Folgestudie ein falsches Ergebnis liefern. Zumal die beobachteten Effekte in der Psychologie in aller Regel klein sind und der Mensch als solcher dummerweise dazu neigt, ein ziemlich komplexes, unordentliches und widersprüchliches Wesen zu sein. Umso wichtiger ist es, dass Studien immer wieder überprüft werden, und umso grösser sollte die Skepsis gegenüber vermeintlich glasklaren Ergebnissen sein.

«Wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel.»Norbert Tanzer

«Die Anreize im Wissenschaftsbetrieb sind leider die falschen», sagt Norbert Tanzer von der Universität Graz, der ebenfalls in den Many Labs 2 involviert ist. Wer im akademischen Betrieb Karriere machen will, der muss möglichst viel in möglichst angesehenen Journalen publizieren. Am leichtesten geht das mit überraschenden Ergebnissen, nicht mit langweiligen Wiederholungen, die jedoch viel wichtiger wären. «Aber wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel», sagt Tanzer.

Die Psychologie bemüht sich, das umzusetzen, was auch andere Disziplinen fordern. Daten werden öffentlich gemacht, sodass andere Forscher sie überprüfen können. Studien werden vorregistriert, damit Wissenschaftler im Laufe einer Arbeit Hypothese und Auswertung nicht so anpassen können, dass sie eher publizierbare Ergebnisse erzielen. Fachjournale versehen Veröffentlichungen mit Labels, die auf diese Standards hinweisen, und verpflichten sich, Replikationsstudien zu publizieren. So ist es mittlerweile schwieriger geworden, verblüffende Studien in diesen Journalen zu finden – ein gutes Zeichen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.12.2018, 18:08 Uhr

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