«Stevia ist auch nicht natürlich»

Künstliche Süssstoffe können das Diabetesrisiko erhöhen, so eine Studie. Was sagen die Resultate wirklich aus? Dazu Ernährungswissenschaftlerin Isabelle Herter-Aeberli.

Künstlich gesüsste Produkte in grossen Mengen zu konsumieren, ist nicht empfehlenswert.

Künstlich gesüsste Produkte in grossen Mengen zu konsumieren, ist nicht empfehlenswert. Bild: Keystone

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Künstliche Süssstoffe sollen laut einer neuen Studie krank machen. Welche Folgen hat die Studie für die Konsumenten?
Die Resultate der Studie sind zwar interessant, und es sollte sicherlich auch weiter auf diesem Gebiet geforscht werden, damit die Zusammenhänge besser verstanden werden können, aber für den Konsumenten besteht kein Grund zur Sorge.

Wieso?
In allen gezeigten Studien wurden sehr grosse Mengen an Süssstoffen verabreicht, konkret die maximal erlaubte tägliche Menge. Ein normaler Konsument nimmt niemals so hohe Mengen an Süssstoffen zu sich. Denn in den meisten künstlich gesüssten Produkten wird nicht nur ein Süssstoff, sondern eine Mischung verschiedener Süssstoffe verwendet. Da die Süssstoffe aber chemisch alle sehr unterschiedlich sind, kann man nicht davon ausgehen, dass sich bezüglich der in der Studie untersuchten Fragestellung alle gleich verhalten. Die Forscher haben ja vor allem die Effekte von Saccharin ausgewählt, weil dieser Süssststoff den grössten Effekt verursacht hat.

Dürfen künstlich gesüsste Getränke also doch bedenkenlos konsumiert werden?
Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung rät in ihren Empfehlungen schon jetzt davon ab, künstlich gesüsste Produkte in grossen Mengen zu konsumieren. Vielmehr wird, gerade bei den Getränken, hauptsächlich der Konsum von Hahnenwasser empfohlen. Zwischendurch ist sicherlich nichts dagegen einzuwenden, einmal ein künstlich gesüsstes Produkt zu konsumieren, aber daran ändern auch die Studienresultate nichts, da wir hier von ganz anderen Mengen sprechen.

Was nützt denn die Studie überhaupt?
Ich denke, dass zumindest die Tierstudien systematisch und gründlich durchgeführt wurden. Dennoch, es sind Tierstudien. Die Resultate sind immer nur mit Vorsicht auf den Menschen übertragbar und liefern eigentlich vor allem die Grundlage für die weitere Forschung.

Was müsste denn zusätzlich noch untersucht werden?
Man müsste zusätzlich auch untersuchen, ob die gesehenen, teils doch recht kleinen Veränderungen in der Darmflora wirklich auch eine langfristige Relevanz haben oder ob sich über eine längere Zeit eventuell alles wieder «stabilisieren» würde. Dennoch ist es sicherlich wichtig, diesen Hinweisen zu folgen.

Müssten nicht die Behörden den Konsum von Süssstoffen strenger reglementieren, sozusagen als Vorsichtsmassnahme zum Schutz der Konsumenten?
Basierend auf den publizierten Resultaten zu sagen, Süssstoffe sollten verboten werden oder irgendetwas in dieser Richtung, halte ich für voreilig und übertrieben. Dies ist nicht die erste Studie, welche Zusammenhänge zwischen dem Konsum von Süssstoffen und der Entstehung von Diabetes untersucht hat. Grosse Kohortenstudien kamen in der Vergangenheit bereits zu sehr unterschiedlichen Resultaten. Teils gab es Hinweise auf einen Zusammenhang, teils überhaupt nicht.

Könnte Stevia eine unbedenkliche Alternativlösung sein?
Stevia oder Steviolglycosid wird zwar aus einer Pflanze gewonnen, ist deswegen aber nicht unbedingt besser als ein künstlich hergestelltes Produkt. Um das Pulver, welches als Süssstoff verwendet wird, herzustellen, werden die Blätter sehr stark verarbeitet und der Süssstoff extrahiert. Ob das noch natürlich ist, ist sicherlich schon mal fraglich. Ob das Endprodukt dann gesünder ist als ein komplett künstlich hergestellter Süssstoff, muss untersucht werden. Wie bei den anderen Süssstoffen konnten auch bei Stevia bis anhin keine negativen Auswirkungen wie beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen festgestellt werden. Die Auswirkung auf die Darmflora wurde aber meines Wissens bis anhin noch nicht untersucht. Ich würde daher einfach generell für einen massvollen Einsatz von Süssstoffen plädieren. Ich bin überzeugt, dass sie dann kein Problem darstellen für unsere Gesundheit.

Erstellt: 18.09.2014, 16:38 Uhr

Dr. Isabelle Herter-Aeberli ist Ernährungswissenschaftlerin am Labor für Humanernährung an der ETH Zürich.

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In der Studie wurde untersucht, welche Auswirkungen Süssstoffe, hauptsächlich Saccharin, auf den Glucosestoffwechsel und auf die Darmflora haben. Mehrheitlich an Mäusen wurde gezeigt, dass die verabreichten Mengen an Süssstoffen den Glucosestoffwechsel beeinträchtigten und somit zu Glucoseintoleranz, einer Vorstufe von Typ-2-Diabetes, führten. Es konnte dann gezeigt werden, dass sich die Darmflora der Tiere verändert hat, wenn die Tiere Saccharin konsumieren. Die Zusammensetzung der Darmflora ähnelte nach dem Konsum von Saccharin mehr derjenigen eines Patienten mit Typ-2-Diabetes als einer gesunden Person. Durch verschiedene weitere Experimente konnte dann auch gezeigt werden, dass die Veränderung der Darmflora tatsächlich die Veränderungen im Glucosestoffwechsel herbeigeführt hat.
Neben den Tierstudien wurden auch Daten von einer Beobachtungsstudie und einer kleinen Interventionsstudie mit nur 7 Probanden bei Menschen gezeigt. Diese Studien bestätigten die Resultate aus den Tierstudien.

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