«Teenager kennen den Unterschied zwischen Gut und Böse sehr genau»

Der Entwicklungspsychologe Laurence Steinberg sagt, wieso harte Strafen gegen jugendliche Kriminelle kontraproduktiv sind.

«Es ist okay, 16-Jährige wie Erwachsene abstimmen zu lassen», sagt Laurence Steinberg. <nobr>Fotos: Jacobs Foundation</nobr>

«Es ist okay, 16-Jährige wie Erwachsene abstimmen zu lassen», sagt Laurence Steinberg. Fotos: Jacobs Foundation

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Sie zeigen sich gerne milde gegenüber Teenagern. Warum?
Ich forsche seit 40 Jahren mit Jugendlichen. Wir haben viele psychologische Studien gemacht, die zeigen, dass die Impulskontrolle erst im Alter von 22 Jahren wirklich ausgereift ist. Daneben haben wir das Risikoverhalten untersucht, das bei Jugendlichen viel ausgeprägter ist als bei Erwachsenen.

Was macht das mit den Jugendlichen?
Sie suchen den Nervenkitzel, auch den Rausch, und experimentieren mit Drogen. In einer grossen Studie in elf Ländern auf mehreren Kontinenten konnten wir zeigen, dass dieses Muster weltweit gilt. In der Summe gibt es eine heikle Periode zwischen 16 und 19 Jahren, in dem Jugendliche oft unvernünftige Entscheide treffen, oft in der Hitze des Gefechtes.

Bedeutet das, dass wir in diesem Alter diesen Impulsen einfach ausgeliefert sind?
Wenn wir überall das Gleiche feststellen, dann liegt der Schluss doch nahe, dass dies biologische Ursachen hat. Zudem zeigen moderne bildgebende Verfahren, dass diejenigen Hirnbereiche, die wichtig für die Impulskontrolle sind, erst im Alter von 22 Jahren vollständig ausgereift sind. Das sind Bereiche des Stirnlappens, die sich im Jugendalter dynamisch verändern. Und auch die Signalwege aus diesem Bereich in andere wichtige Regionen des Gehirns wachsen noch.

«Wenn eine Strafe mehr Schaden anrichtet, als sie bringt, ist sie nicht mehr sinnvoll.»

Die meisten Jungen werden nicht kriminell, selbst wenn sie dann und wann dem Rauschtrinken frönen.
Das stimmt, aber wieso sich Teenager betrinken und wieso sie kriminell werden, hat in vielen Aspekten ähnliche Gründe. Beides widerspiegelt eine Diskrepanz zwischen unausgereifter Impulskontrolle und ihrem Bedürfnis nach dem Thrill. Deshalb können wir die Straftaten von Jugendlichen nicht gleich beurteilen wie bei Erwachsenen.

Dafür gibt es ja ein Jugendstrafrecht.
In den USA werden Jugendliche bei schweren Delikten wie Erwachsene beurteilt. Das ist schlecht. Die Strafen sind viel zu lang, ein Jugendlicher, der mit 14 einen Mord begeht, kann gut und gerne 35 Jahre oder länger im Gefängnis sitzen. Wenn er rauskommt, ist er sehr wahrscheinlich ziemlich geschädigt.

Eine Strafe muss doch auch die Grenzen aufzeigen, die für ein erträgliches Zusammenleben unabdingbar sind? Natürlich, eine Strafe muss spürbar sein, eine Missetat Konsequenzen haben. Aber das Ziel einer Strafe bei Jugendlichen sollte eigentlich immer die Rehabilitation sein. Wenn sie mehr Schaden anrichtet, als sie bringt, ist sie nicht mehr sinnvoll.

Welche Strafen sind denn sinnvoll?
Wir müssen uns bei den Kids fragen, wieso sie eine Straftat begangen haben. War vielleicht eine Drogensucht der Grund? Oder eine vernachlässigte Erziehung? Diese Gründe müssen wir herausfinden und dann entsprechend handeln.

Was sind die sinnvollsten Möglichkeiten? Da gibt es zum Beispiel Verhaltenstherapien, die sehr nützlich sind, oder Gemeinschaftsprogramme, die den Jugendlichen ermöglichen, eine alternative Identität zu entwickeln. Einige Studien haben gezeigt, dass die Stärkung der Achtsamkeit, zum Beispiel mithilfe von Yoga oder auch Meditation den Kids hilft, ihre Selbstkontrolle zu stärken.

Sind das nicht ein bisschen sehr sanfte Programme, über welche die harten Jungs nur lächeln?
Täuschen Sie sich nicht. Es gibt viele Jugendgefängnisse in den USA – bei uns heissen sie ja Verbesserungsanstalten –, die solche Programme erfolgreich umgesetzt haben. Und in diesen ­Anstalten sitzen die Kids ein, die wirklich schlimme Sachen gemacht haben.

«In den USA ist das Strafensystem sehr hart, trotzdem ist die Kriminalitätsrate höher als in Europa.»

Eine richtig harte Strafe ist doch ein wichtiges Signal an potenzielle Straftäter und zeigt, dass das die Gesellschaft nicht toleriert – sozusagen zur Abschreckung.
Alle Untersuchungen zeigen, dass eine Verschärfung, das heisst eine Verlängerung der Gefängnisstrafe, nichts bringt. Das sieht man allein schon am Vergleich der Jugendkriminalitätsrate in den USA und in bestimmten europäischen Ländern. In den USA ist das Strafensystem sehr hart, trotzdem ist die Kriminalitätsrate höher als in vielen europäischen Ländern wie der Schweiz, den Niederlanden oder auch den skandinavischen Ländern, wo die Strafen viel mehr auf die Rehabilitation ausgerichtet sind.

Tilgen Sie mit der Hirn­forschung nicht einfach die Schuldkomponente in einer Strafe, also die moralische Komponente, die doch ein wichtiger Teil in der Wertediskussion ist?
Aus meiner langjährigen Erfahrung mit jugendlichen Straftätern weiss ich, dass die Frage nach Gut und Böse in den allerwenigsten Fällen ein Problem ist. Die meisten Kids sagen dir geradeheraus, dass das, was sie getan haben, nicht in Ordnung war. Sie können sehr wohl zwischen Gut und Böse unterscheiden. Und sie bereuen ihre Tat meistens.

Irgendwo hat das Verständnis eine Grenze – zum Beispiel, wenn Jugendliche zu Terroristen werden und sinnlos morden?
Die Radikalisierung von Jugendlichen ist ein grosses Problem. Da spielt aber nicht nur das Risikoverhalten oder die Impulskontrolle eine Rolle, sondern auch das Phänomen, dass Menschen in diesem Alter entdecken wollen, wer sie selber sind. Die Kids suchen eine Identität, sehnen sich nach einer Peergroup. Das Phänomen der Radikalisierung unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der Mitgliedschaft bei einer Strassengang.

Erstaunlich ist, dass die Terroristen oft sehr intelligent sind.
Die Radikalisierung hat überhaupt nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, es ist eher eine Frage der Emotionen. Vor einigen Jahren arbeitete ich im ­Gefängnis von Guantánamo mit Insassen. Dort traf ich einen jungen Mann aus Afghanistan, der Mitglied einer radikalen Gruppe war und am Bombenbau mitwirkte, um amerikanische Soldaten zu töten. Er war ausserordentlich intelligent, sehr bedacht und belesen, auch ein netter Mensch, alles andere als furchterregend. «Sie müssen verstehen», sagte er mir, «dass uns schon in frühester Kindheit erzählt wurde, dass die Amerikaner hierhergeholt wurden, um unsere Familien auszulöschen, da müssen wir uns doch wehren können.» Ich glaube, dass dieser Mann nur das tat, was für ihn normal war und was ihm seit frühester Kindheit von den Erwachsenen eingetrichtert wurde.

Das erklärt aber nicht die Radikalisierung von Menschen in unseren westlichen Ländern, die oft aus guten Mittelstandsfamilien stammen und intelligent sind.
Das stimmt, diese Fälle sind viel schwieriger zu verstehen. Doch wenn Sie Biografien von solchen Menschen lesen, merken Sie, dass meistens irgendetwas schiefgelaufen ist, sei es in der Schule oder in der Familie. Dass sie aus Mittelstandsfamilien stammen, bedeutet nicht, dass in diesen Familien alles gut läuft.

«Ich glaube, Jugendliche können in der Politik viel Positives bewirken.»

Sie haben eine Senkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre gefordert, möchten aber, dass Jugendliche vor Gericht milder beurteilt werden, weil sie aus Gründen der Hirnentwicklung noch nicht voll schuldfähig sein können. Wie passt das zusammen?
Das widerspricht sich überhaupt nicht. Um abstimmen zu können, braucht es vor allem die Fähigkeit, bestimmte Fakten logisch abwägen zu können – und darin sind Jugendliche genauso gut wie Erwachsene. Das haben viele Tests ergeben. Deshalb ist es okay, 16-Jährige wie Erwachsene abstimmen zu lassen. Aber bei der Beurteilung einer Straftat geht es eben um völlig andere Voraussetzungen, die man berücksichtigen muss. Und ich glaube, Jugendliche können in der Politik viel Positives bewirken.

Was meinen Sie damit?
Schauen Sie, was in den USA bezüglich Klimawandel passiert. In diesem Bereich sind die Jungen sehr aktiv. Schauen Sie, was nach der Schiesserei in der Parkland-Schule passierte. Junge Leute sprachen sich sehr für die Waffenkontrolle aus. Hier können die Jugendlichen viel Positives bewirken.

Sie stecken viel Hoffnung in unsere Jugend!
Meine eigene Einstellung gegenüber Jugendlichen hat sich mit meiner Arbeit verändert, ich sehe die Jugendlichen heute sogar noch positiver als früher. Sie sind sehr lustig, und ich mag ihre Energie, ihre Neugier, ihren Sinn für Humor und Ironie, ich glaube einfach, sie sind immer noch idealistisch, sie sind noch nicht verdorben.

Erstellt: 21.07.2019, 17:51 Uhr

Preisgekrönter Jugendforscher

Laurence Steinberg, geboren am 8. Juli 1952, forscht und unterrichtet an der Temple University in Philadelphia, USA, im Bereich der Adoleszenzforschung. Seine Arbeit hat dazu beigetragen, dass im Jahr 2005 in den USA die Todesstrafe bei Jugendlichen unter 18 Jahren verboten wurde. Steinberg ist Verfasser mehrerer bekannter Bücher über die Adoleszenz wie «Age of Opportunity» und ist Preisträger unter anderem des mit einer Million Franken dotierten Forschungspreises der Schweizer Jacobs Foundation.

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