Teure Infektionen bei Zahnimplantaten

Jeder dritte Patient mit einem Zahnimplantat braucht innerhalb von zehn Jahren eine Behandlung wegen einer Entzündung. Mediziner suchen nach Therapien für die lange Zeit unterschätzte Komplikation.

Kontrolle ist wichtig: Paradontitis wie Periimplantitis werden heute noch meist mechanisch bekämpft.

Kontrolle ist wichtig: Paradontitis wie Periimplantitis werden heute noch meist mechanisch bekämpft. Bild: Keystone

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Mit Strom gegen Entzündungsbakterien im Mund. So lautet ein auf den ersten Blick etwas abstruser Vorschlag, wie gefürchtete Infektionen bei Zahnimplantaten bekämpft werden könnten. Doch erste Resultate, die Universität und ETH Zürich am Dienstag bekannt gaben, sind vielversprechend: Forscher um Dirk Mohn konnten in Labor-Experimenten zeigen, dass eine 15-minütige Behandlung mit wenigen Milliampere Stromstärke 99 Prozent der infektiösen Mikroben an einem Implantat abtötet («PLOS ONE online»). Mohn schätzt die Chancen hoch ein, dass das Verfahren auch bei Patienten funktioniert: «Im besten Fall könnten die Leute sich sogar zu Hause selber behandeln.» Die Idee der Zürcher Forscher ist der jüngste Therapieansatz aus einer ganzen Reihe, mit dem Mediziner die lange Zeit unterschätzten Implantat-Infektionen angehen wollen.

Zu der sogenannten Periimplantitis kommt es, wenn bakterielle Zahnfleischentzündungen rund um ein Implantat den Knochen angreifen und ihn abbauen. Im schlimmsten Fall kann dies dazu führen, dass ein Spezialist das ganze Implantat ersetzen muss.

Probleme meist erst nach Jahren

Die Behandlung von Periimplantitis kann später einschneidende Kosten verursachen, mit denen viele Patienten nicht rechnen. Bei mindestens jedem zehnten Implantat tritt eine solche Entzündung mit Knochenabbau auf. Sie betrifft viele Patienten, denn ein grosser Teil davon hat mehr als einen Zahn ersetzt. «Rund ein Drittel aller Patienten mit einem oder mehreren Zahnimplantaten ist davon betroffen», sagt Nicola Zitzmann, Periimplantitis-Spezialistin an der Universität Basel. Eine Zahl, die man in Patientenbroschüren kaum liest. Andere Untersuchungen gehen von noch höheren Zahlen aus; in der Schweiz existieren bislang keine entsprechenden Studien.

«Die Probleme treten meistens erst fünf bis zehn Jahre nach dem Einsetzen eines Implantats auf», sagt Zitzmann. Je mehr eingesetzt werden, desto verbreiteter wird – mit zeitlicher Verzögerung – auch das Problem der Periimplantitis. Gemäss Mitteilung der ETH Zürich hat sich die Zahl der Implantate während der letzten zehn Jahre in Europa und den USA verdoppelt. Das markante Wachstum macht klar, dasswirksame Therapien gegen Periimplantitis dringend gesucht sind.

Den Bakterien den Garaus machen

Das Ziel der Experimente der Zürcher Forscher ist eine eigentliche Elektrolyse am Implantat. Inzwischen entwickeln sie bereits ein Gerät, das Strom ins Implantat und mit einem Clip an der Lippe in den Kiefer leitet. Durch die Spannung entstehen im entzündeten Gewebe aggressive Substanzen, die den Bakterien den Garaus machen. Was in Laborversuchen geklappt hat, soll dann in Tierversuchen und auch am Menschen getestet werden.

«Ein sehr interessanter Ansatz», sagt Georg Bach, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Implantologie. Es könne daraus eine Konkurrenz für weiter fortgeschrittene Verfahren entstehen, sagt er. Beispielsweise die Fotodynamische Therapie: Dort zerstört eine Substanz, die durch besondere Lichtstrahlen aktiviert werden kann, die Bakterien, welche die Implantate besiedeln. Andere Techniken reinigen die freigelegten Implantathälse mit Laser, Titanbürsten oder einer Art Sandstrahler. Nicola Zitzmann von der Universität Basel ist jedoch skeptisch: «Alle diese Techniken haben bislang nicht den durchschlagenden Erfolg gezeigt.»

Bis 2000 Franken pro Implantat

Solange eine überzeugende Therapie fehlt, behandeln die meisten Spezialisten konventionell, das heisst: wie bei Parodontitis, der bakteriell bedingten Entzündung bei natürlichen Zähnen. Dabei wird mechanisch gereinigt und desinfiziert. Bei grösseren Eingriffen kommen auch Antibiotika zum Einsatz. Anders als bei der Parodontitis ist bei Periimplantitis häufig zusätzlich eine Behandlung des Knochenverlusts angezeigt, da dieser dazu führt, dass das Gewinde sichtbar wird.

Eine solche Therapie ist teuer: Zwischen 1200 und 2000 Franken ist pro Implantat inklusive Knochenaufbau nötig, schätzt Zitzmann. Muss das Implantat entfernt werden, steigen die Kosten auf gegen 10'000 Franken.

«Für Betroffene ist Periimplantitis ein Fiasko», sagt Zitzmann. Allerdings sei es nicht sinnvoll, deswegen alle Implantate schlecht zu machen, ergänzt sie. Denn frühzeitig erkannte Zahnfleischentzündungen kann auch ein Dentalhygieniker während einer Routinesitzung einfach behandeln. Darum sind nach dem Setzen eines Implantats regelmässige Kontrollen wichtig. Dies auch, weil der Patient selber nichts merkt von seiner Periimplantitis. Sie verläuft meistens ohne Schmerzen und wird erst bemerkt, wenn Eiter austritt oder das Implantatgewinde sichtbar wird.

Nachteil raue Oberfläche

Auch das eigene Verhalten spielt eine Rolle: Ein hohes Risiko für eine Periimplantitis haben vor allem starke Raucher und Personen mit schlechter Mundhygiene. Daneben gibt es andere Faktoren wie Diabetes, die zu Komplikationen führen können. «Ohne diese Risikofaktoren und mit regelmässigen Kontrollen gibt es fast keinen Grund mehr, Periimplantitis zu bekommen», sagt Zitzmann.

Dennoch könnten weitere Faktoren eine Rolle spielen. So glauben einige Implantologen, dass beispielsweise die bisher wenig beachtete Qualität der Schleimhaut um die Implantate wichtig sein könnte. Ein fester Fleischkranz um das Implantat würde demnach möglicherweise Bakterien das Eindringen erschweren.

Ein Verdacht lastet auch auf modernsten Implantaten mit einer rauen Oberfläche. Diese könnten möglicherweise die Entzündungen begünstigen. Georg Bach von der deutschen Implantologen-Gesellschaft ist davon überzeugt: «Die raue Oberfläche ist bei Komplikationen ein Nachteil», sagt er. Allerdings überwiegen für ihn dennoch die Vorteile der modernen Implantate: «Sie verwachsen schneller und fester mit dem Knochen als Vorgängermodelle mit glatter Oberfläche.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2011, 20:52 Uhr

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