Teure Nachbehandlungen bei Implantaten seltener als erwartet

Eine Langzeituntersuchung der Universität Bern zeigt: 97 Prozent der Zahnimplantate halten länger als zehn Jahre. Frühere Studien gingen von hohen Komplikationsraten aus.

Wie können Komplikationen verhindert werden? Ein Zahnimplantat. (30. Januar 2004)

Wie können Komplikationen verhindert werden? Ein Zahnimplantat. (30. Januar 2004) Bild: Keystone

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Sie gehören für Zahnärzte zu den heikleren Themen der letzten Jahre: Infektionen bei Implantaten, die nach Jahren zu schwerwiegenden Komplikationen und teuren Nachbehandlungen führen. Die sogenannte Periimplantitis entsteht, wenn bakterielle Zahnfleischentzündungen rund um ein Implantat den Knochen angreifen und ihn abbauen. Dies kann dazu führen, dass mit der Zeit die Schraube des Zahnersatzes sichtbar wird und das ganze Implantat im Extremfall ersetzt werden muss.

Wie häufig solche Komplikationen auftreten, ist umstritten. Für Aufregung sorgte unter anderem eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2008, die auf eine Periimplantitis-Rate von 30 bis über 50 Prozent kam, wenn der Zahnersatz mindestens fünf Jahre alt ist. In der Folge befürchteten einige Spezialisten das Schlimmste: Wegen der stetig zunehmenden Zahl von Implantatträgern erwarteten sie einen Tsunami von Komplikationen und einen GAU für das Fach. Andere hielten das Problem für weniger bedeutend und sorgten sich, dass das Image der Zahnimplantate einmal mehr beschädigt werden könnte.

Geringere Gefahr

Die kontrovers geführten Auseinandersetzungen wurden allerdings auf der Basis von wenigen kleinen Studien geführt. Inzwischen ist die Datenlage besser: Eine soeben erschienene Langzeitstudie der Universität Bern zeigt, dass die Gefahr von Periimplantitis deutlich geringer ist, als viele befürchtet haben. Zahnmediziner um Daniel Buser von der Klinik für Oralchirurgie und Stomatologie der Universität Bern führten bei 303 Patienten, die dort zwischen 1997 und 2001 ein Implantat erhielten, nach zehn Jahren Nachkontrollen durch. Dabei zeigte sich, dass 97 Prozent der künstlichen Zähne noch in gutem Zustand waren. 1,2 Prozent der Implantate gingen in dieser Zeit verloren, bei 1,8 Prozent musste eine Behandlung wegen Periimplantitis durchgeführt werden.

Die Berner Studie ist zusammen mit fünf weiteren Langzeituntersuchungen im angesehenen Fachblatt «Clinical Implant Dentistry and Related Research» erschienen. Sie alle zeigen ähnlich tiefe Periimplantitis-Raten bei verschiedenen Implantattypen. Die in Bern untersuchten Titanimplantate hatten eine mikroraue Oberfläche, die das Verwachsen des Knochens mit dem Zahnersatz beschleunigt. Ärzte verwenden sie bis heute.

«Resultate machen Hoffnung»

«Unsere Studie zeigt, dass wenn gut ausgebildete, erfahrene Zahnärzte die Implantate setzen und die Patienten anschliessend gut betreut werden, sich sehr gute Ergebnisse erzielen lassen», sagt Studienleiter Buser. Die Resultate hätten seine bereits optimistischen Erwartungen übertroffen. Auch Georg Bach, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Implantologie, ist positiv überrascht: «Die Resultate machen Hoffnung», sagt er. «Als vor ein paar Jahren Untersuchungen sehr hohe Komplikationsraten fanden, gerieten anfänglich viele Zahnärzte in Schockstarre.» Allerdings hatte sich dann gezeigt, dass die Resultate verzerrt waren, weil überdurchschnittlich viele Risikopatienten einbezogen wurden und zudem die Definition von Periimplantitis unrealistisch weit gefasst war.

Dennoch sieht Bach Einschränkungen bei der Berner Studie: Die Bedingungen seien so optimal gewesen, wie dies in der Praxis selten vorkomme. «In Deutschland kommt beispielsweise nur ein Bruchteil der Implantatträger halbjährlich zur Kontrolle, wie dies eigentlich angezeigt wäre», sagt Bach. Aufgrund einer im vergangenen Jahr erschienenen Übersichtsarbeit aus Deutschland geht er von rund 15 Prozent Periimplantitis-Fällen innerhalb von 15 Jahren aus. «Die Komplikation bleibt die wichtigste Herausforderung für die Implantologie», sagt Bach.

«Wir könnten nicht mehr implantieren»

Daniel Buser ist nicht nur Universitätsprofessor, sondern seit 2009 auch Präsident des International Team for Implantology (ITI), der weltweit grössten Fachgesellschaft in der Implantologie mit mehr als 14'000 Mitgliedern und Partnern des Schweizer Implantateherstellers Straumann. Er räumt ein: «Die Realität liegt wahrscheinlich in der Mitte zwischen den übertriebenen Zahlen früherer Studien und unseren Daten.» Sehr hoch könne die Periimplantitis-Rate jedoch unmöglich sein, denn dann müssten Zahnärzte viel mehr Komplikationen behandeln, als dies heute der Fall sei: «Wir könnten gar nicht mehr implantieren.»

Bislang ist die Fachwelt uneinig, wie Periimplantitis verhindert und, wenn es trotzdem so weit kommt, behandelt werden kann. «Es gibt viele Ansätze, die auf Erfahrung beruhen, jedoch keinen auf grossen Studien basierten Konsens», so Bach. Auch deshalb sind für den Deutschen die neuen Daten eine «hochgradige Motivation»: «Wir können den Patienten nun sagen, dass die Lebensdauer der Implantate tatsächlich sehr hoch ist, wenn sie unsere Empfehlungen einhalten.»

Wichtige Dentalhygiene

Zahnärzte sind sich einig, dass es entscheidend ist, dass Implantatträger gute Mundhygiene betreiben und ein- bis zweimal pro Jahr zur Dentalhygiene gehen. Dadurch können Zahnfleischentzündungen frühzeitig erkannt und während einer Routinesitzung einfach behandelt werden, bevor Schäden entstehen. Daneben spielen die Voraussetzungen eine Rolle, die der Patient mitbringt. Vor allem starke Raucher und Personen mit schlechter Mundhygiene haben ein deutlich höheres Risiko für Komplikationen.

«Am wichtigsten für den Langzeiterfolg eines Zahnimplantats ist die Qualität des Behandlers», sagt Buser. Dieser muss nicht nur die Operation korrekt durchführen, sondern bei jedem Patienten das richtige Vorgehen finden. «Abgesehen von Talent braucht es dazu viel Routine», so Buser. 50 Fälle pro Jahr seien das gewünschte Minimum. Dabei sind selbst die hohen Patientenzahlen der Schweiz zu tief, um allen Zahnärzten dieses Minimum zu ermöglichen. Buser: «Nur 20 bis 30 Prozent der Zahnärzte sollten chirurgisch tätig sein.»

Erstellt: 14.12.2012, 10:45 Uhr

90'000 Implantate jährlich
Kein Qualitätslabel

In der Schweiz setzen Zahnärzte pro Jahr geschätzt 90'000 Implantate ein. Weltweit waren es 2008 fünf Millionen. Die Zahlen haben dabei stark zugenommen. Grundsätzlich sind Zahnimplantate künstliche Zahnwurzeln, die direkt in den Kieferknochen eingesetzt werden. Sie sind meist schraubenförmig und aus Titan. Auf die Implantate wird jeweils ein Zahnersatz befestigt. Dies kann auch eine ganze abnehmbare Prothese sein. Für möglichst komplikationsfreie Zahnimplantate ist die Erfahrung und Ausbildung des Behandlers ausschlaggebend. Da es in der Schweiz kein Qualitätslabel gibt, muss der Patient selber herausfinden, wie gut sein Zahnarzt ist. Die Implantat Stiftung Schweiz rät, genau nachzufragen: Ob ein Im-plantat notwendig ist, was die Kosten und die Risiken sind, wie häufig der Arzt solche Eingriffe im Jahr vornimmt; ob im Fall von Komplikationen Spezialisten beigezogen werden. (fes)

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