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«The Doors waren interessanter»

Neuropsychologe Lutz Jäncke erklärt, weshalb er selber unmusikalisch ist, obwohl er ideale Voraussetzungen für das absolute Gehör hat.

Das absolute Gehör ist angeboren, kann aber auch trainiert werden: Ein menschliches Ohr.

Das absolute Gehör ist angeboren, kann aber auch trainiert werden: Ein menschliches Ohr.

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Inwiefern unterscheidet sich jemand mit absolutem Gehör von einem normal hörenden Menschen?
Wenn wir Töne hören, können wir sagen, ob ein Ton lauter, leiser, höher oder tiefer als ein vorher gehörter ist. Ein Absoluthörer ordnet die Töne einer Kategorie zu. Er kann genau und ohne Bezug zu Vergleichstönen benennen, welchen Ton er hört. Spielt man ihm ein Musikstück vor, kann er die Notation schnell und fehlerfrei niederschreiben.

Ist das absolute Gehör angeboren oder erlernt?
Wir gehen heute davon aus, dass es eine Interaktion zwischen Anlage und Umwelt sein muss. Einerseits konnten wir zeigen, dass das absolute Gehör bei Menschen, die bereits vor dem siebten Lebensjahr mit Musizieren beginnen, öfter vorkommt und auch von der Häufigkeit des Übens abhängig ist. Andererseits haben mein Kollege und ich herausgefunden, dass der linksseitige Hörkortex im Gehirn bei Absoluthörern etwa viermal grösser ist als bei Normalhörern – eine offenbar angeborene Voraussetzung.

Sind Sie selber Absoluthörer?
Ich hätte die idealen Voraussetzungen – bin es aber nicht.

Das heisst?
Während meiner ersten Studie zum Thema haben mein Forschungskollege und ich auch unsere eigenen Gehirne untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass mein linker Hörkortex – genauso wie bei Absoluthörern – stark vergrössert ist. Aber im Gegensatz zu ihnen habe ich im Kindesalter kein Instrument gespielt. In Zeiten von The Rolling ­Stones und The Doors hat mich die Blockflöte einfach zu wenig interessiert. Die Voraussetzungen in meinem Gehirn blieben ungenutzt.

Ein Verlust?
Eigentlich brauchen wir ein absolutes Gehör nicht. Unsere Musik ist in Intervallen aufgebaut. An diesen Schritten kann sich ein Normalhörer gut orientieren. Es kann für einen Absoluthörer in einem Orchester auch unangenehm sein, weil er es hört, wenn Streicher unterschiedlich gestimmt sind oder keine ganz reinen Töne spielen. Befindet sich ein Ton genau zwischen zwei bestimmbaren Tönen, kann das Absoluthörer verwirren.

Kann ein Absoluthörer die Fähigkeit verlieren oder abtrainieren?
Es kann sein, dass sich das Gehör im Alter etwas verschiebt und er plötzlich alles einen Halbton höher oder tiefer hört. Dass jemand die Fähigkeit ganz verliert oder abtrainieren kann, ist mir nicht bekannt. Es gibt einzig eine Biografie, in welcher ein Absoluthörer schreibt, er habe es sich abgewöhnt, weil die Frauen im Chor, den er leitete, die Töne nicht trafen und ihn das störte.

Was fasziniert Sie an der Erforschung des absoluten Gehörs?
Die Individualität des menschlichen Gehirns. Jedes hat andere anatomische Voraussetzungen, und die einzelnen Hirnregionen sind unterschiedlich gekoppelt. Zu sehen, dass die Gehirne – vom Golfspieler über den Handballspieler bis zum Absoluthörer – alle besonders sind, fasziniert mich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2015, 18:42 Uhr

Lutz Jäncke

Der Neuropsychologe von der Universität Zürich hat diese Woche mit seinem Team gezeigt, welche Teile des Gehirns bei Menschen mit absolutem Gehör aktiv sind.

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