«UV-Licht galt als Stärkungsmittel»

Der Historiker Niklaus Ingold über das «Lichtduschen», das bis in die 70er-Jahre als gesundheitsfördernd galt.

Britische Zivilschutz-Mitarbeiterinnen lassen sich im Frühling 1942 von Sonnenlampen bestrahlen. Foto: Harry Todd (Fox Photos/Getty)

Britische Zivilschutz-Mitarbeiterinnen lassen sich im Frühling 1942 von Sonnenlampen bestrahlen. Foto: Harry Todd (Fox Photos/Getty)

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Bereits ein einzelner Sonnenbrand gilt heute als grob fahrlässig. Früher war es umgekehrt: UV-Licht galt als gesundheitsfördernd. Wie kam man denn auf diese – rückwirkend gesehen – etwas merkwürdige Idee?
Die Anfänge liegen im 19. Jahrhundert. Damals setzte sich in westlichen Gesellschaften die Vorstellung durch, dass die Gesundheit der ständigen Sorge bedarf. Die Menschen glaubten nicht mehr, dass eine höhere Macht darüber entscheidet, ob man krank wird. Stattdessen wollten sie wissen, was man tun muss, um gesund zu sein. Es war auch die Zeit der sogenannten Lebensreformbewegung, die naturnahe Lebensweise, Nudismus und Vegetarismus propagierte. Deren Anhänger kritisierten die westliche Zivilisation als Entfremdung von der Natur und forderten, dass der Körper vermehrt dem Licht ausgesetzt werden solle, um dem entgegenzuwirken. Gleichzeitig gelang es, elektrisch verschiedene Lichtarten herzustellen, und die Medizin begann, sich vermehrt mit deren Wirkung zu befassen.

War von Anfang an der UV-Anteil des Lichts im Zentrum?
Bis zum Ersten Weltkrieg kam UV-Licht nur in spezialisierten Kliniken und Heilstätten zur Behandlung weniger Krankheiten zum Einsatz. Daneben gab es eine kommerziell sehr erfolgreiche Lichttherapie mit Glühlampen, die ja kein UV-Licht produzieren. Dabei ging es ausschliesslich um Wärme.

Wer nutzte diese Lichttherapie?
Sie war auf ein bürgerliches Publikum ausgerichtet. Sanatorien, die um eine zahlungskräftige Kundschaft konkurrier­ten, boten Lichtschränke zum ­Schwitzen an. Das waren mit Glühbirnen bestückte Holzkästen, in die man sich hineinsetzte. Der Erste, der damit warb, war der amerikanische Eugeniker und Cornflakes-Erfinder John Harvey Kellogg. Sein Sanatorium war damals ein Vorbild für viele. In Zürich übernahm Müesli-Namensgeber Maximilian Bircher-Benner die Idee und stellte in seinem Zentralbad in Zürich Ende der 1890er-Jahre ebenfalls Lichtschränke auf.

Was erhoffte man sich von solchen Lichtbädern?
Es ging ausschliesslich ums Schwitzen. Die Vorstellung war, dass man eine Art Schlacke, von der man glaubte, dass sie bei Stoffwechselprozessen entsteht, über die Haut wegschwitzt.

Wann begann man sich auf das UV-Licht zu verlegen?
Als Physiker im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit verschiedenen Arten von Scheinwerfern experimentierten, bekamen sie Haut- und Augenentzündungen. Sehr schnell war klar, dass dies die gleichen Reaktionen waren wie auf Sonnenlicht. Es setzte in der Folge eine physiologische Forschung ein, welche die verschiedenen Lichtkomponenten und deren biologische Wirkungen untersuchte. Dabei produziertes Wissen nutzte der dänische Mediziner Niels Ryberg Finsen in den 1890er-Jahren zur Entwicklung einer UV-Behandlung von Hauttuberkulose. 1903 erhielt er dafür den Nobelpreis.

Die Bestrahlung mit UV-Licht nannte man unter anderem Licht­duschen. Was hat man sich neben der Bekämpfung von Tuberkulose davon versprochen?
Das UV-Licht galt als Stärkungsmittel, welches dem Körper hilft, selber mit Krankheitserregern fertigzuwerden. Man glaubte auch, dass UV-Licht generell die Leistungsfähigkeit verbessere. Es gab in dieser Zeit arbeitswissenschaftliche Untersuchungen, bei denen Probanden unter UV-Licht bestimmte Arbeiten verrichten mussten, um den Einfluss der Bestrahlung zu testen. ­Daneben nutzten Kinderärzte das Lichtduschen zur Behandlung der Vitamin-D-Mangelkrankheit Rachitis, was schliesslich in den 1920er-Jahren zur Entdeckung führte, dass UV-Licht für die Synthese von Vitamin D im menschlichen Körper nötig ist.

Waren die verschiedenen Anwendungen rückblickend tatsächlich sinnvoll?
Ich bin vorsichtig, rückblickend zu werten, was richtig oder falsch ist. Aus der Sicht der damaligen Zeit waren diese Anwendungen plausibel. Während man heute Angst vor zu viel UV-Licht hat, glaubte man in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, dass durch Russ und Staub in den Städten nicht genügend UV-Licht zu den Menschen dränge.

Man befürchtete Lichtmangel.
Ja. Zum Beispiel betrachtete man Rachitis Ende des Ersten Weltkriegs als Folge der Zivilisation. Die Erkrankung war ein Symbol dafür, dass die Menschheit sich angeblich in eine falsche Richtung entwickelte. Gesellschaftskritiker riefen immer wieder Rachitiskrisen aus. Allerdings haben Wissenschaftshistoriker inzwischen gezeigt, dass die Daten, auf die man sich dabei berief, überhaupt nicht so eindeutig waren, wie das die Schlagzeilen nahelegten.

Wie verbreitet war Lichtduschen?
Ein Massenphänomen war es nicht. Es existierten öffentliche Einrichtungen wie Sanatorien oder Hallenbäder, wo man lichtduschen konnte. Daneben gab es immer wieder Versuche, die Behandlung bestimmten Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen. Während des Nationalsozialismus wurden beispielsweise Bergwerksarbeitern UV-Lampen in die Garderobe gestellt. Und als die Wehrmacht Norwegen besetzte, baute man Bestrahlungsbaracken, damit sich die Soldaten während der Polarnacht dem UV-Licht aussetzen konnten. Bis in die 1950er-Jahre waren UV-Strahler eher ein Luxusartikel.

Dann gab es gar keine Bestrahlung im grossen Stil?
Doch. In Spitälern waren Bestrahlungsanlagen für Kranke, aber auch für Gesunde als Prophylaxe verbreitet. In den 1920er-Jahren haben auch Geschäftsleute sehr schnell UV-Lampen aufgegriffen, um damit Gegenwelten zur Grossstadt aufzubauen. In der Schweizer Presse zirkulierten zum Beispiel Bilder von künstlichen Stränden mit Palmen, Menschen auf Liegestühlen und vielen verschiedenen Lampen, die ein gesundes Klima in diesen Räumen herstellen sollten.

Ab den 1950er-Jahren gab es zunehmend günstigere Geräte wie die Höhensonne. Hat man von da an mehr auf Schönheit als auf Gesundheit geachtet?
Dieser Wechsel fand ausgeprägt vor ­allem in den 1970er-Jahren statt, mit dem Aufkommen der Solarien, die ausschliesslich darauf ausgelegt sind, dem ganzen Körper möglichst schnell einen Teint zu verleihen. Das war letztlich das Ende des Lichtduschens.

Warum haben Mediziner nicht schon früh bemerkt, dass UV-Licht zu Krebs führen kann?
Mediziner beobachteten bei Selbstversuchen, dass Augenentzündungen und Hautrötungen durch UV-Licht wieder abheilen, und machten sich deswegen keine Sorgen. Langfristige Folgen zog man erst ab den 1920er-Jahren in Betracht, als Forscher erstmals Mäuse über längere Zeit mit grossen Mengen Licht bestrahlten und feststellten, dass die Tiere Tumore entwickelten. Lichttherapeuten betrachteten dies zunächst nicht als Gesundheitsgefahr für den Menschen, sondern als eine Folge von Überdosierung durch die falsche Anwendung der Geräte. Erst ab den 1970er-Jahren, nachdem das Ozonloch ein Thema ­geworden war, wurde UV-Licht zu etwas eindeutig Gefährlichem.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2015, 23:02 Uhr

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Niklaus Ingold.
Der Historiker hat seine Dissertation an der Uni Zürich zu «Licht­duschen» als Buch veröffentlicht (Chronos- Verlag 2015). Zurzeit arbeitet er freiberuflich (www.ogre.ch).

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