Umstrittener Trisomie-Test ab August erhältlich

Ein Test für vorgeburtliche Trisomie-21-Erkennung soll bald erhältlich sein. Die Nachfrage in der Schweiz ist gemäss dem Anbieter gross. Ethiker und Politiker kritisieren das Verfahren scharf.

Führt der Test zu mehr Abtreibungen? Werdende Mutter.

Führt der Test zu mehr Abtreibungen? Werdende Mutter. Bild: Keystone

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Ursprünglich hätte der Test für eine vorgeburtliche Trisomie-21-Erkennung bereits im Juni erhältlich sein sollen. Wie die «NZZ am Sonntag» schreibt, wird das umstrittene Testverfahren (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete) nun Mitte August in der Schweiz vertrieben werden.

Zur Verzögerung kam es, weil im deutschen Bundesland Baden-Württemberg eine hitzige Debatte über den Test entbrannte, die eine Markteinführung verzögerte. Um zu vermeiden, dass es zu einem Test-Tourismus zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich kommt, blockierte der Hersteller Lifecodexx aus Konstanz die Einführung für alle drei Länder.

Wie gross die Nachfrage für einen solchen Test ist, weiss die Herstellerfirma zu berichten. Um die vielen Anrufe von interessierten Frauen zu bearbeiten, errichtet Lifecodexx zurzeit ein neues Callcenter: «Wir erhalten zahlreiche Anrufe von Ärzten und Patienten, die ungeduldig warten, bis der Test erhältlich ist», sagte Marketing-Direktorin Elke Decker gegenüber der «NZZ am Sonntag».

Bisheriger Test risikoreich

Bis heute nehmen Frauen ein gewisses Risiko in Kauf, wenn sie sich für einen vorgeburtlichen Test zur Trisomie-21-Erkennung entscheiden. Denn bei dem dafür nötigen invasiven Eingriff verliert im Schnitt eine von hundert Schwangeren ihr Kind. Der sogenannte Praenatest wird ab der 12. Schwangerschaftswoche durchgeführt und soll Anzeichen des Downsyndroms genau bestimmen können. Der Praenatest ist nicht invasiv, für die Analyse wird bloss eine Blutprobe der Mutter benötigt, um darin enthaltene DNA-Fragmente des ungeborenen Kindes zu extrahieren.

Im Zusammenhang mit dem neuen Test können sich schwangere Frauen gar auf eine finanzielle Unterstützung der Krankenkassen Hoffnung machen. Gemäss «NZZ am Sonntag» unterstützt der Krankenkassenverband Santésuisse eine Aufnahme in den Leistungskatalog. Falls der Test die drei Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erfülle, soll er in die Grundversicherung mitaufgenommen werden, lässt der Verband ausrichten. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie verlangt eine Kostendeckung durch die Krankenkassen.

«Gesellschaftlicher Druck verstärkt sich»

Ethiker und Vertreter von Behindertenorganisation stehen dem neuartigen Test skeptisch gegenüber. Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin des Instituts Dialog Ethik in Zürich, warnt vor einer «Zuchtwahl menschlichen Lebens». Baumann-Hölzle kritisiert, Leben werde immer mehr als Verbrauchsmaterial angesehen. Marianne Binder zweifelt an der ethischen Verantwortbarkeit des Eingriffs: «Der Test dient der Selektion von Lebenskriterien», sagte CVP-Informationsschefin im Mai im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

«Der gesellschaftliche Druck, sich testen zu lassen und dann eine Abtreibung vorzunehmen, dürfte sich verstärken», sagt Heidi Lauper, Co-Geschäftsführerin des Vereins Insieme. Der Dachverband für Eltern von Menschen mit einer geistigen Behinderung hat auch Bedenken bezüglich der Situation von Menschen mit Downsyndrom: «Wir befürchten, dass sie keine Versicherungsleistungen mehr bekommen», so Lauper. Diese Entwicklung könne man bereits in den USA beobachten.

Ein Test kostet 1500 Franken

Lifecodexx weist diese Bedenken zurück. Der Praenatest könne nicht «einfach so» durchgeführt werden, schreibt das Unternehmen auf seiner Website. Die Schwangere müsse gewisse Kriterien erfüllen und werde vor dem Test ärztlich beraten. Laut Lifecodexx hätten nur Frauen mit Risikoschwangerschaften Zugang zum Test. Auch die Kosten von 1500 Franken müssten von den Eltern selbst getragen werden. (mrs/mpl)

Erstellt: 29.07.2012, 14:38 Uhr

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