Unter «finanziellen Psychopathen»

Die Wallstreet tickt nicht richtig. Psychopathen sind anscheinend überdurchschnittlich repräsentiert.

Monster mit Messer: Christian Bale als Patrick Bateman in der Verfilmung von «American Psycho».<br />Bild: PD

Monster mit Messer: Christian Bale als Patrick Bateman in der Verfilmung von «American Psycho».
Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Skandal folgt dem anderen, eine Abzockerei der nächsten: Von Enron über Bernie Madoff, von tagtäglicher Wirtschaftskriminalität, deren Ausmass nie wirklich bekannt wird, bis zu fahrlässigen Milliardenverlusten bei Investmentbanken reicht die Palette. Nirgendwo ist sie so bunt wie im amerikanischen Turbokapitalismus, wo soeben ein JP-Morgan-Banker namens Bruno Michel Iksel, wegen seiner riesigen Einsätze auch bekannt als der «Wal» oder «Voldemort» nach dem schwarzen Magier aus «Harry Potter», zwei Milliarden Dollar oder mehr verbrannt hat.

Voldemorts Vorgesetzer, JP Morgans Top-Boss Jamie Dimon, griff zu einer Routine-Entschuldigung («wir werden aus unseren Fehlern lernen»), der neueste Skandal aber ist Wasser auf die Mühlen einer wachsenden Schar von Kritikern, welche die Wallstreet mitsamt den Chefetagen von Wirtschaft und Politik in den Händen von Psychopathen wähnen. Neu entbrannt war die amerikanische Diskussion über die geistige Befindlichkeit der Banker nach der Publizierung einer Studie im einflussreichen Branchenblatt «CFA Magazine». Gestützt auf Interviews mit Wallstreet-Psychologen schrieb die Verfasserin Sherree DeCovny, dass rund zehn Prozent der an der Wallstreet Arbeitenden «klinische Psychopathen» seien – zehnmal mehr als in der amerikanischen Gesamtbevölkerung.

Zu wenig Empathie, zu viel Charisma

«Ein finanzieller Psychopath», so DeCovny, «kann ein perfekter, gut abgerundeter Bewerber sein, ein Vorstandsvorsitzender, Manager, Mitarbeiter oder Teammitglied, weil seine destruktiven Charakeristiken praktisch unsichtbar sind». Im Allgemeinen fehle es solchen Menschen an Empathie, weshalb sie kein Interesse an den Empfindungen und am Denken anderer zeigten. Müssten sie Verluste hinnehmen, erhöhten sie ihre Wetten, ohne im Falle eines Scheiterns Versagen oder Rechtsverletzungen einzugestehen. Finanziellen Psychopathen sei ein «Überfluss an Charme, Charisma und Intelligenz» zu Eigen, aber auch eine «beispiellose Kapazität für Lügen, Erfindungen und Manipulierung».

Steckten die Wallstreet-Psychopathen in einer Klemme, würden sie in Betrug, Unterschlagung und Diebstahl Zuflucht finden, schrieb DeCovny – immer noch besser zwar als der New Yorker Investment-Banker und Axtmörder Patrick Bateman in Bret Easton Ellis' Roman «American Psycho», aber dennoch erschreckend. Laut DeCovny sind die psychopathischen Charakterzüge der Banker meistens schon vorhanden, bevor sie an der Wallstreet anheuerten, in manchen Fällen aber entwickelten sie sich unter dem Druck der Arbeit. Einer im Jahr 2000 veröffentlichten Studie zufolge leidet zudem fast ein Viertel der Wallstreeter an Depressionen, andere Untersuchungen attestierten ihnen vermehrt Alkoholismus, Schlaflosigkeit, Herzbeschwerden Esskrankheiten und extrem kurze Lunten.

«Scheissegal, was als nächstes passiert»

In seinem letzten Buch «A Man Without A Country» – einem bitteren Abgesang auf die Vereinigten Staaten – hatte Romancier Kurt Vonnegut behauptet, Psychopathen sässen nicht nur in Banken und Unternehmen, sondern auch in der Politik. «Im Gegensatz zu normalen Menschen gibt es für sie keine Zweifel; aus dem einfachen Grund, dass ihnen scheissegal ist, was als nächstes passiert», schrieb Vonnegut. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.05.2012, 11:16 Uhr

Artikel zum Thema

Bei JP Morgan rollen die Köpfe

Das Milliarden-Fiasko der US-Bank hat Folgen: Investmentbank-Chefin Ina Drew verlässt das Unternehmen. Und auch der mysteriöse Händler mit dem Spitznamen «Wal» soll Berichten zufolge gehen. Mehr...

Doch kein Musterknabe

Die US-Grossbank JP Morgan Chase hat innerhalb weniger Wochen zwei Milliarden Dollar verspekuliert. CEO Jamie Dimon spricht von «Schlampereien» und «ungeheurlichen Fehlern». Mehr...

Milliardenloch bei JP Morgan: War es der mysteriöse Banker?

Seit Wochen geistert der Name des Händlers Bruno Iksil – auch als Wal oder Voldemort bezeichnet – durch die Medien. Nun wird er mit dem Milliardenverlust bei JP Morgan in Verbindung gebracht. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Mir stinkts!
Sweet Home Ein Haus in Thailand

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...