«Viele Patienten sind verzweifelt»

Wegen fehlender Kostenerstattung sei die Situation von schwer kranken Patienten mit Hepatitis C prekär, sagt Patientenvertreterin Bettina Maeschli.

Vertritt die Interessen der Patienten: Bettina Maeschli, Vorsitzende des Positivrats.

Vertritt die Interessen der Patienten: Bettina Maeschli, Vorsitzende des Positivrats.

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Frau Maeschli, Sie vertreten die Interessen von Patienten. Die Mehrzahl der neuen Infektionen bei Hepatitis C geht auf Drogenkonsum oder auf ungeschützten Sex zurück. Warum soll die Allgemeinheit dafür aufkommen, wenn der Betroffene zuvor seine Gesundheit selbst aufs Spiel gesetzt hat?
Wenn wir mit der Schuldfrage anfangen, dann müssten wir auch die Raucher in die Pflicht nehmen, die Übergewichtigen und so weiter – und wo endet das? Ich finde es falsch, mit der Schuldfrage zu argumentieren. Das Gesundheitswesen basiert auf dem Solidaritätsprinzip, und das sollten wir beibehalten.

Wer entscheidet, wann eine Behandlung mit den neuen, teuren Hepatitis-C-Medikamenten angezeigt ist?
Im Idealfall entscheidet der Arzt zusammen mit dem Patienten. Im Fall der neuen Medikamente gegen Hepatitis C gibt es aber eine sogenannte Limitatio, das heisst, der Arzt darf sie nur verordnen, wenn bedingte Bedingungen erfüllt sind, wenn zum Beispiel schon ein schwerer Leberschaden vorliegt. Dann deckt die Grundversicherung die Behandlung ab.

Und wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind?
Grundsätzlich muss der Patient in die eigene Tasche greifen, wenn er eine Behandlung will. Aber der Arzt kann versuchen, sich auf einen bestimmten Artikel im Gesetz zu berufen und eine Kostenübernahme bei der Krankenkasse zu beantragen. Wenn das nicht klappt, kann er noch die Pharmahersteller anfragen, ob sie das Medikament gratis abgeben. Die Firmen machen das in manchen Fällen, zum Beispiel im Rahmen von sogenannten Early-Access-Programmen, die für Härtefälle gedacht sind.

Wie fallen die Antworten bei den Krankenkassen aus?
Sehr unterschiedlich. Es gibt Krankenkassen, von denen wir in dieser Hinsicht mehrheitlich Negatives hören, zum Beispiel von der Concordia. Andere sind kulant. Es herrscht grosse Willkür. Oft zieht sich das in die Länge. Für die Patienten, die schwer krank sind, ist das eine sehr schwierige Situation. Viele von ihnen sind verzweifelt. 

Kommt es denn auf ein paar Wochen an? Immerhin ist Hepatitis C ja eine chronische Erkrankung, die schon seit Monaten besteht.
Betroffene müssen früher behandelt werden können, bevor sie schwer krank sind. Sonst kommen viel höhere Kosten auf uns zu. Viele haben weitere Symptome, zum Beispiel starke Müdigkeit, oder sie entwickeln Krebs. Sie müssen ausserdem regelmässig untersucht werden. Es gibt Arbeitsausfälle. All das kostet auch. Was ich noch nirgendwo gesehen habe, ist eine Gegenüberstellung aller Folgen und ihrer Kosten. Das wird nicht berücksichtigt.

Einer Schätzung zufolge sind 80'000 Menschen hierzulande mit Hepatitis C infiziert. Viele wissen aber gar nichts von ihrer Infektion. Sollen sie nun alle behandelt werden?
Ja. Mehr als die Hälfte der Betroffenen haben keine Ahnung davon, dass sie mit dem Virus infiziert sind. Die Hausärzte sollten öfter daran denken und die Patienten im Zweifelsfall testen. Denn mit den neuen Medikamenten können wir die Menschen heilen, bevor sie schwer erkranken. 

Finden Sie die hohen Medikamentenpreise denn gerechtfertigt?
Nein. Die Preise müssen herunterkommen. Die Betroffenen leiden darunter. Die Firmen müssen uns da entgegenkommen, und die Behörden sollten geschickter verhandeln. In anderen Ländern ist dies auch möglich.

Was stört Sie am meisten?
Die Limitatio. Sie verhindert, dass man kranke Menschen therapieren kann. Wegen der Limitatio können in Härtefällen sogar Schwerkranke nicht behandelt werden. Wir finden, das geht nicht. Es gibt Patienten, die weitere schwere Erkrankungen haben, die im Zusammenhang mit Hepatitis stehen, und deshalb brauchten sie rasch gut wirksame Medikamente. Das wird wegen der Limitatio von den Krankenkassen abgelehnt. Weiter stört die Willkür der Krankenkassen bei der Kostengutsprache.

Bettina Maeschli ist Vorsitzende des Positivrats. Er arbeitet ehrenamtlich und vertritt die Interessen von Patienten mit HIV und weiteren Infektionen wie Hepatitis C. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.03.2015, 16:52 Uhr

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