Warum Musik heilt

Der Neurologe Jürg Kesselring musiziert in der Tonhalle.

Ist für seine Patienten nicht einfach der Chefarzt, sondern gibt in der Klinik Konzerte: Jürg Kesselring. Foto: PD

Ist für seine Patienten nicht einfach der Chefarzt, sondern gibt in der Klinik Konzerte: Jürg Kesselring. Foto: PD

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Als Teenager stand Jürg Kesselring vor der Frage: Arzt oder Musiker? Gross war sein Talent als Jungcellist, gross war sein Interesse für Medizin. Kesselring machte eine einfache Rechnung: Cello würde er auch als Amateur spielen können, aber Mediziner sein geht nur als Profi. Seither vereinigt der heute 65-Jährige beide Welten in einer Person. Er ist Professor für Neurologie und Chefarzt im Rehabilitationszentrum Valens im St. Galler Taminatal. Und am Sonntag spielt er in der Tonhalle Grieg, Saint-Saëns und Rimski-Korsakow.

Dabei hat Kesselring, der Mediziner, enorm vom Cellisten Kesselring profitiert. Die «heilende Kraft der Musik» ist bei ihm kein Schlagwort. Wenn er seinem Gesprächspartner die Zusammenhänge zwischen Musik, Sprache und Gehirn erläutert, verkörpert er die Theorie gleich selber. Mit seiner Stimmlage («Sie entspricht etwa der Tonlage des Cellos.»), dem Singsang seines Dialekts und dem aufmerksamen Blick unter buschigen Brauen drückt er aus: Es ist interessant, was ich zu sagen habe. Und es ist mir ein Vergnügen, es anderen zu vermitteln.

Die Sprache, sagt Kesselring, sei vor allem eines: Melodie. Es sind nur die Töne und der Rhythmus, die das Kleinkind wahrnimmt, wenn man mit ihm spricht. Die merkwürdige «Babysprache», in der Eltern auf ihren Nachwuchs einreden, hat darum abseits vom Sinn der Worte auf das kindliche Gehirn enormen Einfluss. Sie signalisiert ihm: Es ist nicht allein.

Die Sprache, sagt Kesselring, sei vor allem eines: Melodie.

Das erleben Erwachsene nicht anders. «Musik ist sozialer Kitt», sagt Kesselring. Als Arzt hat er mit Menschen zu tun, die wegen ihrer Hirnerkrankung depressiv werden. Ihnen ihre Lieblingsmusik vorzuspielen, zeigt ihnen, dass sie nicht allein sind. Nur wenn sie alleingelassen bleiben, wird Depression für sie zur Todesgefahr.

Darum ist Kesselring für seine Patienten nicht einfach der Chefarzt. Er gibt in der Klinik Konzerte. Und er hat dabei sogar mehr Lampenfieber, als wenn er im grossen Saal spielt. Das aber kommt nicht selten vor. Er erzählt es ungern, weil er nicht damit angeben will: Kesselring spielte 2011 bei einem Benefizkonzert für die Multiple-Sklerose-Gesellschaft im Luzerner Kongresszentrum zusammen mit Anne-Sophie Mutter ein Beethoven-Trio. Die weltberühmte Violinistin nennt ihn seither nur halb im Scherz «meinen Triopartner». Allerdings machen solche Auftritte Kesselring auch leicht wehmütig. Für den Amateurstreicher werden die Geschmeidigkeit, Präzision und Perfektion des Profis immer unerreichbar bleiben.

Morgen Sonntag um 19.30 Uhr spielt Jürg Kesselring im Orpheum Supporters Orchestra unter Howard Griffiths zusammen mit vielversprechenden Nachwuchssolisten. Mit im Orchester sitzen bekannte Amateure wie FDP-Nationalrätin Christa Markwalder, der ehemalige «Tages-Anzeiger»-Verleger Hans-Heinrich Coninx oder der Herzchirurg Thierry Carrel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2017, 20:00 Uhr

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