Warum die Kindersterblichkeit in der Schweiz so hoch ist

Die Schweiz hat die vierthöchste Kindersterblichkeitsrate in Westeuropa. Für den überraschend hohen Wert kommen drei Erklärungen infrage.


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Dieses Studienresultat überrascht: Nur in drei westeuropäischen Ländern ist die Kindersterblichkeit höher als in der Schweiz. 4,3 von 1000 in der Schweiz geborenen Kinder starben 2013 in den ersten fünf Lebensjahren. Mehr sind es nur in Malta (7), Grossbritannien (4,9) und Irland (4,6). Tiefer ist die Kindersterblichkeit hingegen in Ländern wie Italien, Frankreich, Spanien oder Portugal. Was unterscheidet die Schweiz vom grossen Rest Westeuropas?

Zur Debatte stehen mehrere Theorien. Einerseits hat die Schweiz eine eher restriktive Haltung zu Frühgeburten. Während man in anderen Ländern alles dafür tut, ein zu früh geborenes Kind am Leben zu erhalten, sind Schweizer Ärzte zurückhaltender. Bei Kindern, die vor der 24. Schwangerschaftswoche geboren werden, verzichten sie in der Regel auf lebenserhaltende Massnahmen. Denn das Risiko für spätere, schwere Behinderungen ist hoch. Das hat einen grossen Einfluss auf die Sterblichkeitsrate: Fast 42 Prozent aller in der Statistik erfassten Todesfälle ereigneten sich im ersten Lebensmonat.

Umstrittene Bedeutung des Ausländeranteils

Andererseits sind viele der in der Schweiz Gebärenden Ausländerinnen – und bei fast 30 Prozent aller in der Statistik erfassten Todesfälle handelt es sich um ausländische Kinder. Gründe dafür sind die schlechte medizinische Versorgung von Sans-Papiers und Fremdsprachigen oder die tieferen Impfraten bei ausländischen Frauen.

Dass die Schweizer Quote durch ausländische Gebärende in die Höhe getrieben wird, ist bei Experten allerdings umstritten. Sie verweisen auf Luxemburg, das Land mit dem höchsten Ausländeranteil Europas (44,5 Prozent). Mit einer Kindersterblichkeitsrate von 2,8 schneidet Luxemburg immer noch deutlich besser ab als die Schweiz.

Laut Thomas Tröster, Neonatologischer Notarzt an der Hirslanden-Klinik Aarau, reicht es darum nicht, nur den Umgang mit Frühgeburten und den Anteil ausländischer Gebärender zu analysieren. Er bringt einen dritten Faktor ins Spiel: die Pränataldiagnostik, also die vorgeburtliche Untersuchung von Föten auf genetische Defekte oder schwere Behinderungen. Je verbreiteter diese in einem Land sei, desto tiefer komme die Kindersterblichkeit wohl zu liegen. «Es ist wahrscheinlich, dass Föten eher abgetrieben werden, wenn Probleme schon vor der Geburt entdeckt werden.» Dementsprechend kommen diese Kinder gar nicht erst zur Welt und beeinflussen so die Sterblichkeitsquote nicht.

Tiefere Quote wegen Praena-Test?

In der Schweiz wird die Pränataldiagnostik laut Tröster zurückhaltender angewandt als in anderen europäischen Ländern – bis jetzt. Seit etwa eineinhalb Jahren können nämlich auch Schweizerinnen den Praena-Test machen. Damit lässt sich in einer mütterlichen Blutprobe bestimmen, ob ein Fötus unter dem Downsyndrom leidet. Bis zum August letzten Jahres hatten sich bereits 1500 schwangere Schweizerinnen testen lassen. Wie viele Befunde positiv waren und zu einer Abtreibung führten, ist nicht bekannt. Weil die Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen mit Downsyndrom höher ist – sie leiden überdurchschnittlich häufig an Herzfehlern –, könnte der Praena-Test aber durchaus einen Einfluss auf die Kindersterblichkeitsquote haben.

Schon bald ändern könnte sich ausserdem die Gesetzgebung zur Präimplantationsdiagnostik (PID). In der Schweiz ist es bis dato verboten, im Reagenzglas gezeugte Embryos schon vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten zu untersuchen. Im März hat sich der Ständerat dafür ausgesprochen, dieses Verbot teilweise aufzuheben: Paaren mit erhöhtem Risiko für Erbkrankheiten soll die PID künftig erlaubt sein. Auch das könnte die Quote laut Tröster beeinflussen.

«Die Schweiz hat viel unternommen»

In Skandinavien sind solche pränatalen Gesundheitstests schon heute erlaubt. In Dänemark, Norwegen und Schweden ist die Kindersterblichkeit denn auch tiefer als in der Schweiz. Schweden kommt mit einem Wert von 2,7 auf dem drittletzten Rang zu liegen – laut Tröster eine extrem tiefe Quote: «Werte von unter 3 sind schon sehr aussergewöhnlich.»

Darum ist die Schweizer Quote laut Tröster nicht besorgniserregend, auch wenn sie im westeuropäischen Vergleich hoch ist. Die Schweiz habe in den letzten Jahrzehnten viel unternommen, um die Überlebenschancen von Kindern zu erhöhen: Die Diagnostik bei Neugeborenen habe sich verbessert, Neonatologie-Zentren wurden gegründet oder ausgebaut. Und auf null, so Tröster, werde die Kindersterblichkeitsquote ohnehin nie sinken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.05.2014, 15:43 Uhr

«Die Schweiz hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert»: Thomas Tröster, Neonatologischer Notarzt an der Hirslanden-Klinik Aarau. (Bild: zvg)

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