Was Schreibabys wirklich beruhigt

Neugeborene, die permanent weinen, können ihre Eltern in die Verzweiflung treiben. Forscher raten, mit dem Schreibaby eine Schreiambulanz aufzusuchen.

Entgegen der verbreiteten Meinung sind Koliken meist nicht die Ursache für Schreikrämpfe: Ein neugeborenes Kind.

Entgegen der verbreiteten Meinung sind Koliken meist nicht die Ursache für Schreikrämpfe: Ein neugeborenes Kind. Bild: AFP

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Sie hatte sich auf diese ersten Monate gefreut, doch dann wurde die Mutterschaft zum Albtraum. Die neugeborene Tochter schrie und schrie, das kleine Gesicht hochrot, alle Muskeln angespannt, der ganze Körper versteift. Das Kind liess sich einfach nicht beruhigen. Kein Stillen oder Wiegen, liebesvolles Zureden oder Streicheln half. Das Baby schien in unstillbarem Zorn und Schmerz gefangen zu sein – unerreichbar für die Eltern. «Ich habe mich wie ein Häufchen Dreck gefühlt», erinnert sich die Mutter Karin B., die ihren Namen nicht veröffentlichen möchte. «Ganz offensichtlich brachte ich die einfachste Sache der Welt nicht zustande – mein Kind glücklich zu machen.» Das Gebrüll trieb sie beinahe in den Wahnsinn.

Vielleicht hätte es Katrin B. damals geholfen, wenn sie gewusst hätte, wie häufig junge Mütter unter ähnlichen Gefühlen leiden: Je nach Definition legen 5 bis 25 Prozent aller Babys das sogenannte «exzessive Schreien» an den Tag. Grob gesagt gilt ein Kind als Schreibaby, wenn es an drei oder mehr Tagen der Woche mindestens drei Stunden lang schreit. Nach Meinung der Fachleute reicht als Indikation das Gefühl der Eltern, es mit dem eigenen Kind nicht mehr auszuhalten. Sie geraten dadurch meist in einen Teufelskreis. Tipps, wie der sich durchbrechen und das Kind beruhigen lasse, gibt es zwar viele. Doch wie wirksam sind die einzelnen Methoden? Hilft überhaupt irgendetwas?

Placebo statt Fenchelsamenöl

Diese Fragen hat das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) untersuchen lassen. Fazit: Am besten kommen psychotherapeutische Ansätze weg. Den meisten anderen untersuchten Therapien stehen die Prüfer mindestens skeptisch gegenüber.

In die Bewertung sind die Ergebnisse von 18 Studien eingeflossen, die zum Teil wiederum mehrere Einzelstudien auswerteten. Die Mehrzahl der Untersuchungen stammt aus den USA und aus Grossbritannien. Vier der Studien befassen sich mit der Wirkung pflanzlicher Mittel, mit denen Säuglinge im Spital behandelt werden, oder mit der Ernährung der Mutter, etwa wenn diese auf Milchprodukte verzichtet. Für eine Untersuchung in Russland wurden 125 Schreibabys in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Kindergruppe erhielt Placebos, die andere eine Woche lang viermal täglich eine Emulsion aus Fenchelsamenöl. Am Ende hatte sich in der behandelten Gruppe bei zwei Dritteln das Schreien vollständig gelegt, in der Placebo-Gruppe war es ein knappes Viertel.

Dennoch sehen die Prüfer die Ergebnisse dieser Studien mit grosser Vorsicht. Es sei unklar, inwieweit die Spitalatmosphäre eine Rolle spielte und ob sich die Resultate auf die Situation zu Hause übertragen lassen. Zudem beruhen die Behandlungsansätze auf der veralteten Vorstellung, bei dem unstillbaren Schreien handle es sich in der Regel um eine sogenannte Dreimonatskolik. Diese Erklärung gilt medizinisch als überholt. «Die Eltern sollten es ruhig erst mit den Hausmitteln versuchen», sagt Dieter Korczak, ein Autor der Dimdi-Analyse. Beliebt bei Eltern ist auch das blähungslösende Mittel Sab simplex. «Aber Dreimonatskoliken sind sicher nicht der wesentliche Grund für exzessives Schreien», saht Korczak.

Noch skeptischer ist der Mediziner bei der Bewertung chiropraktischer Behandlungen. Chiropraktiker oder Osteopathen versuchen Schreibabys vom sogenannten Kiss-Syndrom zu befreien, eine «Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung», die nach Meinung mancher Alternativmediziner die Ursache für das Schreien ist. Dass solch eine Störung überhaupt existiert, ist aus Sicht der evidenzbasierten Medizin nicht überzeugend bewiesen. Auch die Dimdi-Prüfer kritisieren Studien als qualitativ mangelhaft, denen zufolge die Kiss-Therapie wirken soll. So fehlten zum Beispiel Kontrollgruppen, oder die Zahl der untersuchten Fälle war zu klein, um daraus statistisch relevante Folgerungen abzuleiten. «Oft gab es gar keine Diagnose für das Syndrom», sagt Korczak. «Ich rate hier zur Vorsicht, denn es gibt keine Behandlung ohne Nebenwirkungen.»

Positiv fiel indes die Bewertung der verschiedenen psychotherapeutischen Betreuungsangebote aus. Mehrere Untersuchungen zeigten, dass die Beratung und Begleitung durch Krankenschwestern, Psychologen und Ärzte das Schreien der Kinder und den Stress der Eltern oft schon nach wenigen Tagen deutlich mindern können. In den meisten Fällen findet man keinen organischen Auslöser für das Dauergebrüll. Psychologen und Kinderärzte vermuten eine unspezifische «Regulationsstörung» – die Babys können auf Reize und Eindrücke in ihrer Umgebung nicht angemessen reagieren.

Suche nach dem «Engelskreis»

Wie es dazu kommen kann, ist unklar. In der Diskussion stehen zum Beispiel Stress und Ängste während der Schwangerschaft, die sich auf das Ungeborene auswirken können, oder auch eine schwierige Geburt. Klar ist aber, dass das Dauergebrüll die Beziehung zu den Eltern und die Mutter-Kind-Bindung stark stören kann. Babys werden im Normalfall von ihren Eltern fortwährend beruhigt oder angeregt, und normalerweise fühlen sich die Eltern durch die Reaktionen ihres Kindes bestärkt, was sie in ihrem Umgang sicherer macht. Ein solcher «Engelskreis» aber entsteht bei Schreibabys oft nicht. Zudem bringen die Eltern häufig auch eigene Unsicherheiten und Ängste mit, die durch die unverständliche Reaktion des Kindes noch verstärkt werden.

Die Mehrzahl der neun ausgewerteten Einzelstudien und Übersichtsarbeiten zur psychotherapeutischen Behandlung stufen die Dimdi-Prüfer als methodisch gut ein. Allerdings bezogen sich die meisten dieser Studien auf Beratungen, die entweder zu Hause oder während eines mehrtägigen Krankenhausaufenthalts stattfanden. Ambulante Beratung wurde nur in fünf US-Studien untersucht. Sie brachte überwiegend gute Ergebnisse, allerdings gibt es keinen direkten Vergleich mit der stationären oder häuslichen Betreuung.

Auch wenn Korczak weiteren Forschungsbedarf sieht, lautet sein Fazit: «Ich würde allen Eltern mit Schreibabys raten, möglichst rasch eine Schreiambulanz aufzusuchen, damit die Probleme nicht chronisch werden.» Katrin B. hat dies nie gemacht. «Ich wollte es selbst schaffen und nicht öffentliche Hilfe in Anspruch nehmen», sagt die junge Mutter. «Damit hätte ich mich noch mehr als Versagerin gefühlt.»

Von alleine zur Ruhe gekommen

Um solche Vorbehalte abzubauen, sei eine niederschwellige Unterstützung notwendig, bei der schon Geburtsstationen und Hebammen Warnsignale erkennen und Hilfe anbieten, sagt Korczak. Auch beim Schlafen oder Essen kann es zu Problemen kommen. Das Schreien ist besonders gefährlich, weil es Aggressionen weckt. Im schlimmsten Fall wird das Kind von verzweifelten Eltern geschüttelt, wodurch es zu Hirnblutungen kommen kann, die bleibende Schäden verursachen oder tödlich enden können. Welche Spuren die albtraumhaften ersten Monate bei Schreikindern und Eltern ansonsten hinterlassen, darüber weiss man wenig.

In den allermeisten Fällen klingt das Gebrüll nach dem dritten Lebensmonat von alleine ab. Bei der Tochter von Katrin B. dauerte es ein bisschen länger. Doch auch dieses Kind hörte auf zu schreien. «Was immer damals unser Problem war», sagt die Mutter, «heute ist meine Tochter zauberhaft.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2013, 12:45 Uhr

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