Das Montagsporträt

Was Skelette von früheren Epochen erzählen

Simon Kramis forscht als Anthropologe an der Uni Basel. Das Schicksal von Babys, die zur Römerzeit in Augusta Raurica begraben wurden, berührt ihn.

Simon Kramis in der Ausstellung «Knochenarbeit».

Simon Kramis in der Ausstellung «Knochenarbeit». Bild: Nicola Pitaro

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Das Kind kam tot zur Welt oder starb wenige Tage nach der Geburt. Es mass 52,4 Zentimeter und war vermutlich ein Mädchen. Die Eltern begruben das Neugeborene nicht auf einem der Friedhöfe, die an den Ausfallstrassen der Römerstadt Augusta Raurica lagen, sondern in der Ecke eines Lagerraumes. Das geschah irgendwann zwischen 70 und 110 nach Christi Geburt in einem Quartier im Süden der Koloniestadt. Diese Geschichte liest der Anthropologe Simon Kramis aus 46 Knöchelchen und 10 Schädelfragmenten des Kleinkindes heraus. Archäologen hatten die Überreste des Säuglings im März 1968 im Gebiet Kurzenbettli der Gemeinde Augst ausgegraben.

Acht Babys im Brunnenschacht

Kramis hat das lückenhafte Puzzle des Babyskelettes anatomisch richtig auf einer breiten Fensterbank im «Chalet» ausgelegt. Die geräumige Baracke in der Nähe der römischen Ruinen ist der Arbeitsplatz des 33-jährigen Doktoranden. Im Chalet lagern auf Tablaren in offenen Metallgestellen und in Kartonschachteln menschliche Knochen aus der Zeit, als Römer in der wirtschaftlich und strategisch bedeutenden Stadt am Rhein lebten. Kramis beschäftigt sich jedoch nur mit den Skeletten von 100 bis 130 Erwachsenen und 40 bis 45 Babys, die trotz des Verbots im Römischen Reich, Tote innerhalb einer Siedlung zu bestatten, in Häusern und Hinterhöfen begraben, in Strassengräben verscharrt oder in Sodbrunnen geworfen wurden.

In einem Brunnenschacht stiessen Archäologen auf acht vollständig erhaltene Skelette von Neugeborenen. «Diese Babys wurden nicht durch ihre Eltern weggeworfen. Vielleicht gab es in der Nähe des Brunnens ein Bordell. Oder wegen einer ungewollten Schwangerschaft verzweifelte Mütter entledigten sich auf diese Art des Kindes», deutet Kramis die Funde. Der gebürtige Luzerner, der im Teenageralter nach Freiburg im Breisgau umzog, ist vor einem Jahr Vater einer Tochter geworden. «Die Schwangerschaft meiner Frau, die Hausgeburt und die eigene Vaterschaft haben mein Einfühlungsvermögen für die Schicksale verstärkt, die sich hinter den Knochen dieser Neugeborenen verbergen», sagt Kramis.

«Gut trainierte Männer»

Als er 10-jährig war, durfte er einen Tag in einer Ausgrabungsstätte verbringen. «Das faszinierte mich. Aber diese Erfahrung führte nicht auf geradem Weg zu meinem heutigen Beruf», sagt der Anthropologe. Nach dem Abitur begann er, Jus zu studieren. Später sattelte er auf Biologie um und stellte fest, dass ihn Frühgeschichte mehr und mehr interessierte. An seinem Spezialfach gefällt Kramis, dass sich «alles um den Menschen dreht». Die tägliche Beschäftigung mit Totenschädeln und Skeletten ruft bei ihm keinen Grusel hervor. «Ich erhalte einen einzigartigen Einblick in vergangenes Leben. Einen solchen Einblick hatten weder die Menschen, deren Knochen ich untersuche, noch ich selbst in meinen eigenen Körper», sagt Kramis.

Behutsam ergreift er mit beiden Händen den Schädel eines ausgewachsenen Römers und dreht ihn im Licht. Er untersucht die Schädeldecke über den Ohren und die obere Auswölbung der Augenhöhlen darauf, ob die Knochenoberfläche porös ist. «Das wäre ein Zeichen für Mangelernährung.» Aus dem Zustand der Skelette der vielen Männer, die man innerhalb der einstigen Römerstadt ausgrub, schliesst Kramis jedoch, dass sie – ob Bauer oder Soldat – «kräftig und gut trainiert» waren.

Eine wissenschaftlich fundierte Interpretation der alten Knochen ist nur in engen Grenzen möglich. «Je weniger von einem Skelett erhalten blieb, desto unsicherer werden die Aussagen», sagt der junge Forscher. Das Geschlecht lasse sich relativ sicher bestimmen, falls das Becken und der Schädel erhalten sind. Aber schon beim Sterbealter und der Körpergrösse, die Anthropologen als weitere Grunddaten erheben, bestünden oft Unsicherheiten.

Preisgekrönte Ausstellung

Kramis achtete auf diese wissenschaftliche Relativierung als Mitarbeiter des Teams, das 2011 die Ausstellung «Knochenarbeit. Wenn Skelette erzählen» im Naturhistorischen Museum Basel konzipierte. Letzten Freitag hat die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften die Ausstellung mit dem Prix Expo 12 ausgezeichnet. Der Erfolg der bisher von 47 000 Personen besuchten Ausstellung gibt Kramis recht, wenn er sagt: «Man muss etwas nicht spannender darstellen, als es ist, damit es interessiert.»

Wäre es nach ihm gegangen, hätte das Museum unter den Skeletten, die etwas erzählen, auch dasjenige eines Neugeborenen zeigen dürfen. Aber die Ausstellungsmacher verzichteten darauf. Aus Pietätsgründen.

Erstellt: 27.08.2012, 08:48 Uhr

Museum

Die Ausstellung «Knochenarbeit» im Naturhistorischen Museum Basel dauert noch bis 2. September.

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