Was haben Sie vor zehn Tagen gegessen?

Der lebensbedrohliche EHEC-Erreger breitet sich weiter aus. Es wird davor gewarnt, rohe Tomaten, Gurken und Blattsalate aus Norddeutschland zu essen. Experten suchen fieberhaft nach der Quelle.

Wollen dem Erreger auf den Grund gehen: Biologisch-technische Assistentin der Universitätsklinik in Münster hält eine Petrischale, in der sich ein Nährboden mit Darmbakterien befindet.

Wollen dem Erreger auf den Grund gehen: Biologisch-technische Assistentin der Universitätsklinik in Münster hält eine Petrischale, in der sich ein Nährboden mit Darmbakterien befindet. Bild: Keystone

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Der lebensbedrohliche EHEC-Erreger breitet sich in Deutschland weiter aus. Als erste Massnahme wird nun davor gewarnt, rohe Tomaten, Gurken und Blattsalate aus Norddeutschland zu essen.

Woher das aggressive Escherichia coli (EHEC) in Deutschland stammt, ist weiterhin unklar. Das Robert-Koch-Institut (RKI) rät aber vom Verzehr roher Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland ab.

Der Verzehr von einem oder mehreren dieser Lebensmittel könnte einen Grossteil der schweren EHEC-Erkrankungen (HUS) erklären, teilte das Institut unter Berufung auf eine Studie mit. Es sei aber nicht auszuschliessen, dass auch andere Lebensmittel als Infektionsquelle in Frage kommen.

BAG: Kaum Gemüse aus Norddeutschland

Die Wahrscheinlichkeit sei sehr klein, dass Tomaten, Gurken und Blattsalate aus Norddeutschland in der Schweiz verkauft würden, teilte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Abend in einer ersten Reaktion mit. Dies hätten erste Abklärungen ergeben. Derzeit werde in der Schweiz hauptsächlich inländisches Gemüse vermarktet.

Mit den deutschen Behörden werde nun abgeklärt, welche Herkunft und Lebensmittel genau betroffen seien. Es sei möglich, dass diese Lebensmittel erst bei der Verarbeitung verunreinigt wurden. In der Schweiz seien bisher keine gehäuften Fälle von Infektionen durch EHEC verzeichnet worden.

In Deutschland stieg die Zahl der Fälle des hämolytisch- urämischen Syndroms (HUS) rasch an. Am Mittwochabend waren es mehrere hundert. Das Robert-Koch-Instituts (RKI) sprach vom stärksten je registrierten EHEC-Ausbruch.

Vier Menschen sind bislang mutmasslich daran gestorben, wobei die letzten Abklärungen in zwei Fällen noch ausstehen. Bei der Suche nach einer Lösung tappten die Behörden weiter im Dunkeln.

Minister ist alarmiert

Der deutsche Gesundheitsminister Daniel Bahr zeigte sich alarmiert über die schnelle Zunahme der Neuinfektionen und riet den Bürgern zu besonderer Vorsicht.

«Die Zahl der schweren Verläufe in einem kurzen Zeitraum ist sehr ungewöhnlich. Auch die betroffenen Altersgruppen sind untypisch», teilte das Robert-Koch-Institut mit. So seien dieses Mal anders als sonst kaum Kinder, sondern überwiegend Frauen betroffen. Die meisten Fälle sind in Norddeutschland aufgetreten, namentlich in Hamburg und Kiel.

Die deutsche Kosumentenschutzministerin Ilse Aigner warnte vor voreiligen Schuldzuweisungen. Berichte, wonach Landwirte die Krankheitswelle durch den unsachgemässen Einsatz von Gülle als Dünger ausgelöst haben könnten, seien Spekulationen.

Fälle in anderen Ländern

Das HUS ist eine schwere Erkrankung, die bei bakteriellen Darminfektionen mit sogenannten enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) auftreten kann. Die Betroffenen leiden in der Regel unter akutem Nierenversagen, Blutarmut durch den Zerfall roter Blutkörperchen und einem Mangel an Blutplättchen.

Laut dem österreichischem Gesundheitsministerium sind in den vergangenen Tagen HUS-Fälle in Schweden, den Niederlanden und in Grossbritannien bekannt geworden. Die betroffenen Personen seien im Mai in Norddeutschland unterwegs gewesen, hiess es. Die Infektion wurde offenbar nicht durch Nahrungsmittelexporte ausgelöst.

Forscher suchen die Quelle

Der Fragebogen ist umfangreich. Und das Gesundheitsamt in Frankfurt am Main verlangt den Befragten eine Menge Erinnerungsarbeit zum eigenen Essverhalten ab. Ziel ist, die Quelle für die EHEC-Erkrankungen zu finden. Doch die Suche gestaltet sich schwierig. Amtsleiter René Gottschalk spricht in Frankfurt am Main von einer «kriminalistischen Kleinarbeit».

Erste Indizien haben die Lebensmittelwächter bereits: Für eine Übertragung von Mensch zu Mensch gibt es bisher kaum Anhaltspunkte. Auch haben Untersuchungen ergeben, dass Trinkwasser als Infektionsquelle auszuschliessen ist. Belastete Lebensmittel sind die Verdächtigen und dabei vor allem Salat, Obst, Gemüse und rohe Milchprodukte, wie Gottschalk erläutert.

Erkrankte werden befragt

Um Genaueres zu erfahren, werden die Betroffenen in Hessen befragt. Da eine Übertragung wahrscheinlich etwas mit der Nahrung zu tun habe, gingen viele Fragen in diese Richtung, erläutert eine Sprecherin des hessischen Sozialministeriums auf Anfrage. Auf dem Weg sollten Parallelen gefunden werden, um vielleicht ein bestimmtes Lebensmittel oder einen Anbieter ausmachen zu können.

Auch das Gesundheitsamt in Frankfurt hat einen Fragebogen für EHEC-Erkankungen aufgesetzt. Dieser richtet sich zunächst an Mitarbeiter eines Unternehmens, wo in Frankfurt die meisten Menschen erkrankt sind und zwei Kantinen vorerst geschlossen wurden. Die Beantwortung ist freiwillig. Zu den Fragen gehört nicht nur, ob und welche Beschwerden wie Erbrechen, Fieber, Durchfall oder Blut im Stuhl jemand seit dem 8. Mai hatte, sondern auch, was er in der Kantine gegessen hat.

Auch Lieferwege müssen überprüft werden

32 Lebensmittel werden aufgezählt. Sie reichen von Pistazien über Gyros, Algen und Kokoscreme bis zu Obstsäften. Auch Ruccola, Rohkostsalate und Erdbeeren finden sich auf der Liste. Bei der Auswahl wurde sich nach Angaben von Gottschalk an dem Speiseplan der Kantine orientiert sowie an Erfahrungen, in welchen Lebensmitteln sich der Erreger schon einmal versteckt habe.

«Wir haben versucht, das so umgreifend wie möglich zu machen», erläutert der Experte. In den USA habe es zum Beispiel einmal einen grossen Ausbruch mit Nüssen gegeben. Angaben zum Konsum sollen die Befragten ab dem 2. Mai machen.

Und da liegt ein Problem bei der Ursachenforschung. Bei einer klassischen Lebensmittelvergiftung setzten die Beschwerden wenige Stunden nach dem Essen ein, erläutert Gottschalk. Bei EHEC könnten zwischen der Infektion und den ersten Symptomen bis zu zehn Tagen vergehen. Um zu ermitteln, welches Lebensmittel wohl als Ursache der Erkrankung sei, laute die Frage also «Was haben sie vor zehn Tagen gegessen?» Das wüssten die wenigsten noch.

Lange und viele Lieferwege überprüfen

Zudem müssten lange und viele Lieferwege überprüft werden. Der Verdacht liege nahe, dass der «Verteiler» der Infektion ein Lebensmittelproduzent sei, der seine Produkte von einer Zentrale aus über grosse Entfernungen an verschiedene Ziele transportiere, aber hauptsächlich in Norddeutschland vertreibe.

Bei der Suche arbeitet das Gesundheitsamt nach eigenen Angaben eng mit den Caterern zusammen, die ein grosses Interesse an Aufklärung hätten. Gerade die grossen Anbieter hätten unheimlich viele Lieferanten und Lieferwege, sagt Gottschalk. Da sei zunächst einmal zu untersuchen, wer, was, wann geliefert habe. Wann mit Ergebnissen zu rechnen sei, sei nicht abzusehen. Und vielleicht werde die Quelle auch nie gefunden. Sie könnte schliesslich auch schon aufgegessen worden sein. (miw/bru/dapd/sda)

Erstellt: 26.05.2011, 08:40 Uhr

Ursache für Darminfektionen noch unklar. (Video: Reuters)

So schützt man sich vor dem EHEC-Erreger. (Video: Reuters)

Der EHEC-Erreger in Deutschland. (Video: Reuters)

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