Was im Umgang mit Demenz hilft

Erkrankt ein Mensch an Demenz, verändert das nicht nur das Leben des Betroffenen, sondern auch das seiner Angehörigen.

Für einen demenzbetroffenen Menschen da zu sein, ist für die Angehörigen eine grosse Herausforderung. Symbolbild: Getty

Für einen demenzbetroffenen Menschen da zu sein, ist für die Angehörigen eine grosse Herausforderung. Symbolbild: Getty

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Die Veränderung begann schleichend. Irgendwann stapelten sich bei Albert Kohler (Name geändert) die Rechnungen, dann die Hemden im Schrank: Woche für Woche kaufte er sich ein neues – und legte es unausgepackt zu den anderen. Seine Frau Carola realisierte zuerst nicht, was los war. Dann aber blieb ihr Mann mit seinem Auto mitten in Bern stehen, mit kaputter Kupplung – vermutlich hatte der 84-Jährige schon seit Wochen vergessen, sie beim Schalten durchzudrücken.

Und auf einmal wurde Carola Kohler bewusst, dass ihr Mann, früher blitzgescheit und schlagfertig, immer weniger mit ihr redete, sie häufig ratlos anschaute und sich aus dem Alltag zurückzog. «Er sass immer länger auf der Couch, bewegungslos, und hielt die Zeitung in der Hand – ich glaube, er liest sie schon länger gar nicht mehr richtig», erzählt sie. Für die temperamentvolle 83-Jährige, die sich nun plötzlich auf sich allein gestellt sah, nur schwer auszuhalten. Und wenn sie ungeduldig reagierte, meldete sich sofort ihr schlechtes Gewissen.

Alles infrage gestellt

Ähnlich wie den Kohlers geht es vielen Paaren, bei denen ein Partner an Demenz erkrankt. Dann herrsche auf beiden Seiten oft grosse Ratlosigkeit, erklärt der Zürcher Heimarzt und Gerontopsychiater Christoph Held (68): «Der Demenzbetroffene verliert nicht nur den Bezug zur Realität, er verliert ihn vor allem auch zum persönlichen Erleben. Der Partner – oder hier eben die Partnerin – wiederum kann nicht verstehen, was abläuft, und sieht auch sich infrage gestellt.»

Das Erleben der Betroffenen, erklärt Held, könne man sich etwa so vorstellen wie jene Momente, die alle ab und zu erleben: eine Art Black-out, wenn man plötzlich im Wohnzimmer steht und nicht mehr weiss, was man eigentlich dort wollte. Ein sanftes Abgleiten in das Vergessen sei Demenz jedenfalls nicht, betont Held, «eher ein Filmriss im Selbsterleben, manchmal verbunden mit dem Gefühl von Verlorenheit und Angst».

Dieses Erleben macht Menschen verletzlich, weil sie in allen möglichen Situationen überfordert sind. Christoph Held schildert das an einer Begebenheit in einem Altersheim: Als die Pflegerin einem Bewohner mit Demenz eine Tasse Kaffee hinstellte, warnte sie, er sei noch heiss. Darauf nickte der Mann. «Ja, ich erinnere mich, wie ich mir einst in der Rekrutenschule den Mund mit Kaffee aus einer Blechtasse verbrühte.» Sagte es ganz vernünftig – und nahm im nächsten Moment einen Schluck und verbrannte sich die Lippen prompt wieder. «Er konnte das frühere Erlebnis nicht mehr mit seiner heutigen Situation verbinden», erklärt Held.

«Entgegen dem schlechten Gewissen – ein Heimeintritt kann befreiend sein für alle.»Christoph Held, 
Gerontopsychiater und Heimarzt

Für Angehörige ist solches Verhalten schwer auszuhalten. Christoph Held betont deshalb, wie wichtig es ist, sich schon früh Hilfe und Unterstützung zu holen: «Es hilft zwar, wenn Angehörige die Krankheit verstehen, aber noch viel mehr hilft es, wenn sie nicht allein dastehen und sich immer wieder Momente der eigenen Besinnung und Erholung schaffen können.»

Genau das hat auch Carola Kohler festgestellt: Die Spitex-Mitarbeiterin, die zweimal wöchentlich bei der Körperpflege hilft, ist zu wenig Unterstützung. Eine Abklärung in einer Memoryklinik verweigert Carolas Mann wie viele andere Betroffene: «Mir gehts bestens», erklärt er.

Seiner Frau hingegen geht es alles andere als bestens: Sie ist mit dem Hausarzt im Gespräch, wie sie sich ein wenig entlasten kann – mit einem Tagesplatz in einem Heim oder mit einer Organisation, die Betreuung zu Hause anbietet.

Für die demenzbetroffene Person verlässlich da zu sein und trotzdem noch für sich selbst zu sorgen, ist eine grosse Herausforderung. Aber solange ein demenzkranker Mensch in seinem häuslichen Erleben zufrieden sei, sagt Christoph Held, müsse man ihn auch nicht mit zu viel Programmen und Ausflügen ständig zu animieren versuchen. Musik, Vorlesen und andere gewohnte Beschäftigungen können wohltuend wirken, auch ein schweigendes Zusammensitzen zum Beispiel auf dem Balkon in der Sonne, wie das Albert Kohler gerne macht. Entspannend könne auch sein, Besuch zu Hause zu empfangen: «So hat die Ehefrau Unterhaltung, und ihr Mann kann das Gespräch verfolgen, ohne auf zu viele Fragen eine Antwort geben zu müssen.»

Überfordert und unruhig

Das klingt alles einfach, ist aber oft schwierig umzusetzen. Carola Kohler merkt immer häufiger, wie sie wider besseres Wissen ihre Geduld gegenüber ihrem Mann verliert. Erst recht, seit er kürzlich angefangen hat, die Nacht zum Tag zu machen: Er wandert nachts in der Wohnung umher, geht immer wieder zur Toilette oder räumt ­Gegenstände in den Räumen um.

Gerontopsychiater Held wertet diese Unruhe als Zeichen beidseitiger Überforderung: «Der Mann spürt die Veränderung, kann aber alles nicht einordnen und reagiert mit Gereiztheit und Unruhe.» Für Held ist das der Moment, in dem sich ­Angehörige einen Heimeintritt überlegen sollten. «Entgegen allen öffentlichen Vorurteilen und dem schlechten Gewissen: Das kann befreiend sein für alle und die Lebensqualität des Betroffenen verbessern.» Viel zu oft, sagt er, hätten die Partner aus dem Gefühl eines Eheversprechens heraus – und oft auch auf Druck von Bekannten – Hemmungen vor diesem Schritt. «Das ist falsch, vor allem für die Betroffenen selbst», erklärt der Fachmann: «In einem spezialisierten Heim erhalten Demenzkranke die Betreuung, die sie brauchen.» Geborgenheit und Sicherheit durch speziell ausgebildete Betreuungsfachpersonen, aber auch Aktivierungen und Therapien seien förderliche Angebote für eine psychische Stabilisierung, so Held.

Carola Kohler ist allerdings noch nicht so weit, dass sie ein Heim auswählen möchte. Sie hofft, dass die geplante Entlastung ihr und ihrem kranken Mann noch eine Weile über die Runden hilft. «Wenn ich zwei Tage pro Woche etwas für mich machen kann, bin ich wieder entspannter», sagt sie. Dann wird sie vielleicht nicht mehr sofort losschimpfen, wenn ihr Mann zum 37. Mal zwischen Balkon und Couch hin- und herwandert – auf der Suche nach irgendetwas, das er glaubt, verloren zu haben. In Wirklichkeit wohl aber auf der Suche nach seinem früheren Ich.

Erstellt: 06.08.2019, 19:56 Uhr

Tipps für Angehörige und wo sie Hilfe erhalten

– Früh Beratung und Unterstützung suchen.

– Von Anfang an für Erholungsmomente sorgen und das ­eigene Leben nicht aufgeben.

– Demenzkranke nicht mit gut gemeinten Aktivitäten überfordern: Weniger ist mehr!

– Betroffenen stattdessen viel Ruhe und Sicherheit vermitteln, zeigen, dass man bei ihnen ist.

– Zeichen beachten, die auf eine Überforderung hindeuten können: Harndrang, Zittern, Schwitzen, Bluthochdruck, Rastlosigkeit, Verweigern oder Schreien.

– Häufen sich solche Anzeichen, ist ein Heimeintritt in Betracht zu ziehen: Ein schlechtes Gewissen ist hier nicht angebracht, ab einem gewissen Punkt ist professionelle Betreuung am besten.

Nützliche Anlaufstellen

Alzheimer Schweiz mit 21 Sektionen, Alzheimer-Telefon unter 058 058 80 00, www.alz.ch

Pro Senectute Schweiz mit 130 Beratungsstellen, Beratungs-Telefon unter 044 283 89 89, www.prosenectute.ch

Betreuung zu Hause: Tel. 061 511 58 22, www.homeinstead.ch

Entlastung für Angehörige
www.entlastungsdienst.ch

Gesammelte Informationen:
www.memo-info.ch

Hilfreiches Buch

«Was ist gute Demenzpflege? – verändertes Selbsterleben bei Demenz», Christoph Held, Hogrefe-­Verlag 2018, 144 Seiten, ca. 29.90 Fr.
(clw)

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