Was uns Nomaden über Hilfsbereitschaft lehren

Der Mensch konnte nur durch Kooperation überleben. Bloss: Ist Altruismus angeboren, oder muss er erst erlernt werden?

Entweder teilen alle Mitglieder eines Camps oder keins: Ein junger Hadza-Mann. Foto: iStock

Entweder teilen alle Mitglieder eines Camps oder keins: Ein junger Hadza-Mann. Foto: iStock

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Geht es um die Menschheit als Ganzes, fällt das Urteil der Wissenschaft eindeutig wohlwollend aus: Keine andere Spezies ist so hilfsbereit wie der Homo sapiens. Niemand sonst nimmt derart willig Kosten und Nachteile in Kauf, um anderen Gutes zu tun. Weniger einheitlich sind die Stimmen jedoch, wenn man von der Spezies Mensch zum Individuum heranzoomt.

Gibt es den grundsätzlich hilfsbereiten Typ, der immer bereitsteht für die Bedürfnisse anderer – auch wenn er mit dieser Haltung alleine ist unter lauter Selbstsüchtigen? Und ist umgekehrt für immer jede Hoffnung vergebens bei einem, der noch nie jemanden auch nur auf einen Kaffee eingeladen hat? Oder besteht selbst in so einem Fall noch die Chance auf einen irgendwann aufglimmenden Funken Altruismus – wenn der betreffende Mensch nur ins richtige Umfeld gerät, in dem gegenseitige Hilfe selbstverständlich ist?

Über die Frage, ob die Hilfsbereitschaft eines Menschen überwiegend ein fixes Charaktermerkmal ist oder im Gegenteil von seinem sozialen Umfeld abhängt, diskutieren Forscher seit langem. Beenden wird auch das Team um den Psychologen Coren Apicella von der University of Pennsylvania diese Debatte nicht. Doch stützt ihre Studie im Fachblatt «Current Biology» jene Ansicht, wonach vor allem die Menschen um einen herum über die eigene Hilfsbereitschaft bestimmen.

Mit anderen Worten: Sollten sich die Ergebnisse der Studie verallgemeinern lassen, kann sich auch der grösste Egoist jederzeit zum selbstlosen Helfer wandeln, wenn er nur genug Altruisten um sich herum hat. «Wir Menschen sind nicht dauerhaft gefangen in einer Erfahrung, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt gemacht haben», sagt Studienleiter Apicella. «Menschen können sich ändern.»

Nomaden bei einem Psycho-Spiel

Dass dies auch im Hinblick auf ihre Hilfsbereitschaft gilt, folgern die Wissenschaftler aus Experimenten mit Angehörigen der Hadza im Norden Tansanias. Etwa 300 Vertreter dieser Volksgruppe leben noch nomadisch als Jäger und Sammler in Lagern, die meist aus nicht miteinander verwandten Familien und insgesamt etwa 30 Bewohnern bestehen.

Die Zusammensetzung der Lager ändert sich häufig, und alle ein bis zwei Monate wechselt ein Camp seinen Standort. Die Männer jagen mit Pfeil und Bogen und sammeln Honig, die Frauen pflücken Pflanzen und Früchte. Das Essen teilen die Hadza innerhalb ihres Lagers ebenso auf wie die Betreuung der Kinder – ein sehr ursprünglicher Lebensstil.

Entweder verhielten sich alle Mitglieder einer Gruppe hilfsbereit oder keiner: Bei den Hadza in Tansania. Foto: Naftali Hilger

Die Wissenschaftler luden die Nomaden zu einer Variante des sogenannten Ultimatum-Spiels ein. Es wird oft eingesetzt, um die Hilfsbereitschaft von Menschen unter standardisierten Bedingungen zu testen. In den Spielrunden konnten die Hadza einen mehr oder weniger grossen Teil ihres persönlichen Honigvorrats an die Gemeinschaft spenden.

Am Schluss wurde die Honigmenge in dem gemeinsamen Topf verdreifacht und gleichmässig unter allen Teilnehmern aufgeteilt. Die Daten stammten aus vier verschiedenen Jahren und aus 56 Lagern. Die Spielergebnisse analysierten die Forscher in Hinblick darauf, wie lange und mit wem die Teilnehmer in den Camps zusammenwohnten.

Zwischen den einzelnen Lagern unterschied sich die Hilfsbereitschaft stark. «In einigen Camps gab praktisch jeder etwas ab, in anderen teilten die Bewohner kaum», sagt Erstautor Kristopher Smith. Innerhalb eines Lagers war die Neigung, anderen vom eigenen Honig abzugeben, dagegen sehr homogen. Leicht verkürzt gesagt: Entweder verhielten sich alle Mitglieder eines Camps altruistisch oder keins. Hinweise für die Theorie, wonach ein Mensch sich über längere Zeit hinweg immer gleichermassen hilfsbereit zeige, fanden die Forscher dagegen kaum.

Wer gerne hilft, umgibt sich bevorzugt mit anderen, die ebenfalls bereitwillig etwas von ihrem Hab und Gut abgeben.

So liess sich anhand der Honigmenge, die jemand in einer vorherigen Spielrunde gespendet hatte, nicht vorhersagen, wie viel er künftig abgeben würde. Als gutes Prognosekriterium erwies sich hingegen, wie viel Honig die anderen Campbewohner im Mittel gespendet hatten.

Auch fanden die Forscher keine Anzeichen dafür, dass besonders kooperative Bewohner sich mit anderen auffallend hilfsbereiten Menschen zusammentaten. In diesem Fall wäre die homogene Hilfsbereitschaft innerhalb eines Lagers nicht das Ergebnis sozialer Anpassung, sondern die Folge der menschlichen Neigung, am liebsten die Gesellschaft von seinesgleichen zu suchen: Wer gerne hilft, umgibt sich bevorzugt mit anderen, die ebenfalls bereitwillig etwas von ihrem Hab und Gut abgeben.

Dieser Mechanismus könne ihre Ergebnisse jedoch nicht erklären, schreiben die Forscher. Sie interpretieren ihre Daten vielmehr als Beleg dafür, wie anpassungsfähig der Mensch in seinem Verhalten und in seiner Hilfsbereitschaft ist – und welch wichtige Rolle sein Umfeld dabei spielt.

Auch frühere Studien haben dies bereits nahegelegt. Ultimatum-Spiele mit westlichen Teilnehmern – in denen mit Geld statt mit Honig gehandelt wurde – haben gezeigt, wie stark viele Aspekte unseres täglichen Tuns durch die Menschen um uns herum beeinflusst sind. Das gilt zum Beispiel für die Frage, was wir essen, wie viel wir uns bewegen, wie zufrieden wir sind – und eben auch dafür, wie bereitwillig wir anderen helfen und dafür Nachteile oder Kosten in Kauf nehmen. Hilfsbereitschaft ist ansteckend, so legen es viele Untersuchungen nahe.

Nur weil Menschen aussergewöhnlich fähig und willig sind, anderen zu helfen, konnten sie sich zu ihrer heutigen Form entwickeln.

Doch nur auf den ersten Blick scheint damit geklärt zu sein, dass die Hilfsbereitschaft eher eine Frage des Umfelds als des individuellen Charakters eines Menschen ist. Denn die Datenlage ist alles andere als einheitlich. So kam ein Team um Nicholas Christakis, immerhin einer der grossen Namen in der «Ansteckungs-Forschung», in einer Studie mit westlichen Teilnehmern zu einem anderen Schluss als Apicella und seine Co-Autoren. Christakis und seinen Kollegen zufolge neigen Menschen in dynamischen sozialen Netzwerken – also solchen wie bei den Hadza – sogar dann zur Kooperation, wenn sich ihre engsten Mitmenschen wenig hilfsbereit verhalten.

Damit übereinstimmend postulierte kurz darauf eine weitere Forschergruppe im Fachblatt «Nature Communications» ihr Konzept des «kooperativen Phänotyps», entwickelt aufgrund der Ergebnisse eines Ultimatum-Spiels und einer Studiendauer von mehr als vier Monaten: Ein Mensch zeige «eine stabile Bereitschaft, Kosten in Kauf zu nehmen, um anderen zu helfen», schreiben die Forscher um David Rand. Von sozialen Normen wie den Spendengewohnheiten seiner Mitspieler liesse sich der kooperative Phänotyp nicht beeinflussen.

Erklären lassen sich die Diskrepanzen unter anderem mit der artifiziellen Situation, wie sie in jedem Ultimatum-Spiel notgedrungen herrscht. Geld oder Honig im Rahmen einer Studie abzugeben, ist etwas anderes, als sich im Alltags-Dschungel als edel, hilfreich und gut zu bewähren. Hilfsbereitschaft ist ein komplexes Verhalten, das schwer zu untersuchen ist. In einem Punkt aber ist sich die Wissenschaft dann doch wieder sicher: Nur weil Menschen aussergewöhnlich fähig und willens sind, anderen zu helfen, konnten sie sich zu ihrer heutigen Form entwickeln.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 27.09.2018, 16:48 Uhr

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