Wie Alpinisten am Berg der Wahnsinn befällt

Phantombegleiter, Essensgeruch, ganze Wälder: In grosser Höhe erleben Bergsteiger oft Sinnestäuschungen. Mediziner betrachten sie als besondere Psychose.

Aufstieg zum Mount Everest: In dieser Höhe müssen Bergsteiger mit dem «Dritter-Mann-Phänomen» rechnen.  Foto: Robert Bösch

Aufstieg zum Mount Everest: In dieser Höhe müssen Bergsteiger mit dem «Dritter-Mann-Phänomen» rechnen. Foto: Robert Bösch

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Plötzlich war er da. Gleichsam aus dem Nichts. Jeremy Windsor tauschte ein paar ermunternde Worte mit dem Mann aus, der sich als «Jimmy» vorstellte, dann ging er langsam weiter. Hier, auf 8200 Meter Höhe, im Anstieg an der Südostflanke des Mount Everest, will man nicht viel Sauerstoff mit dem Reden verbrauchen. Über seine rechte Schulter sah US-Bergsteiger Windsor seinen Begleiter den Rest des Tages aus dem Augenwinkel, immer ein paar Meter hinter sich. Später, beim Abstieg, verschwand Jimmy so plötzlich, wie er gekommen war. Erst als Windsor wieder im tiefer gelegenen Lager angekommen war, begriff er, dass es Jimmy nicht wirklich gab.

«Die Schilderung Jeremy Windsors aus dem Jahr 2008 ist typisch», sagt Katharina Hüfner, Neurologin und Psychiaterin an der Universitätsklinik in Innsbruck. Gemeinsam mit Hermann Brugger, dem Leiter des Instituts für Alpine Notfallmedizin in Bozen, hat sie 83 Berichte von Höhenbergsteigern untersucht. Die Forscher aus Italien und Österreich betrachteten Schilderungen in der Alpinliteratur von Grössen wie Hermann Buhl oder Reinhold Messner oder dem Schriftsteller Jon Krakauer, aber auch Beschreibungen weniger bekannter Bergsteiger. Da werden Alpinisten «verfolgt», sie beginnen, sich mit imaginären Menschen zu unterhalten, hören Autogeräusche oder Musik, sehen bunte Sterne oder ändern ihre Route, um zu einer Berghütte zu gelangen, die sie vor Augen zu haben glauben.

Bisher hatten Forscher diese Halluzinationen – wie das beschriebene «Dritter-Mann-Phänomen» von Jeremy Windsor – auf organische Ursachen zurückgeführt, vor allem auf das bekannte und lebensgefährliche Höhenhirnödem, aber auch auf andere Ursachen wie Flüssigkeitsverlust oder Infektionen. Erste Symptome der akuten Höhenkrankheit sind starke Kopfschmerzen, Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen. Doch in einem guten Viertel der jetzt untersuchten Schilderungen hatten Bergsteiger nur Psychosen beschrieben und keine begleitenden körperlichen Symptome.

«Was wir herausgefunden haben, ist, dass es eine Gruppe von Symptomen gibt, die rein psychotisch sind, das heisst, dass sie zwar mit der Höhe zusammenhängen, aber nicht auf Höhenhirnödeme oder andere organische Faktoren zurückzuführen sind», erklärt Brugger. Die Innsbrucker Wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als «isolierte höhenbedingte Psychose». Diese neue Krankheitsform trete im Mittel in einer Höhe von 7000 Metern auf, ergänzt Hüfner, aber sie könne auch schon mal in «alpenüblichen» Höhen um 4000 Meter auftreten.

«Ich sah den Wald»

Nach Veröffentlichung der Studie in der Fachzeitschrift «Psychological Medicine» meldeten sich zahlreiche Alpinisten bei den Verfassern. Auch der italienische Bergsteiger Sergio Zigliotto (52) hatte Erfahrungen gemacht, die die These der Forscher unterstützen. «Es war ein Uhr morgens. Ich war gerade von Lager 4 am Manaslu aufgebrochen, hatte etwa 200 Höhenmeter zurückgelegt und war auf 7600 Metern unterwegs», berichtet er. «Da hatte ich das Gefühl, daheim im Trentino zu wandern. Ich sah den Wald, dann Häuser, genau wie die zu Hause. Dann roch ich sogar Essen und unterhielt mich mit jemandem auf Italienisch über meine kalten Füsse.»

Zigliotto war zwar extrem erschöpft, hatte aber keine körperlichen Ausfallerscheinungen. «Ganz sicher keine Höhenkrankheit, nur diese Visionen», sagt er. Ein Bergkamerad habe auf derselben Reise ähnliche Erfahrungen auf einer Höhe von 7500 Metern gemacht, sagt Zigliotto. «Er kommt aus der Toskana und sah toskanische Hügel. Im Himalaja!» Eine Zeit lang habe auch ein Hund seinen Freund in der eisigen Höhe «begleitet».

Die neuen Befunde werfen ein Licht auf ungeklärte Bergunfälle.

Die Studienverfasser Brugger (65) und Hüfner (41) sind beide begeisterte Höhenbergsteiger. Über Jahre hinweg hatten sie bei Gesprächen mit Freunden wie dem italienischen Extrembergsteiger Hans Kammerlander von Erscheinungen und Halluzinationen in grosser Höhe gehört. Beim gemeinsamen Skitourengehen in Tadschikistan hatten sie dann beschlossen, den episodischen Beobachtungen wissenschaftlich nachzugehen. «Wie so oft kommen bei einem Bier am Lagerfeuer die besten Ideen», meint Hüfner.

Vor allem die Tatsache, dass die Psychosen beim Abstieg komplett verschwanden und die Kletterer körperlich gesund in den tiefer liegenden Lagern ankamen, habe nahegelegt, dass es sich um eine eigene neue Krankheit handeln könnte, die nicht in Zusammenhang mit der Höhenkrankheit stehe. «Dass die Berge wahnsinnig schön sind, war uns beiden schon immer bewusst», ergänzt Hermann Brugger, «wir wussten nur nicht, dass sie uns auch in den Wahnsinn treiben können.»

In letzer Sekunde dem 2000-Meter-Sturz entkommen

Was die Höhenpsychose auslöst, ist unklar. «Wir haben dazu keine gesicherten Erkenntnisse», sagt Brugger. «Was mitspielen könnte, sind sicher Faktoren wie Sauerstoffmangel, Kälte, Erschöpfungsgrad und das Gefühl des Alpinisten, komplett auf sich allein gestellt zu sein.» Wertvoll für künftige Forschung ist, dass offenbar auch keine Folgeschäden diagnostiziert wurden. «Das ermöglicht uns, vorübergehende Psychosen an ansonsten völlig gesunden Menschen genauer zu untersuchen», sagt Katharina Hüfner. Das könne Hinweise zum Verständnis psychiatrischer Krankheiten wie zum Beispiel Schizophrenie geben.

Relevant sind die Studienergebnisse auch, weil sie ein Licht auf ungeklärte Bergunfälle in diesen Höhen werfen. Offensichtlich ist, dass das Syndrom das Unfallrisiko erhöht. So berichtet der renommierte slowenische Bergsteiger und Arzt Iztok Tomazin von einem Erlebnis am 8167 Meter hohen Dhaulagiri im Himalaja im Jahr 1987. Tomazin erinnert sich daran, dass er beim Abstieg von der Route abkam und die Stimmen von «Bergführern» hörte, die ihn dazu ermutigten, eine 2000 Meter hohe Felswand hinunterzuspringen, um auf «flaches, gefahrloses Terrain» zu gelangen.

In letzter Sekunde, kurz vor dem Sprung, sei ihm der Gedanke durch den Kopf geschossen: Was, wenn die Bergführer nicht recht haben? Er habe dann einen Testsprung auf einen zwei Meter tiefer liegenden Felsabsatz gemacht. Mit dem Schmerz des Aufpralls habe er die Si­tuation richtig eingeschätzt, die «Bergführerstimmen» verstummten, und er habe die Suche nach der richtigen Route wieder aufgenommen.

Irrationale Fehlentscheidungen

Das ist denn auch der praktische Wert der Untersuchung. «Extrembergsteiger in solchen Höhen sollten wissen, dass es die isolierte Höhenpsychose gibt, dass sie eben ohne sonstige Krankheitsmerkmale auftritt und dass sie vorübergehend ist», sagt Brugger. Die Dunkelziffer an Unfällen und auch Todesfällen, die in Zusammenhang mit solchen Wahrnehmungsstörungen stehen, dürfte sehr hoch sein.

Plötzlich stehen auch irrationale und nicht nachvollziehbare Fehlentscheidungen von Alpinisten in einem anderen Licht da. «Um die Zahl solcher Unfälle zu verringern, ist es von grosser Bedeutung, kognitive Behandlungsstrategien zu verbreiten, die die Bergsteiger selbst oder mit ihrem Partner direkt am Berg anwenden können», sagt Hüfner. Dazu zählten simple «Wirklichkeits-Check-Fragen» an den Begleiter wie: «Siehst du auch diesen Mann?» oder «Hörst du, was ich höre?»

Im Mai wollen die Forscher gemeinsam mit nepalesischen Ärzten im Basecamp des Mount Everest Bergsteiger vor und nach ihren Touren untersuchen. Ziel ist es unter anderem, herauszufinden, wie häufig die Krankheit auftritt, und unmittelbarere Eindrücke der Erkrankten zu sammeln und zu sichten. Ab 2019 an wird es für die Bergmediziner um einiges einfacher sein, an Daten zu kommen. In Bozen wird dann das Institut für Alpine Notfallmedizin den Terraxcube eröffnen, die grösste Klimakammer der Welt.

Brugger ist enthusiastisch angesichts der Möglichkeiten, die sich bieten. «Bis zu 15 Personen können wir Bedingungen aussetzen, wie sie in der Todeszone des Himalajas herrschen: Sauerstoffgehalt wie auf 8800 Metern, minus 40 Grad, Orkanböen.» Dann können die Mediziner auch die Konditionen, unter denen die Höhenpsychose entsteht, simulieren. «Wir holen den Wahnsinn nach Bozen», meint Brugger.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 10:57 Uhr

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In Zahlen Höhenkrankheit

2000 Meter

Bereits ab dieser Höhe kann in seltenen Fällen eine Höhenkrankheit auftreten. Ursache ist der tiefere Luftdruck, der zu einer reduzierten Sauerstoffaufnahme in der Lunge führt.

20 bis 40

Prozent der Bergsteiger im Alpenraum leiden laut Gebirgsmedizinern an Höhenkrankheit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie schreiben die Beschwerden meist der Erschöpfung oder zu viel Sonne zu.

6 bis 12

Stunden dauert es, bis Beschwerden auftreten. Dazu gehören Kopfschmerzen, Schlafstörungen, erhöhte Körpertemperatur, Antriebslosigkeit. Die Höhenkrankheit kann sich zu einem gefährlichen Höhenhirnödem steigern.

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