Wie Sie mit der Wut Ihrer Kinder richtig umgehen

Ihr Puls rast, seine Temperatur steigt: Tricks, damit ihr Nachwuchs die Gefühle wieder unter Kontrolle bringt.

Kinder müssen erst lernen, ihre Gefühle richtig einzuschätzen: Ein wütendes Mädchen. Foto: iStock

Kinder müssen erst lernen, ihre Gefühle richtig einzuschätzen: Ein wütendes Mädchen. Foto: iStock

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Wut ist ein Gefühl wie Freude, Angst und Schmerz. Sie gehört ganz selbstverständlich zur emotionalen Grundausstattung des Menschen. Wut ist somit nicht nur normal. Sie kann auch nützlich sein, da sie uns das Unbehagen in einer Situation signalisiert und für uns einzustehen hilft.

Dennoch hat es niemand leicht mit der Wut. Manch einer möchte platzen oder alles kaputt schlagen. Die Körpertemperatur steigt, der Puls rast. Kein Wunder also, dass Kinder, die noch am Anfang der Entwicklung stehen, mit diesem Gefühl nicht zurechtkommen.

Kinder lernen ja erst, ihre Gefühle einzuschätzen und ihr Verhalten danach zu steuern. Auch den richtigen Umgang mit ihrer Wut müssen sie daher erst finden. Bis das gelingt, ist sie ein Problem. Für ein Kind, weil es mit seinen Gefühlen nicht zurechtkommt und auf die Ablehnung der anderen stösst. Für die Betroffenen, gegen die sich die Wut richtet. Für die Eltern, die mit dem emotionalen Ausnahmezustand ihres Kindes irgendwie umgehen müssen.

Dass Kinder ihren Unmut offen zeigen und wütend sein dürfen, wird heute kaum mehr jemand bestreiten. Denn werden die zornigen Impulse durch Ablehnung, Bestrafung oder Zurechtweisung unterdrückt, reagieren Kinder mit Rückzug oder neuer Aggression. Dennoch brauchen die Kinder eine klare Anweisung, wie sie mit ihrer Wut richtig umgehen können. Sie sollen zum einen lernen, angemessen zu reagieren, wenn sie einmal ihren Kopf nicht durchsetzen können. Zum anderen brauchen sie unsere Ermutigung, ihren Ärger überhaupt zuzulassen und zu zeigen.

Das Gespräch suchen

Die wichtigste Voraussetzung für eine sinnvolle Hilfe ist ein klärendes Gespräch, um das Kind und die Situation zu verstehen. Das gelingt nicht immer sofort, weil das Kind zu wütend ist, um sich einem Gespräch zu stellen. Dann heisst es erst einmal: Dampf ablassen. Später, vielleicht auch erst am nächsten Tag, sollte man den Versuch unternehmen, mit dem Kind zu reden. Geben Sie ihm dann immer die Gelegenheit, sich und seine Gefühle zu erklären.

Eine Standpauke ist nicht geeignet, die Entwicklung zu einem friedfertigen Menschen zu fördern.

Versuchen Sie dabei, vom Kind aus zu denken. Leider ist vielen Erwachsenen diese Fähigkeit abhandengekommen. Doch die Welt des Kindes sieht anders aus als unsere. Viele Erfahrungen sind neu, wirken unmittelbar auf die Gefühle ein, und die Handlungsalternativen, die sich gerade kleinen Kindern bieten, sind noch beschränkt.

Vermeiden Sie, das Kind sofort zu massregeln. Wie wir wollen auch Kinder respektiert werden. Das gilt besonders in aggressionsgeladenen Situationen. Denn gerade hier sucht ein Kind ja unsere Aufmerksamkeit. Eine Standpauke und Strafen sind nicht geeignet, die Entwicklung zu einem verantwortungsvollen und friedfertigen Menschen zu fördern. Suchen Sie lieber gemeinsam nach Lösungen und Handlungsalternativen.

Lob und Regeln

Denn Kinder, die Wut und Aggression unbeherrscht äussern, sind oft unsicher gegenüber anderen oder kennen keine andere Form der Konfliktlösung. Wenn sie lernen sollen, Wut und Zorn besser zu bewältigen, brauchen sie Strategien, die ihnen helfen, mit anderen auszukommen und zusammenleben zu können.

Wir sollten mit ihnen Wege finden, Bedürfnisse und Wünsche zu äussern wie auch ihre Meinungen durchzusetzen, ohne dass jemand darunter leiden muss. Kurz: Kinder müssen sinnvoll und friedlich streiten lernen.

Strafen müssen sich auch daran orientieren, was Kinder verstehen können.

Lob und Anerkennung sind hierbei grundlegende Voraussetzungen. Sie stärken das Selbstbewusstsein der Kinder und helfen ihnen, Anfeindungen und Spannungen gelassen auszuhalten. Zugleich ist es wichtig, dass auch kleine Zornigel wissen, welche Spielregeln für das Zusammenleben gelten. Sie können dann selbst entscheiden, ob sie die Regeln einhalten oder die Konsequenzen für Verstösse tragen wollen.

Welche Strafen es für Regelverletzungen gibt, sollte man vorher genau überlegen und mit dem Kind ausmachen. Sie sollten sich direkt auf das Vergehen beziehen und angemessen sein. Strafen müssen sich auch daran orientieren, was Kinder verstehen können, und sie sollten konsequent umgesetzt werden.

Konflikte spielerisch lösen

Die beste Möglichkeit, mit Kindern neue Verhaltensweisen zu üben, ist das Spiel. Hier ist alles erlaubt, was im wahren Leben verboten oder verpönt ist. Im Spiel können Kinder sich und die Folgen ihres Handelns risikolos ausprobieren. Sie dürfen dabei auch über die Stränge schlagen und aus der Rolle fallen, ohne unangenehme Konsequenzen fürchten zu müssen.

Die spielerische Art des Verhaltenstrainings bietet zudem eine Menge neuer Erfahrungen. Die gemeinsamen Erlebnisse bieten eine gute Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Verständigung wird verbessert, die Beziehungen untereinander werden verstärkt, und die Kinder werden sicherer im Umgang mit anderen. Im Spiel können zudem Spannungen abgebaut werden, da Gefühle ausgelebt und ausgesprochen werden dürfen. Und schliesslich bereiten die folgenlosen Auseinandersetzungen und Konflikte im Spiel das Kind auf ähnliche Situationen im wahren Leben vor.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 28.06.2018, 20:18 Uhr

Erste Hilfe gegen die Wut

Gute Gefühle
Ist ein wütendes Kind nicht mehr zu beruhigen, bringen Sie es an einen ruhigen Ort. Nehmen Sie es auch ein paar Minuten in den Arm. Dies signalisiert ihm, dass Sie es nicht verurteilen, auch wenn Sie sein Verhalten nicht gutheissen.

Dampf ablassen
An einem Kissen als Boxsack kann es seine Wut abreagieren oder in einen Eimer hineinbrüllen. Streiten sich zwei Kinder, können sie wie beim Schattenboxen kämpfen, ohne sich dabei zu berühren.

Vertauschte Rollen
Buben sind wilder, Mädchen brav. Im Rollenspiel können Jungen und Mädchen andere Verhaltensweisen ausprobieren. Fragen Sie die Kinder, wie sich Buben und Mädchen normalerweise verhalten. Dann können sie die Rollen tauschen.

Die Wut ausleben
Kinder können durch Erzählen von Geschichten Aggressionen ausleben und verarbeiten. Sie erzählen, was sie tun würden, wenn sie eine Zauberin, ein Power-Ranger oder ein Prinz wären.

Bewegung
Kinder, die unter Bewegungsmangel leiden, sind aggressiver als andere. Geben Sie einem Kind deshalb im Freien wie zu Hause möglichst viele Gelegenheiten, sich zu bewegen und Sport zu treiben.

Wiedergutmachung
Kinder leiden unter den Missstimmungen, die sie verursacht haben, finden aber allein nur schwer einen Weg aus ihrem Trotz. Zeigen Sie ihm Wege zur Wiedergutmachung, indem Sie mit ihm einen zu Bruch gegangenen Gegenstand reparieren, für Ersatz sorgen oder eine Entschädigung überlegen.

Die richtigen Spiele
Spiele, in denen alle Mitspieler oder einzelne Gruppen Aufgaben lösen, sind eher geeignet, eigene Gefühle wahrzunehmen und sich wie andere besser zu verstehen. Sie zeigen Möglichkeiten, Konflikte gemeinsam friedlich und fair zu lösen. Weniger geeignet sind Spiele und Übungen, in denen es um Sieg und Niederlage geht.

Streiten lernen
Ein zurückhaltendes Kind muss lernen, seine Wünsche offen zu äussern und sich durchzusetzen. In einem Wortgefecht kann es die Kraft seiner Stimme spüren. Abwechselnd sagt es immer lauter «Nein!», Sie antworten «Doch». Dann wechseln Sie die Rollen. Oder es darf einen Tag lang die Familie herumkommandieren, natürlich ohne Unmögliches zu verlangen oder jemanden zu demütigen.

Erfahrungen teilen
Kinder lieben Geschichten aus der Kindheit der Erwachsenen. Erzählen Sie ihnen, was Sie früher wütend gemacht hat. Dann lassen Sie die Kinder erzählen. Wenn sie nicht weiterwissen, stellen Sie Fragen: Was hat dich sauer gemacht? Würdest du es jetzt anders machen? Wie könnte man noch reagieren? Wie ging es dir nachher?

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