Wie gefährlich ist Mobilfunk wirklich?

Eine grosse, unabhängige Tieruntersuchung aus den USA sorgt für Aufsehen. Ihr Fazit: Strahlenexponierte Ratten erkranken häufiger an Krebs.

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Sie hat 25 Millionen Dollar gekostet und soll die bisher grösste Tierstudie zu ­Mobilfunkstrahlung und Krebs sein. Erste Befunde klingen besorgniserregend: Ratten bekommen häufiger Tumore, wenn sie während langer Zeit elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sind. In den USA hat die vor einigen Tagen veröffentlichte Studie für Aufregung und kritische Reaktionen gesorgt. In der Schweiz dürfte sie die anstehende Diskussion um die Grenzwerte von Mobilfunkantennen zusätzlich anheizen.

Durchgeführt haben die Experimente amerikanische Forscher vom angesehenen National Toxicology Programm, einem von verschiedenen US-Behörden getragenen Forschungsvorhaben. Auftraggeber war die amerikanische Arzneibehörde FDA. Weil in der Öffentlichkeit bereits Gerüchte zu den Resultaten kursierten, hat sich das Team um John Bucher entschlossen, erste Befunde zu den Versuchen mit Ratten vorzeitig publik zu machen. Die kompletten Resultate sind indes erst auf Ende 2017 angekündigt.

Tumore in Hirn und Herz

Die Forscher hatten Ratten und Mäuse in Gruppen zu 90 Tieren täglich während neun Stunden am ganzen Körper der Strahlung verschiedener Mobilfunkstandards (GSM, UMTS) ausgesetzt. Dies bereits im Mutterleib und ab der Geburt bis zu einem Alter von zwei Jahren. Eine Kontrollgruppe war gar keinen Feldern ausgesetzt. Die vom ganzen Körper absorbierte Strahlungsleistung lag zwischen 1,5 und 6 Watt pro Kilogramm Körpergewicht (W/kg). (In der Schweiz und Europa betragen die Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung lokal 2 W/kg, für Ganzkörperexpositionen 0,08 W/kg.)

In einzelnen bestrahlten Gruppen erkrankten zwei bis drei Prozent der Nagetiere an einem bösartigen Gliom im Gehirn. Im Herz entdeckten die Forscher zudem bei ein bis sechs Prozent der exponierten Ratten weitere Tumore, sogenannte Schwannome. Zusätzlich fanden sie in Hirn und Herz gehäuft abnorme Zellvermehrungen (Hyperplasien), die auf eine Stimulation des Zellwachstums hinweisen. In der Kontrollgruppe fanden sich weder Tumore noch Hyperplasien.

Mehrere Menschen-Jahrzehnte

«Man muss die Resultate ernst ­nehmen», sagt Martin Röösli, Forscher am Tropen- und Public-Health-Institut in Basel und Leiter der beratenden Expertengruppe Nicht ionisierende Strahlung des Bundes. «Die zwei Jahre, während deren die Nagetiere bestrahlt wurden, entsprechen auf den Menschen bezogen einer Exposition von mehreren Jahrzehnten», so der Wissenschaftler. Doch die Übertragung der Experimente auf den Menschen ist mit Unsicherheiten behaftet: «In der Studie wurde der ganze Körper der Tiere viel stärker bestrahlt, als es für Menschen erlaubt ist», sagt Röösli.

«Es bleiben aber auch sonst noch Fragen offen», so Röösli. «Wir sollten die Veröffentlichung der restlichen Resultate abwarten.» Tatsächlich machen Fachleute auf verschiedene Unstimmigkeiten aufmerksam, welche die aktuellen Befunde der US-Forscher infrage stellen:

So fand sich die Häufung von Tumoren nur bei Männchen. Weibliche Ratten, die bestrahlt wurden, blieben verschont.

Die Tiere in der Kontrollgruppe lebten weniger lange als die bestrahlten. Nur etwas mehr als ein Viertel dieser Ratten erreichte ein Alter von zwei Jahren, weniger als bei ähnlichen Experimenten.

Kritiker wundern sich zudem, dass bei den Kontrolltieren überhaupt keine Gliome aufgetreten waren. In anderen Rattenstudien fanden sich auch ohne Bestrahlung Tiere mit solchen Tumoren. Die Ursache für diese Unstimmigkeit könnte sein, dass die Kontrolltiere starben, bevor sie überhaupt Tumore bekommen konnten.

So gefährlich wie Kaffee

Bisherige Studien konnten bislang nicht zweifelsfrei ein Krebsrisiko von Mobilfunkstrahlen nachweisen. Im Jahr 2011 hat die Internationale Agentur für Krebsforschung (Iarc) elektromagnetische Felder als «möglicherweise krebserregend» eingestuft. Epidemiologische Studien hätten «begrenzte Beweise» für ein erhöhtes Risiko ergeben. «Falls sich neue Resultate als überzeugend herausstellen sollten, wäre denkbar, dass die Iarc die Mobilfunkstrahlung auf ‹wahrscheinlich krebserregend› hochstuft», sagt Röösli. Die Kategorisierung sagt allerdings nichts über die Stärke einer allfälligen Krebswirkung aus. So befinden sich beispielsweise auch Kaffee oder eingelegtes Gemüse auf Risikostufe «möglicherweise krebserregend».

Unbestritten ist, dass hochfrequente Strahlung eine schädliche Wärmewirkung entfalten kann. Dies allerdings erst ab einer Strahlungsstärke, die über den Grenzwerten liegt. Auch bei tieferen Werten konnten Forscher biologische Auswirkungen beobachten. Ob diese schädlich sind, ist allerdings fraglich. Im Vordergrund stehen dabei Langzeitschäden. Mit kurz- oder mittelfristigen gesundheitlichen Schäden sei hingegen nicht zu rechnen, schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Es hat 2014 einen wissenschaftlichen Bericht dazu veröffentlicht.

Demnach konnte unter anderem in Laborversuchen gezeigt werden, dass die menschliche Gehirnaktivität oder Stoffwechselvorgänge in Zellkulturen beeinflusst werden. Unklar ist, ob es sich dabei um gesundheitsschädliche Effekte handelt. Diskutiert werden auch indirekte Auswirkungen auf die Sta­bilität von Erbinformationen, Zelltod oder oxidativen Stress in Zellversuchen. Die Studienlage ist jedoch dünn. Zudem bleiben mögliche Wirkmechanismen unklar.

Erstellt: 02.06.2016, 20:52 Uhr

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Das Timing könnte für Kritiker nicht besser sein: Kurz nach der Veröffentlichung der grössten Tierstudie zu Mobilfunk soll das Schweizer Parlament darüber abstimmen, ob die Vorschriften für Handy­antennen gelockert werden sollen. Eine entsprechende Motion ging in der zuständigen 25-köpfigen Kommission mit nur zwei Gegenstimmen durch. Doch es ist zu erwarten, dass das Lager der Gegner anwächst, bis das Vorhaben voraussichtlich am 13. Juni in den Nationalrat kommt.

In der Motion wird der Bundesrat aufgefordert, die Grenzwerte für Mobilfunk­anlagen anzuheben. Zudem sollen die Strahlungsbeschränkungen künftig nicht mehr pro Antenne gelten, sondern pro Antenne und Anbieter. Das alles mit dem Ziel, den anstehenden Ausbau des Mobilfunknetzes ohne zusätzliche Antennen zu ermöglichen. Ebenfalls gefordert wird ein Monitoring der gesundheitlichen Folgen von Mobilfunkstrahlung, finanziert durch Konzessionsgebühren.
Thomas Hardegger (SP) gehört zu den Gegnern der Motion. «Das wird zu einer starken Erhöhung der Strahlung pro Antenne führen», sagt er. Solange die Langzeitwirkungen unklar seien, widerspreche dies dem geltenden Vorsorgeprinzip. Hardegger findet es zudem eine falsche Strategie, jetzt Druck von den Anbietern wegzunehmen: «Für sie ist es am billigsten, den Netzausbau mit mehr Strahlungsemissionen zu bewerkstelligen.» Ziel solle jedoch sein, durch Innovationen ohne zusätzliche Strahlen­belastung auszukommen. Etwa durch dichtere Netze, wie dies in der Stadt St. Gallen versucht werde. Tatsächlich führen weniger, dafür stärkere Antennen dazu, dass das eigene Mobiltelefon mehr strahlt – die heute ohnehin wichtigste Strahlenquelle.

«Ohne höhere Anlagengrenzwerte muss man sich nicht wundern, wenn in der Schweiz die Preise höher sind als in anderen Ländern», entgegnet Ruedi Noser (FDP). «Die heutige strenge Regelung erschwert zudem den zukünftigen Ausbau von 5G-Netzen massiv.» (fes)

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