Wie sich die Mediziner von den Irrtümern alter Gelehrter befreien

Im 16. und 17. Jahrhundert begannen Ärzte, den menschlichen Körper mit wissenschaftlichen Methoden zu begreifen. Ihre Briefe beförderten den Eintritt der Medizin in das Zeitalter der Aufklärung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nachts schleicht Andreas Vesalius hin und wieder zum Galgen und schneidet einen der Gehenkten ab, um ihn dann am nächsten Tag mit aller Sorgfalt zu sezieren. Er will am Menschen arbeiten und nicht nur wie viele seiner Kollegen mit Tierkadavern. Vesalius ist zu diesem Zeitpunkt in Bologna schon eine Berühmtheit, er hält an der Universität medizinische Vorlesungen über den menschlichen Körper – und er demonstriert sein Wissen in einem eigens errichteten Anatomischen Theater. Bisweilen schauen ihm 200 Menschen zu, wie er die Leichen zerlegt, langsam Muskeln und Sehnen und danach die Knochen herauspräpariert.

Es sind die frühen Tage der modernen Anatomie, als in der Mitte des 16. Jahrhunderts ein neues humanistisches Selbstverständnis entsteht. Stark daran beteiligt ist auch der Arzt Andreas Vesalius. Er wagt es schliesslich sogar, aufgrund seiner Untersuchungen an Leichen die seit Jahrhunderten vorherrschende anatomische Lehrmeinung berühmter Ärzte wie Hippokrates und Galen infrage zu stellen. Vesalius legt im Jahr 1543 mit «De humani corporis fabrica» ein neues Standardwerk vor, eine üppig bebilderte Beschreibung des menschlichen Körpers, die nicht wie bei Galen auf dem Studium von Tieren beruht.

Ein Brief des Arztes Georg Agricola vom 1. Januar 1544 belegt, dass dieses neue Denken von Zeitgenossen sehr bald wahrgenommen und bewundert wird. Agricola schreibt an den Medizinstudenten Wolfgang Meurer, der damals in der italienischen Stadt Padua bei Vesalius studiert, er wünsche sich, es gäbe in ihrem Zeitalter mehr Menschen, die wie Vesalius in der Lage wären, dem Wissen der Alten etwas Neues hinzuzufügen.

Tausende Ärztebriefe studiert

Genau solche Briefe sind Gegenstand des umfangreichen Forschungsprojekts «Frühneuzeitliche Ärztebriefe», an dem Medizinhistoriker der Universität Würzburg derzeit arbeiten. Die Wissenschaftler um Projektleiter Michael Stolberg vom Institut für Geschichte der Medizin wollen unter anderem klären, welche Rolle die Ärzte in der wissenschaftlichen Revolution des 16. und 17. Jahrhunderts spielten und wie sich damals neue Ideen verbreiteten. Bisher haben die Forscher mehr als 19'000 Briefe in ihrer neuen Datenbank erfasst und weitere 15'000 identifiziert.

Vor 1700 habe es «über weite Strecken noch keine wissenschaftlichen Journale und erst recht keine internationalen Kongresse» gegeben, sagt Michael Stolberg. «Neue medizinische Ideen und Erkenntnisse wurden so häufig zunächst in Briefen an Kollegen publik gemacht.» Die Mehrheit dieser Briefe sei der Forschung bislang unbekannt gewesen, so Stolberg.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Tilmann Walter und Ulrich Schlegelmilch hat Stolberg in zahlreichen deutschen und europäischen Bibliotheken und Archiven wie in Erlangen, Zürich, Basel oder Padua nach ärztlichen Korrespondenzen aus der Zeit vor 1700 gefahndet. Es fanden sich Briefe, die Ärzte untereinander oder mit anderen Gelehrten austauschten, Schriftwechsel mit Fürsten und anderen Obrigkeiten, Stellengesuche, Gutachten und Ratschläge an Patienten. Und nicht zuletzt Briefe an Ehefrauen, Eltern, Kinder, Freunde und Bekannte.

Antike Gelehrte galten unter den Wissenschaftlern des 16. Jahrhunderts als nahezu unfehlbar.

Eine nähere Auswertung von 4000 Briefen zeige, so Tilmann Walter, dass sich tendenziell im Verlauf des 16. Jahrhunderts die Themenschwerpunkte verändern, und der Austausch von empirischen Beobachtungen und das Interesse an Neuem eine wachsende Rolle spiele. Die Ärzte beginnen, der eigenen Beobachtung zu vertrauen, und nicht mehr nur den überlieferten Texten. Stolberg spricht von einem «neuen Blick». Die Mediziner wagen sich plötzlich an neue Therapien heran, sehr häufig aufgrund von eigenen Versuchen mit neuen Arzneipflanzen. «Die Ärzte begreifen, dass sie schauen müssen, wie diese konkret an einzelnen Patienten wirken», sagt Stolberg.

Wissenschaftliche Revolution

Den ungeheuren Wissenszuwachs belegen etwa Briefe von Ärzten und Botanikern wie Otto Brunfels oder Euricius Cordus. Sie verlassen sich nicht mehr auf die antiken Klassiker. Cordus ist der erste deutsche Universitätsdozent, der auf Exkursionen in die Natur geht – wofür ihn Zeitgenossen verspotten. Doch die auf empirischer Beobachtung beruhende Erneuerung und Modernisierung ist nicht mehr aufzuhalten. Es erscheinen immer neue, umfangreiche Kräuterhandbücher, die bald deutlich mehr Pflanzen beschreiben als jeder bekannte antike Text. Ständig kommen neue Pflanzen hinzu, darunter neue Arten aus Asien und dem eben erst entdeckten Amerika.

1534 lobt Cordus, Otto Brunfels habe die Irrtümer der antiken Autoritäten Dioskurides und Theophrastus ausgeräumt. «Für damalige Begriffe war das erstaunlich, wenn nicht befremdlich», sagt Walter. «Antike Autoren galten als nahezu unfehlbar.» Überall finden sich in den Briefen solche Spuren der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts, an der die Mediziner in grossem Stil beteiligt sind. Sie sind wie Brunfels oder Konrad Gessner auch als Botaniker oder Zoologen tätig, oder als Mineralogen wie Georg Agricola, als Astronom wie Nikolaus Kopernikus oder sogar als Philosoph wie der Brite John Locke.

Diese breite Bildung der Wissenschaftler trägt zu intensiven gesellschaftlichen Diskussionen der neuen Ideen bei. Zugleich zeigen die Ärztebriefe, wie stark sich mit der Zeit auch die fachspezifischen Praktiken differenzierten, erläutert Tilmann. Kompetenzen wie Botanisieren, Sezieren oder Experimentieren wurden nun, so Walter, den Medizinern im Studium gezielt vermittelt. Es ist der Beginn von «Expertenkulturen», wie es die modernen Wissenschaftshistoriker nennen. Andererseits fällt das Augenmerk mancher Ärzte auch auf Skurrilitäten und ungewöhnliche Ereignisse. Da berichtet ein Arzt von einem «Fastenwunder», von jungen Frauen, die angeblich über Monate oder gar Jahre keine Nahrung zu sich nahmen. Ein anderer will merkwürdige Monstrositäten beobachtet haben: Da sei ein Kind mit einem Auge auf der Stirn geboren worden.

Gleichzeitig scheint der Druck auf die Ärzte gestiegen zu sein, immer mehr Innovationen zu präsentieren. «Wer Karriere machen wollte, musste Neues entdecken», sagt Stolberg. Die Briefe schildern immer wieder neue medizinische Techniken. So erwähnen drei Erfurter Ärzte in einem Brief im November 1674 eine neue, experimentelle Operation. Man habe «vor zehn Tagen einem Hund die Gallenblase (fellis folliculus) und die zu ihr führenden Kanäle (annexi ductus) herausgenommen», das Tier sei dennoch «bei bester Gesundheit». «Heute ist die Cholezystektomie, die Entfernung der Gallenblase, ein Routineeingriff», sagt Michael Stolberg, «aber damals war eben unklar, ob man ohne Gallenblase überhaupt würde überleben können.»

Die Ärzte schrieben in ihren Briefen nicht nur über Wissenschaft, sondern auch über die Heirat.

Viele Ärzte glauben auch an den starken Einfluss der Sterne. So bekräftigt der berühmte Arzt Paracelsus im 16. Jahrhundert, welch grosse Bedeutung die Gestirne bei der Behandlung von Krankheiten hätten. Er baut ein kompliziertes und zum Teil widersprüchliches Gedankengebäude auf, in dem nicht mehr die Säfte, sondern Schwefel, Salz und Quecksilber die Schlüsselrolle spielen. «Das hatte damals Erfolg, weil es neue, wirksamere, insbesondere auch chemische, im Labor hergestellte Heilmittel versprach und mancherorts von bemerkenswerten Heilerfolgen berichtet wurde», sagt Stolberg. «Seine Ideen hat schon damals kaum jemand wirklich verstanden.»

Doch langsam regt sich auch der Widerstand. Der Arzt Thomas Erastus notiert am 13. Februar 1571, er plane, die Lehre von Paracelsus in vier Teilen zu widerlegen, in seinen Disputationen «De medicina nova Philippi Paracelsi libri». Dafür habe er 120 Bücher gelesen und die Quellen verzeichnet. Die kritische Expertendiskussion von Lehrmeinungen setzt also ebenfalls im 16. Jahrhundert ein.

So manchen Forscher überfordert die Fülle an neuem Wissen, an Ideen und Methoden. Gerade die zunehmend professionelleren mathematisierten Ausführungen von Astronomen wie Johannes Kepler, für den sich auch viele Mediziner interessieren, sind offenbar überaus komplex, wie der Königsberger Arzt Johann Papius berichtet. Keplers Erkenntnisse zur Optik seien ihm ein Rätsel, gesteht Papius in einem Brief an den Astronomen. Kepler meinte dazu, astronomische Laien sollten bei ihren eigenen Aufgaben bleiben. Er selber sei dafür gern bereit, seinen «unverstand in rebus chymicis» zuzugeben.

Von «Antichrist» bis «Heirat»

«Wir finden in den Briefen eine unglaubliche Fülle an Details», sagt Stolberg. «Die Briefe sind damit eine Fundgrube für ein schier grenzenloses Spektrum an historischen Themen.» Insgesamt 15 Jahre werden die Forscher am Projekt arbeiten. Dabei sei das primäre Ziel nicht, die Briefe inhaltlich für bestimmte Fragestellungen auszuwerten. Es gehe vor allem darum, die Briefe überhaupt erst einmal ausfindig zu machen, sie in einer Datenbank zu erfassen und mit ausführlichen Zusammenfassungen zu versehen. Diese Datenbank wird demnächst unter www.aerztebriefe.de auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen.

Dank ausführlicher Zusammenfassungen werden sich dann sämtliche Briefe mit einem Suchbefehl nach bestimmten Begriffen durchsuchen lassen. Oder man benutzt das umfangreiche Schlagwortregister. «Dort finden Sie so manchen Begriff, den Sie vermutlich gar nicht erwartet hätten», sagt Stolberg. Neben «Aderlass» und «Hospital» tauchen auch «Antichrist», oder «Heirat» auf. «Heirat» beispielsweise erbringt derzeit bereits mehr als 100 Treffer. «Die Ärzte schrieben eben nicht nur als Wissenschaftler und Heilkundige, sondern auch als Privatleute und Zeitgenossen», sagt Stolberg. Bei allem Interesse an wissenschaftliche Fragen und persönlichen Berufsaussichten ging es bisweilen auch nur um die ganz profane Frage nach der richtigen Frau.

Erstellt: 27.12.2013, 14:25 Uhr

Muskeln im Holzschnitt von Andreas Vesalius, 1543. (Bild: Keystone Granger Collection)

Artikel zum Thema

Die unfreiwillige Heldin der Medizingeschichte

Die Medizin profitierte von Henrietta Lacks’ Krebszellen. Diese waren ihr ohne Einwilligung entnommen worden. Trotzdem werden sie weiter verwendet. Mehr...

«Die Leute hören eher auf Mediziner als auf Politiker»

Der Zürcher SVP-Politiker Toni Bortoluzzi ist der dienstälteste Gesundheitspolitiker im Parlament. Bundesrat Alain Berset sei die stille Fortsetzung der Politik der früheren Bundesrätin Ruth Dreifuss, sagt er. Mehr...

Die skurrilsten Gegenstände der Medizingeschichte

Von der Beinprothese aus Flugzeugteilen bis zur Operationssäge: Das Science Museum in London zeigt online Tausende faszinierede Objekte der Medizingeschichte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Frühlingsgefühle: Model Gigi Hadid präsentiert die neusten Kreationen von Designer Jean Paul Gaultier an der Haute Couture Spring/Summer 2020 Show in Paris. (22. Januar 2020)
(Bild: Charles Platiau) Mehr...