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Wie stellen Sie sich Ihr Sterben vor?

Sich sein eigenes Sterben vorzustellen, ist bekanntlich eine ausgesprochen schwierige Angelegenheit. Es gibt ja so viele Möglichkeiten. Hier nur ein paar Ideen.

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Sie haben mal an dieser Stelle geschrieben, Sie stünden «mit dem Tod auf Kriegsfuss». Wie stellen Sie sich dann Ihr eigenes Sterben vor? E. I.

Liebe Frau I. Sich sein eigenes Sterben vorzustellen, ist bekanntlich eine ausgesprochen schwierige Angelegenheit. Es gibt ja so viele Möglichkeiten. Wie soll man sich da entscheiden? Das Folgende stellte ich mir jedenfalls schön vor: ein geräumiges Spitaleinzelzimmer, weisse Bettwäsche, das beruhigende, schwache, regelmässige Piepsen eines Überwachungsgerätes, eine Morphium-Infusion zum Selberdosieren (von wegen ich möchte nicht an Schläuchen sterben – ohne Schläuche sterben zu müssen, macht mir Angst), eine satte Müdigkeit und keine Schmerzen – ausser dem einen natürlich: die Lieben, die mich vermissen werden, für immer zu vermissen. Dagegen hilft das beste Opiat nichts.

Als Lektüre: Gedichte von Robert Gernhardt oder Aphorismen von Lichtenberg oder Karl Kraus, weil die Konzentration für längere Texte nicht reicht. (Hallo Leute, here I come, denke ich in einem Anfall souveräner Albernheit beziehungsweise Eitelkeit.) Auf dem Nachttisch liegt in Reichweite die Klingel, mit der ich die Krankenschwester rufen kann, am liebsten die mit dem charmanten polnischen Akzent, die mir, wenn sie mal ein bisschen Zeit hat, von ihrer Enkelin in Krakau erzählt, die Medizin studiert (Medizin ist in dieser Situation das Allergrösste), und davon, wie sie als Kind noch zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau gewallfahrtet war, bevor sie zum Unglauben konvertierte (so sind die Tröstungen der heiligen Kirche erträglich), und die mich zum Schluss ihrer Visite bittet, jederzeit wieder zu läuten, falls ich noch etwas bräuchte (ob ich wohl rauchen mag und darf? Dann vielleicht einen Aschenbecher?). Wenn das Handy vibriert (kein Krach mehr!), erkläre ich dem am anderen Ende der drahtlosen Verbindung, dass ich keine Zeit für irgendetwas hätte, weil ich sterben müsse.

Nein, keine Ahnung, wie lange das noch dauern wird, aber von mir aus gern noch ein bisschen länger. Alkohol ohne Essen schmeckt leider nicht, aber Hunger habe ich kaum. Das Nötigste kriege ich per Infusion. Wenn es unbedingt sein muss, dann halt ein Katheter, aber vielleicht fände ich wider Erwarten Windeln angenehmer. Ein ausgesprochen unangenehmer Gedanke (oder nur ausgesprochen ein unangenehmer?), aber wer weiss so etwas schon im Voraus? Jedenfalls möchte ich Ihnen keine Umstände machen! Ach woher denn, antwortet meine nette Krankenschwester. Danke, sage ich und schlafe ein, während sie noch ein bisschen an mir herumhantiert. Und beim Wegdämmern hoffe ich, dass ich nicht vor Schreck aufwache, wenn das Piepsen unregelmässig wird.

Ich glaube, ich werde mir meine eigene Kolumne ausschneiden und als Patientenverfügung mit mir herumtragen.

Erstellt: 25.01.2012, 08:04 Uhr

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