«Wir brauchen mehr Menschen, die sich sinnvoll engagieren»

Die Ethikerin Effy Vayena setzt sich dafür ein, dass Laienforscher genügend Anerkennung bekommen.

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Sie helfen mit, einen öffentlichen Workshop zu «Citizen Science» zu organisieren. Was genau ist mit «Bürgerwissenschaft» gemeint?
Genau definiert ist das nicht. Normalerweise meint man damit die Teilnahme von Nichtwissenschaftlern an wissenschaftlichen Projekten. Aber es zählt noch mehr dazu. Menschen zum Beispiel, die selber experimentieren und Entdeckungen machen, oder Menschen mit ähnlichen Interessen, die sich zusammentun und ein Projekt organisieren. All das läuft unter dem Namen ­«Citizen Science».

Ist Citizen Science für alle wissenschaftlichen Disziplinen geeignet?
Es kommt drauf an, wie man es ­definiert. In den meisten Disziplinen gibt es durchaus Möglichkeiten, die Öffentlichkeit in die Arbeit mit einzubeziehen. Es gibt aber auch Projekte, die weniger geeignet sind, weil sie zum Beispiel grosses technisches Knowhow verlangen.

Wie wichtig ist die Citizen-Science-Bewegung für die Wissenschaft?
Wir brauchen mehr Menschen, die nicht nur eine wissenschaftliche Ausbildung haben, sondern die sich sinnvoll engagieren, die die wissenschaftlichen Prozesse verstehen, die Chancen, die Herausforderungen. In demokratischen Gesellschaften, in denen die Öffentlichkeit zum Beispiel Entscheidungen darüber trifft, in welche wissenschaftlichen Projekte man wie viel Geld investiert, können aktiv involvierte Menschen solche Entscheidungen besser treffen.

Laienwissenschaftler arbeiten in der Regel gratis an grossen ­Projekten mit. Werden sie dabei nicht ausgenutzt?
Wir wollen definitiv keine billigen Arbeits­kräfte anstelle von Doktoranden. Dafür braucht es einige Grundregeln. So ist es wichtig, dass man die Beiträge der Citizen Scientists gebührend anerkennt – nicht finanziell, sondern indem man sie zum Beispiel in einer Publikation erwähnt. Es ist auch wichtig, dass man die Laienwissenschaftler in die Entscheidungsprozesse und die Steuerung der Projekte mit einbezieht. Mit solchen Massnahmen kann man die Bedenken einer Ausnutzung entschärfen.

Welches ist Ihr Lieblings-Citizen- Science-Projekt?
Viele! Wir brauchen eine gemeinsame Plattform für alle, damit man einen besseren Überblick hat. Eine grosse Plattform, die mir gefällt, ist «Zooniver­se». Auch «Test My Brain» finde ich spannend, da kann man mithelfen, die Funktionsweise des Gehirns besser zu verstehen. Es sind einfach zu viele!

Sie befassen sich mit den ethischen Fragen von Citizen-Science-Projekten. Welches sind die wichtigsten?
Ich interessiere mich besonders für ­Projekte im Gesundheitsbereich, etwa solche mit Menschen, die an speziellen Krankheiten interessiert sind oder die ihre Erfahrung mit Medikamenten protokollieren. Diese Forschung findet in der Regel gut kontrolliert und ­überwacht an Forschungsinstitutionen statt. Meine Fragen zielen dahin: Was passiert, wenn solche Experimente ausserhalb der ­Institutionen durchgeführt werden?

An welche Probleme denken Sie?
Etwa an den Gruppendruck. Als Mitglied einer Onlinegemeinschaft könnte man sich gezwungen fühlen, an etwas teilzunehmen, was man aber gar nicht will. Das sollte nicht passieren. Wir müssen auch vorsichtig sein, was die Privatsphäre und den Datenschutz betrifft. Ebenfalls wichtig ist die Frage, wie die Teilnehmer am Ergebnis des Projekts beteiligt werden.

Gibt es Fragen, die bei Citizen- Science-Projekten komplett neu beurteilt werden müssen?
Die Einverständniserklärung, aber auch die Wahrung der Privatsphäre, sind in der klassischen Forschung Standard, diese Themen nehmen aber bei Citizen- Science-Projekten völlig neue Formen an. Vermutlich sind die Prozesse, die wir in der klassischen Forschung dazu benutzen, auch nicht geeignet für Citizen Science. Ebenfalls neu ist, dass wir bei Citizen-Science-Projekten eine Vermischung der Rollen haben. Früher war es klar, wer der Forscher ist, wer der Professor, wer der Geldgeber. Heute ist das alles viel verschwommener.

Welche Rolle wird die Citizen- Science-Bewegung künftig für die Wissenschaft spielen?
Ich skizziere jetzt mal ein ideales Szenario. Zuerst mal sollte die Bewegung nicht nur eine kurze Phase sein, sondern etwas Langlebiges. Um das zu garantieren, müssen alle Involvierten – die Bürger, Wissenschaftler, Geldgeber und Politiker – dafür sorgen, dass Citizen-Science-Projekte ethisch und wissenschaftlich korrekt ablaufen. Wenn das alles stimmt, glaube ich, dass die Bewegung wachsen wird. Das langfristige Ziel müsste sein, dass man sich die Wissenschaft ohne Citizen-Science-Beteiligung gar nicht mehr vorstellen kann.

Erstellt: 20.01.2015, 19:19 Uhr

Effy Vayena

Die gebürtige Griechin forscht und lehrt seit 2007 am Institut für Bio­medizinische Ethik und Medizin­geschichte der Universität Zürich.

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