«Wir müssen von einer hohen Dunkelziffer ausgehen»

100'000 Coronavirus-Infizierte könnte es bereits geben. Damit wäre die Todesrate geringer als bislang gedacht, sagt Biophysiker Richard Neher.

Ein Polizist prüft die Körpertemperatur von Autofahrern an einer Zollschranke in Wuhan. Bild: Stringer/Keystone

Ein Polizist prüft die Körpertemperatur von Autofahrern an einer Zollschranke in Wuhan. Bild: Stringer/Keystone

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Schätzungen zufolge könnten bereits bis zu 100'000 Menschen das neuartige Coronavirus in sich tragen. Biophysiker Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel sagt, dass der Erreger damit womöglich weniger tödlich ist, als bislang angenommen.

Sie berechnen, wie sich Ausbrüche von Infektionskrankheiten entwickeln können. Was erwarten Sie vom aktuellen Coronavirus-Ausbruch?
Unsere Modellierungen zeigen, dass der Anfang des Ausbruchs etwa Ende November, Anfang Dezember 2019 war und dass sich die Fallzahlen momentan etwa alle 5 bis 8 Tage verdoppeln. Das kann sich aber ändern, wenn die Massnahmen greifen.

Die Dynamik des Ausbruchs lasse den Schluss zu, dass eine Pandemie, also ein globaler Ausbruch, wahrscheinlich sei, sagen andere Experten. Teilen Sie diese Meinung?
Ich bin da nicht ganz so pessimistisch. In China hat das Virus zwar vermutlich alle grösseren Populationszentren erreicht. Aber meine Hoffnung ist schon, dass man in Ländern mit nicht so viel Reiseverkehr Verdachtsfälle in dem Pool von Reisenden schnell identifizieren und isolieren kann. Es kommt dann darauf an, dass man die Kontaktpersonen überwacht und so versucht, die Ausbreitung unter die kritische Schwelle zu drücken.

Richard Neher

Der Biophysiker Richard Neher erforscht die Evolution von Bakterien und Viren. Er und sein Team am Biozentrum der Universität Basel wollen zum Beispiel verstehen, wie sich Viren verändern. Solche Erkenntnisse könnten bei der Herstellung besserer Impfstoffe helfen. Foto: PD

Was meinen Sie mit kritischer Schwelle?
Wir sprechen von der Kennzahl R0. Diese beschreibt, wie viele Menschen durch einen Infizierten angesteckt werden. Wenn die Zahl kleiner ist als eins, dann läuft sich die Infektion aus.

Man geht aber davon aus, dass die Kennzahl aktuell zwischen zwei und drei liegt.
Ja genau. Ein ganz aktueller Report aus China besagt nun aber, dass R0 leicht zurückgeht.

Weiss man, wie das Virus übertragen wird?
Im Wesentlichen durch Tröpfcheninfektionen.

Die Modellrechnungen basieren auf einer dünnen Datenbasis. Wie zuverlässig sind sie?
Eine grosse Unbekannte ist die doch recht lange Inkubationszeit des Virus. Man schätzt, dass es zwischen ein und zwei Wochen dauert von der Infektion bis zum Auftreten der ersten Symptome. Ganz neu gibt es Meldungen aus China, dass das Virus möglicherweise schon vor dem Auftreten von Symptomen weitergegeben werden kann. Wenn das stimmt, wären das schlechte Nachrichten. Eine Übertragung vor dem Auftreten von Symptomen lässt sich nur schwer kontrollieren.

Das wäre dann ähnlich wie bei der Grippe oder bei Masern?
Ja, genau. Bei Sars war das aber anders. Da passierte die Übertragung fast ausschliesslich von Menschen mit Symptomen. Ich hoffe daher immer noch – und glaube es auch –, dass dies beim neuen Coronavirus 2019-nCoV mehrheitlich auch der Fall ist. Und solange es nur ein paar wenige Übertragungen vor dem Auftreten von Symptomen gibt, würde das keine grosse Rolle spielen.

Das ist aber noch nicht klar?
Nein. Es ist auch nicht gesichert, ob und wie viele milde Verläufe es gibt. Also, dass man einfach eine Woche lang hustet, und dann ist wieder gut. Solche Leute würden typischerweise nicht ins Spital gehen und auch nicht getestet werden.

Sie sprechen die Dunkelziffer an. Schätzungen vom Wochenende gehen von rund 100’000 Infizierten aus.
Das sind robuste Schätzungen. Wir müssen von einer recht hohen Dunkelziffer ausgehen. Ausserhalb von Wuhan, im Ausland ist es sehr viel einfacher, die Fälle zu finden. Und aufgrund der im Ausland diagnostizierten Fälle kann man abschätzen, wie viele Erkrankte es in Wuhan gibt, wenn man zum Beispiel annimmt, dass nur einer von 500 Infizierten das Land verlässt.

Eine hohe Dunkelziffer würde auch bedeuten, dass die Sterblichkeitsrate viel tiefer ist als angenommen?
Davon würde ich ausgehen.

Das würde dann heissen, dass die Rate bei einem Prozent oder tiefer liegen würde. Stimmt das in etwa?
Da gibt es keine gesicherten Erkenntnisse dazu, aber das ist im Moment meine Annahme.

Jedes Jahr sterben in der Schweiz mehrere Hundert Menschen an der saisonalen Grippe. Zum Vergleich: Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate bei der Grippe?
Die liegt bei etwa eins in tausend, also einem Promille.

Heisst das, dass das neue Virus in etwa ähnlich gefährlich ist wie ein Grippevirus?
Vom Verlauf müssen wir schon davon ausgehen, dass es eher etwas gefährlicher ist als das Grippevirus, aber sicherlich nicht so gefährlich wie Sars.

Eine potenzielle Pandemie wäre also gar nicht allzu gravierend?
Ein globaler Ausbruch hätte trotz der eher niedrigen Sterblichkeitsrate relativ schwerwiegende Folgen, er würde die Weltwirtschaft ein wenig aus der Bahn werfen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass an dem Virus selber sehr viele Menschen erkranken oder sterben werden. Die Kollateralschäden können um einiges schwerwiegender sein als die Krankheit selber.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat trotzdem entschieden, keinen globalen Gesundheitsnotstand auszurufen. Warum?
Weil es ausserhalb von China bislang kaum Ansteckungen gibt. Einzig ein Fall aus Vietnam ist bekannt. Das ist für die WHO ein wichtiges Kriterium.

Wie schätzen Sie die Gefahr für die Schweiz ein?
Eher niedrig. Das Virus wird schon hierherkommen, aber die Infrastruktur und die Systeme sind gut genug, dass man solche Importe relativ problemlos behandeln kann.

Wir müssen also nicht alle mit Atemmasken rumlaufen.
Nein.

Wann ist jemand mit Erkältungssymptomen oder Fieber ein Verdachtsfall?
Wenn man gerade aus China zurückgekommen ist, dann ist man bei einer Atemwegserkrankung relativ schnell ein Verdachtsfall. Auch wenn die Symptome mild sind, sollte man in diesem Fall einen Arzt anrufen. Aber generell gilt: Wenn jemand jetzt eine Erkältung hat, ist die Wahrscheinlichkeit verschwindend gering, dass das Coronavirus der Auslöser ist. Wir befinden uns mitten in der Grippesaison. Ohne Reise-Historie nach China ist die Chance, dass man eine normale Erkältung oder eine Grippe hat, hunderttausendmal höher, als dass man eine Infektion mit dem Coronavirus hat.

Was weiss man über die Menschen, die an der Infektion mit dem Coronavirus gestorben sind?
Die Todesopfer waren oft nicht so richtig gesund. Die meisten Todesfälle gab es bislang unter relativ alten Leuten, die schon an anderen Krankheiten gelitten hatten, wie eine aktuelle Studie gezeigt hat. Das ist die einzige Information, die man derzeit zu dieser Frage hat.

Gegen Sars wurde ein Impfstoff entwickelt. Kann man auf dieser Basis nun schnell einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus herstellen?
Die Erfahrung hilft sicher. Heute geht das viel schneller als damals vor über 15 Jahren. Es sollte daher durchaus möglich sein, noch dieses Jahr einen Impfstoff zu entwickeln und zu testen.

In den Medien wird derzeit fast nur noch über das Coronavirus berichtet. Können Sie diesen Hype nachvollziehen?
Ich kann das gut verstehen. Auch in meinem akademischen Umfeld ist die Aufregung gross. Es herrscht zwar nicht Angst oder Panik, aber jeder versucht etwas beizutragen und verfolgt die Entwicklungen hautnah. Das Potenzial für eine weitere Ausbreitung des Virus, ja gar für eine Pandemie, ist sicherlich da. Ich bin guter Hoffnung, dass es nicht dazu kommt, aber ausschliessen kann man es nicht. Die potenziellen Folgen sind durchaus immens, das macht ja gerade die Aufregung aus. Aber zu Panik gibt es keinerlei Anlass.

Erstellt: 27.01.2020, 19:41 Uhr

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