Wutausbrüche? Ganz normal!

Eltern sind oft verunsichert, wenn ihr Kind zu toben beginnt, und werden laut. Warum es wichtig ist, diese Emotion auszuhalten.

Schreit das Kind, sollten die Eltern gelassen bleiben – und es danach in die Arme nehmen. Foto: iStock

Schreit das Kind, sollten die Eltern gelassen bleiben – und es danach in die Arme nehmen. Foto: iStock

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten des Jahres. Er erschien erstmals am 13. Dezember 2019.

Sie ist schon fast zwei. Und sie hat ihren eigenen Willen. Dazu gehört, dass sich das kleine Mädchen heute partout nicht an­ziehen mag. Mehrere kurz getaktete Wutanfälle unterstreichen seine Entscheidung. Es ist zwar Dezember und Bodenfrost wurde gemeldet, aber egal. Wenn sie nicht will, will sie eben nicht. Seit 6.15 Uhr sind die Eltern schon auf den Beinen, gegen 7.45 Uhr wollen sie mit ihr eigentlich zur Kita aufbrechen, aber fast die gesamte Zeit geht für Diskussionen über die angemessene Kleidung bei Minusgraden, Beschwichtigungen und Überlistungsversuche drauf. An Frühstück ist nicht zu denken. Erst als der Vater vorschlägt, ­etwas vorzulesen, beruhigt sich die Kleine und willigt ein, etwas anzuziehen. «Eine Badehose», sagt sie.

«Wut ist wie eine Spannung, die sich entladen muss», sagt Werner Nowotny, Kinder- und Jugendpsychotherapeut in München. «Die Psyche ist allerdings so innig mit dem Körper vernetzt, dass sie nicht unterscheidet, ob seelische Nöte wie Ängste und Bedrohungsgefühle hinter der Wut stecken – oder körperliche Belästigungen wie eine volle Windel, Schmerzen, Hunger, Übermüdung.» Die physiologische Reaktion mit einer Aufwallung der Stresshormone, die zu rasendem Puls, hohem Blutdruck und anderen Alarmzeichen führt, ist die gleiche; der Körper steht unter Feuer.

Ist nur mein Kind so?

Eine andere Familie, irgendwo in der Schweiz. Der Dreijährige ist zwar bereitwillig mit ins Bad gekommen, aber jetzt bewegt er sich keinen Schritt weiter. Zähneputzen? Daran ist nicht zu denken. Er presst den Mund zusammen und malmt mit den Kiefern wie ein James-Bond-Bösewicht, dann brüllt er empört los. Waschen? Auf keinen Fall! Kurze Stille. Ist seine Antihaltung schon vorbei? Nein, denn jetzt wirft sich der kleine Mann mit grosser Geste auf den Boden und fängt so zu schreien an, dass Blechtrommler Oskar neidisch auf den schrillen Ton werden könnte.

Eltern von Kleinkindern bohrt sich in solchen Momenten reflexhaft ein Gedanke in die Grosshirnrinde: Ist nur mein Kind so eigensinnig und trotzig? Sind andere Zwei- oder Dreijährige auch so talentiert für Wutausbrüche aus heiterem Himmel?

«Kinder haben das Recht darauf, wütend zu sein.»Karl Heinz Brisch, Beziehungsexperte

Einzelfälle sind das allerdings keineswegs. Eltern kennen das Altersetikett «Terrible Two», das die schwierige Phase benennt, die sich in einer seltsamen Ausdehnung von Raum und Zeit auch auf mehrere Jahre erstrecken kann. Eltern kämpfen um jede Viertelstunde, die sie ihre Bengel später in die Kita oder den Kindergarten bringen können, weil der Morgen mit endlosen Machtspielen draufgeht.

«Kinder haben das Recht darauf, wütend zu sein, Wut ist ein basaler emotionaler Affekt», sagt Karl Heinz Brisch, Experte für frühkindliche Bindungen. «Die Eltern könnten eigentlich stolz darauf sein, wie toll ihr Kind die Wut zeigen kann. Aber bei uns ist das oft nicht erwünscht. Woanders, etwa in Italien, dürfen Gefühle expressiver ausgelebt werden. Kein Wunder, dass dort die Oper erfunden wurde.»

Tausend und eine Ursache

Warum die Wutanfälle der Kleinen gerade im Alter von zwei bis drei Jahren besonders dramatisch ausfallen, liegt an den Fortschritten der Entwicklung. «Natürlich können auch kleine Babys und Einjährige schon wütend sein, sie schreien dann anders», sagt Brisch. «Mit zwei Jahren haben Kinder aber ein grösseres Repertoire, um ihre Wut zu zeigen. Sie können sich auf den Boden werfen, den Kopf anschlagen, etwas zerreissen oder kaputt machen.» Mit fünf bis sechs Jahren sollten Kinder allerdings Mechanismen entwickelt haben, um ihre Wut halbwegs zu regulieren, so Brisch. Dass dies nicht immer gelingt, zeigen fulminant inszenierte Wutausbrüche bis ins hohe Erwachsenenalter.

Tausend und eine Ursache für Wut fallen Werner Nowotny ein, wenn er nach den Hintergründen gefragt wird. Ein kleines Kind kann zum Beispiel noch nicht reif genug für erste Ablösungsprozesse sein, womöglich fühlt sich eine bestimmte Situation im Kindergarten für das Kind tatsächlich bedrohlich an – vielleicht ist auch die Mutter zu ängstlich, um das Kind allein zu lassen, oder beide Eltern stehen unter Druck und haben das Gefühl, in ihrer Erziehung ständig etwas falsch zu machen. «Kinder reagieren oft atmosphärisch», sagt Nowotny. «Da gibt es kein Patentrezept, sondern viele ­Lösungsansätze im Einzelfall.»

Ärzte und Psychologen der Northwestern University in Chicago und Evanston haben gerade ein Phänomen unter die Lupe genommen, das erklären könnte, warum manche Kinder häufiger wütend werden als andere. Liegt es daran, dass sich ihr Sprachvermögen langsamer entwickelt? Auch unter Erwachsenen gilt ja die Zuschreibung, wer sich nicht ausdrücken kann oder anders zu helfen weiss, fängt zu schreien an.

Steckt also Empörung über den begrenzten Wortschatz hinter den Protesten? «Wutanfälle sind in diesem Alter völlig normal», sagt Elizabeth Norton, Leiterin der im «Journal of Applied Developmental Psychology» publizierten Studie. «Sind Kleinkinder müde oder frustriert, kommt das oft vor, Eltern wissen das.»

Weniger als 50 Wörter

In die Untersuchung aus den USA wurden mehr als 2000 Kleinkinder im Alter von 12 bis 38 Monaten einbezogen. In der Gruppe mit einer späteren Sprachentwicklung, wozu Kinder zählten, die mit zwei Jahren weniger als 50 Wörter beherrschten, kam es fast doppelt so häufig zu «schweren» Wutausbrüchen wie bei Kindern, die im gleichen Alter schon mehr Wörter kannten. «Schwer» heisst hier, dass die Kinder das volle Programm abspulten – Luft anhalten, bis sie blau anliefen, um sich schlagen, treten, schreien.

«Dieses Verhalten muss aber im Kontext der normalen Entwicklungsphasen verstanden werden», sagt Studien-Co-Autorin Laurie Wakschlag. «Eltern sollten sich keine Sorgen machen, nur weil das Nachbarkind mehr Wörter spricht und so wohlerzogen wirkt, während das eigene an manchen Tagen gleich mehrere Wutanfälle hinlegt.» Erst wenn die Wutausbrüche über längere Zeit tagtäglich oder gar mehrmals am Tag vorkommen, könnte es sein, dass Kinder therapeutische Hilfe benötigen.

«Kinder brauchen in solchen Situationen Eltern, die Wut aushalten und damit besser umgehen können als sie selbst und die nicht Angst davor haben», sagt Bindungsexperte Brisch. «Dazu gehört auch, Wutausbrüche zu ertragen und notfalls das Kind festzuhalten, damit es nicht sich selbst oder andere verletzt.» So lernen Kinder nach und nach ihre Wut kennen und damit umzugehen. Wichtig sei es für Eltern zudem, auch in der Phase der grössten kindlichen Erregung mitzufühlen, emotional dranzubleiben, mitzuschwingen – und irgendwann tröstend dem kleinen aufgewühlten Wesen beizustehen.

«In solchen Situationen brauchen Kinder Eltern, die Wut aushalten können.»Karl Heinz Brisch, Beziehungsexperte

Oft fangen Eltern selbst an zu schreien oder werden gar handgreiflich, wenn das Kind einen Wutanfall hat. Andere sind nicht in der Lage, ein Kind in den Arm zu nehmen, wenn es gerade wütend ist. Dies alles sind Zeichen, dass sie selbst ihre Wut nicht regulieren können und erst lernen müssen, sie auszuhalten, um dann dem nachzuspüren, was sie so empört.

Schreiende Kinder im Wagen auf den Balkon zu stellen, in ihr Zimmer zu schicken oder auf den «stillen Stuhl», sei der falsche Weg. «Statt einer Auszeit ist vielmehr Zuwendung gefragt», sagt Brisch. Wird das Kind abgeschoben, schaltet es zwar kurzfristig seine heftigen Affekte aus, lernt aber nicht, damit umzugehen – es erstarrt innerlich. Ähnliches gilt, wenn Eltern während des Wutausbruchs der Kleinen zwar körperlich anwesend sind, aber emotional abschalten und die Gefühlswelt der Kinder ignorieren.

Viele Eltern haben das Gefühl, ihr Kind sei mit der besonderen Gabe für Wutanfälle ausgestattet. Brisch kann beruhigen: «Wut ist normal und Ausdruck von Energie, Power und Lebenskraft. Sie zu regulieren, ist ein Lernprozess, doch dann ist es möglich, mit anderen in Beziehung zu treten, ohne gleich um sich zu schlagen.» Wenn das Kind frühzeitig Worte findet, um Gefühlsausbrüche benennen und differenzieren zu können, sei das nur hilfreich. Sprachlos vor Wut zu sein, kann hingegen ziemlich wütend machen.

Erstellt: 13.12.2019, 17:32 Uhr

Was tun, wenn das Kind einen Wutanfall hat?

Wenn ein Kind tobt, sich auf den Boden wirft und um sich schlägt, raten Experten zu Gelassenheit und Ruhe. Das ist zwar manchmal schwer, bewährt sich aber immer. Reden Sie mit dem Kind, wenn es sich beruhigt hat, und machen Sie ihm klar, wo die Grenzen sind.

Bleiben Sie konsequent. Wer zum Beispiel nachgibt, wenn sich ein Kind vor der Supermarktkasse auf den Boden wirft, weil es unbedingt Süssigkeiten will, muss sich nicht wundern, wenn das Kind beim nächsten Mal wieder Zeter und Mordio schreit. Besser ist es, das Kind unter den Arm zu nehmen und mit ihm nach draussen zu gehen. Dort beruhigt es sich in der Regel schnell.

Zu Hause können Sie das Kind auch mal kurz alleine lassen. Wichtig ist, dass Sie ihm dies mitteilen und ihm sagen, dass es jederzeit kommen könne, wenn es sich abgeregt habe. Denn nach einem Wutanfall braucht das Kind besonders viel Zuneigung. (red)

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