Zoff um Japans Wunderkind der Forschung

Haruko Obokata wurde zuerst als Genie hochgejubelt und dann als Pfuscherin verunglimpft. Was hinter dem Streit um die Stammzellenforscherin steckt.

Soll ihre umstrittene, aufsehenerregende Stammzellen-Studie unter Aufsicht wiederholen: Haruko Obokata.

Soll ihre umstrittene, aufsehenerregende Stammzellen-Studie unter Aufsicht wiederholen: Haruko Obokata. Bild: Keystone

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Erst hoben die alten Männer Haruko Obokata als Heilige aufs Podest. An ihrem Genie sollte Japan genesen. Das war im Januar. Die Medien porträtierten die 31-Jährige als Genie und zugleich normales junges Mädchen, süss, ein bisschen kindlich und mit einer Moomin-Puppe. «Kawai» nennt man das in Japan, niedlich. So will Nippon seine Frauen haben, auch wenn sie künftige Nobelpreisträgerinnen sind. Obokata hatte in der Wissenschaftszeitschrift «Nature» ihren grossen biotechnologischen Durchbruch publiziert.

Der Ruhm hielt nicht lange an, der Rummel um ihre Person dagegen nimmt immer groteskere Formen an. Im Februar verbrannten die alten Männer die Heilsbringerin als Hexe, jedenfalls symbolisch. Und die Medien reden ihr seither übel nach. Sie habe Staatsgelder verschleudert, ein Wochenblatt nennt einen Betrag von mehr als 5 Millionen Franken. Für die Zeit ihrer Arbeit als Gastforscherin am quasistaatlichen ­Riken-Institut in Kobe sei sie in einem Luxushotel abgestiegen; und mit ihrem Professor Yoshiki Sasai 55-mal auf Dienstreise gewesen.

Wer in Japan in Ungnade fällt, den ­geben die Medien zum Rufmord frei. Erst recht, seit sich die zerbrechlich wirkende, aber offenbar zähe junge Frau in einer zweieinhalbstündigen Pressekonferenz vor mehr als 300 Journalisten gegen die alten Herren wehrte, die sie hochgejubelt und dann fallen gelassen hatten. Die Gesellschaft hätte von ihr erwartet, dass sie schweigt, erst recht als Frau.

Unter Beobachtung von Kameras

Letzte Woche haben die alten Männer des Riken-Instituts Haruko Obokata einbestellt. Bis zum November soll sie die Studie, für die sie gefeiert und dann niedergemacht wurde, unter den Augen von Kontrolleuren reproduzieren. Als «Helferin», frotzelt das Institut. Und fügt hinzu, man habe das Labor mit Video­kameras bestückt, Obokata werde permanent überwacht.

Die Forscherin will eine neue, einfache Methode gefunden haben, mit der sie sogenannte pluripotente Stammzellen herstellen kann. Das sind Zellen, die sich in jedes Gewebe entwickeln können, wie embryonale Zellen. Die sogenannte Regenerationsmedizin will aus solchen Zellen im Labor «Ersatzteile» züchten und dem Patienten dann implantieren, Herzmuskel-Lagen oder die Hornhaut des Auges etwa. Klinische Versuche mit Stammzellen an der Uni Osaka zeitigen gute Erfolge.

Zu Beginn arbeitete die Stammzellenforschung mit Zellen menschlicher Embryonen. Das war nicht nur moralisch umstritten, die Immunabwehr des Patienten drohte das Ersatzgewebe als Fremdkörper abzustossen. 2007 fand der Japaner Shinya Yamanaka eine komplexe Methode, körpereigene Hautzellen des Patienten so zu manipulieren, also umzuprogrammieren, dass sie sich verhalten wie embryonale Zellen: Man nennt sie induzierte pluripotente Stammzellen. Obokatas Studie postuliert eine viel einfachere Methode, pluripotente Stammzellen zu produzieren, die sogenannten Stap-Zellen (Stimulus-Triggered Acquisition of Pluripotency). Wenn man Zellen von Erwachsenen einem bestimmten Stress aussetze, so Obokata, sie unter anderem hungern lasse, dann programmierten sie sich selber um. Allerdings ist es bisher keinem Forscher gelungen, ihre Methode zu verifizieren.

Obokata hat bei ihrer Arbeit ge­pfuscht, sie hat Fotos vertauscht und verändert. Das hat sie zugegeben, aber erklärt, das seien Versehen gewesen, die Arbeit habe sie überfordert.

Die japanischen Universitäten promovierten Doktoranden in hoher Zahl, denen elementare Kenntnisse und wissenschaftsethische Skrupel fehlten, meint ein Wissenschaftler dazu, der nicht namentlich genannt werden will. Sie wollen damit Prestige gewinnen. Manche Forscher hätten nie gelernt, ein Labor-Tagebuch zu führen, auch Obokata nicht. In der Tat ist dies nicht der erste solche Skandal Japans. Weil ihre Arbeit elementaren Regeln nicht genügt, willigte Obokata schliesslich unter grossem Druck des Riken und der Medien ein, ihre Studie zurückzuziehen. Sie besteht aber darauf, sie könne Stap-Zellen herstellen. Die junge Frau, die als intelligent und ehrgeizig gilt, will das nun im überwachten Versuch beweisen.

Dass sich Studien nicht verifizieren liessen, sei normal, meint Tsuneaki Sakata von der Universität Osaka, eine Schlüsselfigur der japanischen Bio­forschung. «Das gelingt nur in 20 bis 30 Prozent der Fälle.» Fatal war das Geschrei, das Riken und die Medien um Obokata machten. Umso klarer distanzierte sich das Riken später von der jungen Frau. Eine interne Untersuchung kam zum Schluss, sie habe nur «Scheinforschung und Fälschungen» produziert, ihr fehle «die Demut» zur Forscherin.

Laien als Institutsleiter

Parastaatliche Institutionen werden in Japan von Amakudari geleitet, zumindest sitzen sie in den Vorständen. Amakudari steht für «vom Himmel gestiegen»; so nennt man pensionierte Beamte, denen die Regierung hochbezahlte Altersjobs zuschanzt, bei denen sie wenig arbeiten müssen, aber repräsentieren und entscheiden dürfen. Vielen Ex-Botschaftern und -Beamten fehlen dazu jegliche Fachkenntnisse, ihr ­Interesse gilt der Wahrnehmung ihrer Institution.

Letzten Winter erwartete das Riken, von der Regierung zu einem Zentrum für Hochleistungswissenschaft aufgewertet zu werden. Das hiesse noch mehr Geld vom Staat und Prestige. Obokatas vermeintlicher Durchbruch kam wie gerufen: kurz vor der Regierungsentscheidung. Doch ihr Pfusch flog im schlimmsten Moment auf, unmittelbar vor der Entscheidung. Um sich reinzuwaschen, hat das Riken die junge Forscherin sofort fallen gelassen. Aufgewertet wurde es gleichwohl nicht.

Eine zweite, unabhängige Untersuchung wies Obokatas Vorgesetzten und dem Institut ebenfalls eine Schuld zu. Deshalb haben die alten Männer vom ­Riken plötzlich auch wieder ein Interesse daran, dass es Obokata gelinge, Stap-Zellen zu züchten. Deshalb haben sie den Versuch arrangiert, bei dem sie ihre Studie unter den Videokameras wiederholen soll. Das ist auch ein Eingeständnis, dass ihre interne Untersuchung nichts taugte.

Wie kommt eine 31-Jährige dazu, eine derart wichtige Forschung als Erstautorin in «Nature» zu veröffentlichen?, fragte das Wochenblatt «Asahi Geino». Und warf Obokatas Professor Sasai, dem Vizedirektor des Riken in Kobe, vor, er unterhalte einen Harem, die «Sasai gals». Er habe erkannt, dass er von den Medien eher wahrgenommen werde, wenn in seinem Labor jungen Frauen arbeiteten.

Überwacht hat er Obokata offenbar nicht. Die unabhängige Untersuchungskommission kündigte an, sie wolle Sasai und zwei seiner Kollegen zum Rücktritt auffordern. Getan hat sie das bisher jedoch nicht.

«Japan muss sein Ausbildungssystem überholen», besonders die Unis, meinte Masahiro Kami von der Universität Tokio in einem Kommentar: «Wie kann eine so unerfahrene Forscherin wie Obokata zu solcher Prominenz kommen?», fragte er. Und schloss: «Ohne fundamentale Änderungen hat Japans Wissenschaft keine Zukunft.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2014, 08:08 Uhr

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