«Ärzte verhalten sich wie Messies»

Daniel Scheidegger, Ex-Chefarzt und neuer Präsident der Schweizer Medizin-Akademie, sagt, dass Ärzte zu oft unnötige Behandlungen vornehmen.

«Vieles, was heute ein Arzt macht, könnten eigentlich auch andere durchführen», meint Daniel Scheidegger. Foto: Sabina Bobst

«Vieles, was heute ein Arzt macht, könnten eigentlich auch andere durchführen», meint Daniel Scheidegger. Foto: Sabina Bobst

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Als Auftakt zu Ihrer Präsidentschaft bei der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) fordern Sie gleich als Erstes Verzicht. Ein sehr unpopuläres Anliegen.
Viele meiner Kollegen bekommen einen roten Kopf, wenn sie solche Aussagen von mir lesen. Doch es ist klar, es muss sich etwas ändern. Wir Ärzte verhalten uns oft wie Messies. Dabei meine ich nicht den Fussballstar, sondern das Krankheitssyndrom.

Inwiefern?
Wir übernehmen laufend Innovationen und neue Behandlungsmethoden, überlegen uns aber nicht, was wir im Gegenzug nicht mehr brauchen oder woher wir das Geld für Neues hernehmen. Erlebt habe ich das zum Beispiel in der Übergangszeit, als neu die Magnetresonanztomografie aufkam. Die MRT-Bilder waren so detailliert, dass sie Röntgenaufnahmen eigentlich überflüssig machten. Trotzdem wurden diese routinemässig weitergemacht. Am Ende waren die Röntgenmappen der Patienten so dick, dass sie mit einem Trol­ley transportiert werden mussten. Angeschaut hat die zusätzlichen Aufnahmen aber niemand.

Dieses Problem der unnötigen Behandlungen und Untersuchungen möchten Sie nun anpacken?
Es beschäftigt mich am meisten. Wir Ärzte tun aus ökonomischen Gründen Dinge, die es gar nicht brauchen würde. Irgendwann können wir uns dies nicht mehr leisten. Unsere Medizin sollte nachhaltiger werden. In diese Richtung wollen wir bei der SAMW weiterarbeiten. Die Akademie hat zwar politisch keine Macht. Doch das ist auch ein Vorteil. Dadurch sprechen alle offen mit uns, und wir können Veränderungen an­stossen.

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Der von der Akademie geprägte Begriff «nachhaltige Medizin» ist allerdings etwas eine Worthülse.
Das Wort hat mich auch gestört. Inhaltlich passt es jedoch. Gemeint ist, dass wir in der Schweiz nur so viel Medizin machen sollten, wie wir qualifiziertes Personal und Geld haben. Vor allem muss eine Behandlung aber den Patientinnen und Patienten etwas bringen, idealerweise deren Lebensqualität steigern. Ich selbst würde lieber noch ein paar Monate mit meinen Enkeln spielen wollen, statt mich einer schweren Operation zu unterziehen, bei der ich am Ende vielleicht auf der Intensivstation sterbe. Es ist offensichtlich, dass auch die Schweizer Bevölkerung sich solche Gedanken macht. Das sieht man alleine schon am grossen Zuwachs bei Sterbehilfeorganisationen wie Exit. Viele möchten nicht um jeden Preis Therapien erhalten.

Trotzdem willigen sie oft in Behandlungen ein, die gar nicht in ihrem Sinn sind. Müssten Ärzte besser beraten?
Da sind wir an einem wichtigen Punkt. Wir müssen Patienten so weit bringen, dass sie die entscheidenden Fragen selbst stellen. Oder noch besser, dass Ärzte diese Fragen automatisch ansprechen. Bei einer Behandlung sollte es selbstverständlich sein, über Komplikationen und deren Häufigkeit zu sprechen. Ein Patient darf sich nicht von einem Arzt abspeisen lassen, der behauptet, dass es bei ihm nie Probleme gebe.

Sie waren lange Chefarzt und haben sich im Bereich Patientensicherheit und Qualität einen Namen gemacht. Warum der neue Fokus auf Überbehandlungen?
Es geht ja auch bei der Überbehandlung letztlich um Qualität. Gegen Ende meiner Laufbahn in der Klinik wurde mir immer mehr klar, dass wir viele Dinge machen, die nicht richtig sind. Auf der Intensivstation habe ich Angehörige erlebt, die mir sagten: Das, was ihr da meinem Mann oder Vater antut, hätte er nie gewollt. So etwas darf nicht passieren! Ich begann unter solchen Vorfällen zu leiden. Hinzu kam, dass ich immer wieder bei Operationen dabei war, die das Team zu selten durchgeführt hat, um sie wirklich zu beherrschen. Es sollte wirklich nicht mehr jeder versuchen, alles zu machen und dabei im Lehrbuch blättern müssen, um nachzuschauen, wie es genau geht. Auch hier geht es um einen Verzicht, der zu Qualitätsverbesserung führt.

Zumindest finanziell findet die Bevölkerung nicht, dass wir über unsere Verhältnisse leben. Der alljährliche Prämienanstieg wird weiter hingenommen.
Das ist die Ausrede all jener, die nichts an der Situation ändern wollen. Doch ohne Verbilligungen durch die Kantone können sich selbst Mittelstandsfamilien die Prämien nicht mehr leisten. Auch personell leben wir über unsere Verhältnisse. Wir haben zu wenig eigene Fachkräfte und müssen sie in grosser Zahl aus dem Ausland holen.

Der Grund seien die Patienten, die immer häufiger und wegen Bagatellen zum Arzt rennen. Sind wir selbst schuld, wenn das Gesundheitswesen immer teurer wird?
Im Moment schieben alle den Schwarzen Peter hin und her. Es ist nicht der Fehler des Patienten, wenn ihm niemand sagt, dass er erst einmal 14 Tage warten soll, um zu schauen, ob die Bagatellerkrankung von selbst besser wird. Auf der anderen Seite fordern die Patienten aber tatsächlich auch Behandlungen ein. Das ist allerdings kein Wunder, wenn überall unkritisch von den neusten tollen medizinischen Möglichkeiten berichtet wird.

Wäre es nicht die Aufgabe des Arztes, von solchen Behandlungen abzuraten?
Das meine ich mit dem Schwarzen Peter. Leider sind die Anreize im Gesundheitssystem so, dass ich mehr verdiene, wenn ich eine Kniespiegelung mache, statt den Patienten wieder nach Hause zu schicken. Das ist nicht gegen die Ärzte gerichtet. Das ist bei allem so. Wenn Journalisten pro Anzahl Buchstaben bezahlt werden, werden ihre Texte auch länger. Hinzu kommt, dass die meisten Spitäler verselbstständigt sind und profitabel sein müssen. Klar, haben sie dann ein Interesse, die Dinge, die viel Geld pro Zeiteinheit bringen, häufiger zu machen. So gesehen, ist es tatsächlich etwas billig, dem Patienten die Schuld für die steigenden Kosten zu geben.

«Es ist billig, den Patienten die Schuld dafür zu geben.»

Was müsste geschehen, um die Medizin nachhaltiger zu machen?
Eine einzige Lösung gibt es nicht. Aber was wir unbedingt anschauen sollten, ist, wer im Gesundheitswesen welche medizinische Leistung erbringt. Vieles, was heute ein Arzt oder eine Ärztin macht, könnten eigentlich auch andere durchführen. Zum Beispiel eine Ohrenspülung. Die Ärzte hätten dann mehr Zeit für ihre Patienten, und wir müssten weniger von ihnen ausbilden. Bei der Polizei ist es auch nicht mehr der Detektiv, der die Parkbussen schreibt.

Das könnte den Kostenanstieg zumindest ein wenig bremsen.
Genau. Daneben müssen wir auch qualitativ besser werden. Alle sagen, wir haben ein gutes Gesundheitswesen. Dabei wissen wir das gar nicht. Nur bei der hoch spezialisierten Medizin werden wir in ein paar Jahren Daten über den Behandlungserfolg der Spitäler haben – Komplikationsraten, die durchschnittliche Behandlungsdauer oder ob Patienten zwei Jahre nach dem Eingriff noch leben. Erst dann lässt sich zum ersten Mal sagen, ob ein Eingriff in Genf besser gemacht wird als in Zürich oder in Lausanne. Heute können wir das noch nicht. Wir Ärzte haben uns lange dagegen gewehrt.

Warum?
Wir sagten immer, es sei zu aufwendig, und die Daten der Spitäler könne man nicht untereinander vergleichen. Doch es gibt nicht viele Berufe, bei denen so viel Geld im Spiel ist und man so wenig darüber weiss, was es wirklich bringt. Bis jetzt gibt es erst Zahlen dazu, wie häufig Patienten nach einer Behandlung in einem Spital sterben. Doch das ist nur ein sehr grober Anhaltspunkt.

Die Erfassung der Sterberaten war auch ein langer Kampf. Und die Zahlen werden kaum offen kommuniziert.
Das stimmt. Allerdings habe ich da auch Verständnis für gewisse Einwände. Ich war immer dafür, dass man auch im Spital sterben können sollte. Die Patienten kurz vor dem Ableben alleine wegen der Statistik zu verschieben, macht keinen Sinn.

Das wird tatsächlich gemacht?
Das ist aufgekommen, als sich bei einzelnen Spitälern abzeichnete, dass sie bei einer bestimmten Erkrankung höhere Sterberaten hatten als andere.

Finden Sie ein solches Verhalten nicht beunruhigend? Man kann doch nicht immer nur den falschen Anreizen die Schuld geben, wenn unethisch gehandelt wird.
Da haben Sie schon recht. Aber ich sage auch nicht, dass das alle machen. Sie kennen das auch von der Presse: Wenn Sie wissen, wonach Sie bewertet werden, versuchen Sie, das zu beeinflussen. Das ist menschlich. Wir alle arbeiten nach Anreizen.

Das Gesundheitssystem wird aber nie nur richtiges Handeln belohnen. Das Berufsethos sollte doch wichtiger sein.
Ich möchte den Eindruck abwehren, dass Ärzte unethisch handeln. Doch der ökonomische Druck ist schon sehr gross geworden. Ich kritisiere deshalb auch zum Beispiel gewisse Spitäler, die solche Tendenzen vorantreiben. Viele haben mit Ärzten Verträge abgeschlossen, dass sie im nächsten Jahr eine bestimmte Operation häufiger machen sollen. In einer Stadt wie Basel, die kaum grösser wird, geht dies nur mit einer Ausweitung der Indikation. Das ist das Gegenteil von Verzicht. Von solchen Fehlentwicklungen müssen wir endlich wegkommen.

Erstellt: 22.11.2016, 20:42 Uhr

Daniel Scheidegger

Neuer Akademie-Präsident

Der Ex-Chefarzt Anästhesie am Unispital Basel ist seit Anfang November Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Davor war er in verschiedenen nationalen Gremien tätig. Bis heute amtet er als Präsident des Fachorgans Hochspezialisierte Medizin der Gesundheitsdirektorenkonferenz. Schei­degger engagierte sich lange im Bereich Patientensicherheit und war federführend beim Aufbau des anonymen Fehlermelde­system Cirs an Schweizer Spitälern. (fes)

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