Mit der Wirkstoff-Keule gegen den Schnupfen

Kombipräparate gegen Erkältungen sind beliebt, aber keine gute Wahl: Welche Medikamente schlecht wegkommen und was besser hilft.

Bei Kombinationsmitteln, etwa gegen Erkältungen oder Kopfschmerzen, beeinflussen sich die Wirkstoffe. <nobr>Foto: Getty Images</nobr>

Bei Kombinationsmitteln, etwa gegen Erkältungen oder Kopfschmerzen, beeinflussen sich die Wirkstoffe. Foto: Getty Images

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Die Nase läuft, der Kopf ist schwer, die Arbeit ruft – in dieser Situation greifen viele Menschen zu einem Kombinationspräparat gegen Erkältungen. In einem neuen Expertenbericht der Stiftung Warentest kommen diese Kombipräparate allerdings schlecht weg. Die deutschen Tester untersuchten 2000 frei verkäufliche Arzneimittel. 500 dieser Medikamente landeten in der Kategorie «wenig geeignet», darunter beliebte Kombinationsmittel gegen Erkältungen oder Kopfschmerzen (siehe Tabellen am Textende).

Ein Team von Pharmazeuten und Ärzten unter der Leitung des Pharmazieprofessors Gerd Glaes­ke überprüfte die Medikamente. Dabei sind die Experten strenger als die Zulassungsbehörden. Sie sichteten alle qualitativ hochstehenden Studien, die bisher zu einem Präparat erschienen sind, und nicht nur die Wirksamkeitsstudien, die ein Hersteller vor der Zulassung erstellen muss. Zudem schauten sie sich auch die Nebenwirkungen genauer an.

Einen Teil der Medikamente wie Vicks Medinait oder Aspirin Complex gibt es auch in der Schweiz zu kaufen. Manche heissen einfach anders. Während die deutschen Apotheken ein Kombipräparat als Doppel Spalt verkaufen, wird im Schweizer Handel ein entsprechendes Produkt von einem anderen Hersteller, aber mit denselben Wirkstoffen als Contra Schmerz plus vertrieben. Oder die Halswehtabletten Lemocin kennt man hier als Mebu-Lemon.

In der Schweiz bekommt man zudem Präparate, die sich von den deutschen nur wenig unterscheiden, vielleicht einen Inhaltsstoff mehr haben als das deutsche Pendant. Das deutsche Doregrippin, das auf der Liste der Stiftung Warentest auftaucht, hat zwei Wirkstoffe in Kombination, die auch im schweizerischen Neocitran sind. Allerdings hat Neocitran noch zwei weitere Inhaltsstoffe.

Häufige Nebenwirkungen

Bei den Kombipräparaten listen die Experten mehrere Probleme auf. Die Hersteller mischen in ihnen verschiedene Substanzen zusammen. Bei den Erkältungsmitteln sind das häufig ein Schmerzmittel wie Paracetamol oder Acetylsalicylsäure, ein Präparat zum Abschwellen der Schleimhäute, ein Hustenmittel, ein Schleimlöser und manchmal noch ein Medikament gegen Allergien.

«Das Risiko von uner­wünschten oder toxischen Wirkungen steigt überproportional mit der Anzahl der Wirkstoffe, die man gleichzeitig verwendet», sagt Stefanie Krämer, Professorin am Institut für Pharmazeu­tische Wissenschaft der ETH Zürich. Die Wirkstoffe beeinflussen sich nicht nur gegenseitig, auch das Thema Nebenwirkungen wird akuter.

Wer drei oder vier Wirkstoffe gleichzeitig nimmt, der hat möglicherweise ein Vielfaches an Nebenwirkungen.

«Nebenwirkungen potenzieren sich, wenn man Kombipräparate nimmt», sagt auch der Medizinprofessor Thomas Rosemann, der das Institut für Hausarztmedizin an der Universität Zürich leitet. Wer also drei oder vier Wirkstoffe gleichzeitig nimmt, der hat nicht nur drei- oder viermal so viele Nebenwirkungen, sondern möglicherweise ein Vielfaches. Zudem kann es beim Abbau der Medikamente im Körper zu unerwünschten Reaktionen kommen. Die chemischen Substanzen aus den Arzneien scheiden wir entweder mit dem Urin aus, oder unsere Leber baut sie ab. Gerade in der Leber kann es dabei im ungünstigen Fall zu problematischen Wechselwirkungen kommen.

Ein weiteres Problem sind die unterschiedlichen Halbwertszeiten der Wirkstoffe. «Während das eine gegen die verstopfte Nase vielleicht schon nicht mehr wirkt, hat das andere gegen Husten noch hohe Spiegel im Körper», sagt Krämer. Die Patienten nähmen die zweite Dosis und erreichten dann bei der langsamer abgebauten Substanz toxische Level. Falls man also tatsächlich mehr als einen Wirkstoff brauche, solle man die Medikamente viel besser in genau dosierbaren Einzeldosen nehmen.

«Koffein ist kein Arzneistoff»

Auch kombinierte Schmerzmittel kommen in der Auswertung schlecht weg. Paracetamol und Acetylsalicylsäure zu mischen, sei nicht besser gegen Schmerz, sondern bringe nur die gleichen Probleme wie die anderen Kombinationen. Als wenig geeignet stufen die Tester zudem die Mischungen mit Koffein ein. «Koffein ist kein Arzneistoff», sagt auch Pharmazeutin Krämer. Die Gefahr, dass man zu oft zum Schmerzmittel greife, wenn es auch wach mache, steige. Wer unter Migräne leide und eine lindernde Wirkung durch das Koffein verspüre, der solle besser einen starken Espresso trinken und das Schmerzmittel einzeln nehmen.

Der Apothekerverband Pharmasuisse kommentiert die Auswertung von Stiftung Warentest auf Anfrage so: «Dass nicht alle Präparate für jede Person oder Anwendung sinnvoll sind, ist bekannt.» Aus diesem Grund sei die individuelle Beratung in der Apotheke wichtig.

«Einfach im Bett bleiben»

Während einer Erkältung leidet man selten an allen Symptomen gleichzeitig. Oft läuft zuerst die Nase, der Husten kommt später. Oder der Hals kratzt, während die Nasenschleimhäute noch wenig Probleme machen. Sowieso raten die Experten davon ab, eine verstopfte Nase mit einem systemischen Medikament, also einer Substanz, die im ganzen Körper wirkt, zu behandeln. Pseudoephedrin oder Phenylephrin heissen die Wirkstoffe, die man schluckt, um die Nase abzuschwellen. Sie wirken gefässverengend, und eigentlich handelt es sich dabei um Aufputschmittel, die auch auf Dopinglisten auftauchen.

«Bei grippalen Infekten genügt meist ein Schmerzmittel wie Paracetamol, das zudem fiebersenkend ist, und ein Nasenspray», sagt Hausarzt-Professor Rosemann. Für Husten- und ­Schleimlöser, die den Kombipräparaten auch oftmals beigemischt seien, gäbe es keine medizinische Evidenz. «Besser wirkt eine Nasendusche mit Kochsalzwasser. Und am allerbesten: einfach im Bett bleiben.»

Erstellt: 23.07.2019, 20:30 Uhr

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