Aspirin gegen den Herzinfarkt – Mythos oder Wundermittel?

Um Herzproblemen vorzubeugen, nehmen viele Männer täglich eine Tablette Aspirin. Was taugt die Selbstmedikation?

Der tägliche Griff zum Aspirin ist nicht immer angeraten: Ein Mann nimmt eine Tablette ein. Foto: iStock

Der tägliche Griff zum Aspirin ist nicht immer angeraten: Ein Mann nimmt eine Tablette ein. Foto: iStock

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Wenn gestresste High-Performer langsam in die Jahre kommen, greifen manche von ihnen zum Klassiker aus dem Arzneischrank: Täglich eine Aspirin-Tablette in niedriger Dosis soll verhindern, dass ihr geplagtes Herz schlappmacht. Auch wenn der Arzt nicht ausdrücklich dazu rät, sehen besonders Männer die Pille zwischendurch als probates Mittel zur Vorbeugung.

Ob Aspirin zur Primärprävention – also wenn bisher kein Infarkt, Schlaganfall oder andere Herzkreislaufleiden aufgetreten sind – tatsächlich hilfreich ist, lässt sich allerdings nicht eindeutig sagen, wie eine Analyse im Fachmagazin JAMA zeigt. Der mögliche Schaden ist ähnlich gross wie der mögliche Nutzen.

So zeigen die Kardiologen Sean Zheng vom Imperial College und Alistair Roddick vom King's College in London zwar, dass sich die Wahrscheinlichkeit für Infarkt oder Schlaganfall mithilfe des Blutverdünners etwas senken lässt. Allerdings fällt der Effekt ziemlich gering aus, das Risiko sinkt nur um 0,38 Prozent. Das bedeutet in anderen Worten, dass 265 Erwachsene täglich eine Aspirin-Tablette schlucken müssten, damit bei einem von ihnen ein kardiovaskulärer Zwischenfall verhindert wird. Umgekehrt steigt das Risiko für grössere Blutungen unter Aspirin allerdings um 0,47 Prozent. Das heisst umgerechnet, dass es unter 210 behandelten Patienten zu einer bedrohlicheren Blutung kommt.

«Gegenteilige Empfehlungen»

«Weil die Rolle des Aspirins für die Primärprävention unklar ist, gibt es teilweise sogar gegenteilige Empfehlungen», konstatieren denn auch die Autoren. Während die Europäische Gesellschaft für Kardiologie Herzkreislaufgesunden nicht vorbeugend Aspirin empfiehlt, hält dies die US Preventive Services Taskforce hingegen für angemessen – zumindest im Alter zwischen 50 und 69 Jahren und wenn das kardiovaskuläre Risiko für die kommenden zehn Jahre mehr als zehn Prozent beträgt.

Ermitteln lässt sich die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall oder Infarkt zu bekommen, mithilfe von Berechnungen und Scores, in die diverse Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, familiäre Belastung und erhöhte Blutfettwerte eingehen.

«Hören Patienten auf zu rauchen, und senken ihre Blutfette verringert sich ihr kardiovaskuläres Risiko.»Michael Gaziano, Harvard-Mediziner

Für die Sekundärprävention – also um einen zweiten Infarkt oder Schlaganfall zu verhindern – ist der Nutzen einer täglichen Aspirin hingegen besser belegt. Seit Jahren ist bekannt, dass die durch Aspirin gehemmte Zusammenballung der Blutplättchen einen gefährlichen Gefässverschluss in Herz oder Hirn unwahrscheinlicher macht, wenn solcher bereits einmal aufgetreten ist. Dieser Vorteil überwiegt die potenziellen Nachteile durch Blutungen.

Gleiches gilt für den Fall, dass es akut zu einem Infarkt oder Schlaganfall kommen sollte. Dann kann Aspirin die Folgen lindern und dieser Effekt stellt sich bereits innerhalb weniger Tage ein. In dieser kurzen Zeit sind die möglichen Blutungsrisiken äusserst gering, sodass auch hier der mögliche Nutzen überwiegt.

Fällt die Schaden-Nutzen-Bilanz wie im Fall der Primärprävention durch Aspirin jedoch nicht eindeutig aus, raten Ärzte zur individuellen Abwägung. «Das Risiko ist ja nicht statisch», ruft Harvard-Mediziner Michael Gaziano in einem Kommentar in Erinnerung. «Hören Patienten auf zu rauchen, senken ihre Blutfette und nehmen einen gesünderen Lebensstil an, verringert sich ihr kardiovaskuläres Risiko.»

Zudem können die Risikorechner ein verzerrtes Bild liefern. In Regionen wie Europa und Nordamerika überschätzen sie die Gefahr, weil dort die Rate der Herzkreislaufleiden seit Jahren rückläufig ist. In anderen Teilen der Welt, wo das Risiko steigt und andere Medikamente zu teuer sind, könnte Aspirin jedoch auch wertvoll in der Primärprävention sein.

Erstellt: 25.01.2019, 16:28 Uhr

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