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Fehlerhafte Magen-OPs – Patienten erzählen

Bevor der umstrittene Übergewichtschirurg Ralf Senner an einem Zürcher Spital operierte, arbeitete er in München: Redaktion Tamedia hat mit vier ehemaligen Patienten gesprochen.

Vorbereitungen zur Operation eines Adipositas-Patienten. Symbolfoto: Thelink
Vorbereitungen zur Operation eines Adipositas-Patienten. Symbolfoto: Thelink

Der Übergewichtschirurg Ralf Senner hatte bereits einen zweifelhaften Ruf, bevor er ab 2010 in der Schweiz operierte. In München war er viele Jahre in einer eigenen kleinen Privatklinik tätig. Für Übergewichtschirurgen in Deutschland ist er ein rotes Tuch. Es kursieren zahlreiche Geschichten von Patienten, die wegen Komplikationen nachoperiert werden mussten, und von unvollständigen oder fehlerhaften Eingriffen.

In der Schweiz will man von dieser problematischen Vorgeschichte nichts gewusst haben. Das Spital Männedorf trennte sich erst vergangenen Freitag von Senner, der dort seit 2014 als Belegarzt operierte. Dies aufgrund von einer erneuten «gravierenden Unkorrektheit». Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich hat offenbar auch damit begonnen, eine Untersuchung einzuleiten.

Redaktion Tamedia hat in Deutschland mit insgesamt fünf Chirurgen gesprochen, darunter drei Chefärzte. Zitiert werden wollen die meisten jedoch nicht. Eine Ausnahme ist Thomas Hüttl, Chefarzt an der Chirurgischen Klinik München-Bogenhausen, wo die Ärzte immer wieder Betroffene behandelten. «Bei der Mehrzahl der Patienten, die nach einer Operation bei Ralf Senner zu uns kamen, haben wir gesehen, dass der Eingriff nicht vollständig gemacht wurde», sagt er. «Inwieweit dabei gegen die Sorgfaltspflicht und Gesetze verstossen wurde, können allerdings nur die Gerichte im Einzelfall klären – vorausgesetzt, die Patienten klagen.»

Am Landgericht München wurden Klagen gegen Senner verhandelt. (Foto: ddpimages)
Am Landgericht München wurden Klagen gegen Senner verhandelt. (Foto: ddpimages)

Zu Klagen ist es tatsächlich gekommen. Ein besonders schwerwiegender Fall wurde am Landgericht München I verhandelt. Gemäss dem rechtskräftigen Urteil vom Mai 2014 musste Senner der Klägerin 65'000 Euro Schmerzensgeld bezahlen und die Kosten künftiger Schäden ersetzen. Die junge Frau war gerade mal 23 Jahre alt, als sie im Februar 2011 bei Senner war. Er riet ihr sofort zu einer Magenverkleinerung, obwohl sie mit 1,63 Meter Körpergrösse und einem Gewicht von gut 75 Kilogramm zu wenig schwer für eine solche Operation war. Das Gericht befand, dass Senner seine Patientin zu wenig aufgeklärt habe. Mehr noch: Er hätte «womöglich gar gegen die Operation raten müssen».

«Keine Gurken verkaufen»

Zu den Risiken sagte Ralf Senner laut Urteilsbegründung offenbar nur, dass «er Scheichs operiert habe und es sich nicht leisten könne, Gurken zu verkaufen». Weiter stellte das Gericht fest, dass Senner der jungen Frau keine ausreichende Bedenkzeit gegeben habe. Bei der ersten Konsultation bot er ihr einen Operationstermin drei Tage später an und verlangte eine sofortige Entscheidung. Besonders gravierend waren dann die Komplikationen: Zehn Tage nach der Operation musste die Patientin wegen undichter Nähte am Magen notfallmässig in eine Universitätsklinik eingewiesen werden, wo ihr die Ärzte nach mehreren Operationen schliesslich den Magen komplett entfernten.

Schon beim ersten Gespräch bot er einen OP-Termin drei Tage später an.

Senners Stellungnahme zu dem Fall: «Keine Chirurgie ist letztlich über alles gesehen komplikationsfrei. Ich bedaure die erwähnte Komplikation sehr.» Es gab weitere juristische Verfahren gegen Senner, zu denen er direkt keine Stellung nimmt. Am Landgericht München I sind elf davon mit Vergleichen beendet worden. Gemäss Auskunft der Medienstelle ging das Gericht in den meisten Fällen aufgrund von Gutachten von einer Haftung Senners aus. Bei einem Rechtsstreit am Landgericht München II 2013 wurde der Chirurg zu einer Schmerzensgeldzahlung in der Höhe von 35'000 Euro verurteilt. Aus welchem Grund, teilt das Gericht nicht mit.

Die Sleeve-Resection, auch Schlauchmagen genannt, ist eine gängige Methode. Dabei wird der Magen als Schlauch verkleinert. Danach ist das Essen nur noch in kleinen Portionen möglich (ca. 100 ml). (Quelle: Youtube/ fjschum)

Konkreter sind die Schilderungen von Betroffenen, mit denenRedaktion Tamedia gesprochen hat. Senner hat sich zu diesen Vorwürfen nicht geäussert.

Klaus B.* hatte alle möglichen Abnehmprogramme und Diäten ausprobiert, bevor er 2008 zu Senner kam. «Vereinbart war, dass er einen Schlauchmagen macht», sagt er. Nach der Operation nahm Klaus B. vorübergehend deutlich ab, doch schon bald wog er mit 156 Kilogramm die Hälfte mehr als vor dem Eingriff. 2015 liess er sich an einer anderen Klinik in München nochmals operieren. «Es stellte sich heraus, dass mir Senner keinen Schlauchmagen gemacht, sondern nur einen kleinen Teil des Magens weggeschnitten hat.» Klaus B. geht nun rechtlich gegen den Arzt vor.

Sandra R.* war 2011 bei Senner. «Er war sehr nett, wirkte professionell», erzählt sie. Sie hatte einen hohen Body-Mass-Index (BMI) von über 40, und man einigte sich auf eine Magenverkleinerung für 13'500 Euro. Den Operationstermin hatte sie bereits drei Wochen später, allerdings nicht in München, sondern in der Schweiz, an der Klinik Seeschau in Kreuzlingen. Dorthin wurde sie zusammen mit zwei anderen Patienten von einem Senner-Mitarbeiter im Privatauto gefahren. Nach der Operation verlor Sandra R. allerdings kaum Gewicht.

Beim Magenbypass wird der Magen am Eingang verkleinert, eine lange Dünndarmschlinge wird angeschlossen. Dadurch kann man nur noch kleine Portionen zu sich nehmen (ca. 10-15 ml). (Quelle: Youtube/ fjschum)

2015 liess sie sich bei einem anderen Arzt nochmals operieren. Dabei stellte sich heraus, dass sie gar keinen Schlauchmagen bekommen hatte. «Senner hatte den Magen einfach in der Mitte stark ­eingeschnürt, sodass nur noch wenig durchging», sagt sie. «Dadurch war ich beim Essen schnell satt, hatte aber auch bald wieder Hunger, sobald die Mahlzeit in die untere Magenhälfte gerutscht war.» Zudem gab es bei Senner keinerlei Nachbetreuung, auch keine der üblichen Tabletten gegen Sodbrennen. «Ich war auf mich allein gestellt», erzählt Sandra R. Sie überlegt sich rechtliche Schritte.

Pflegefachfrau Rahel S.* war 23 Jahre jung, als sie sich vor gut zehn Jahren von Senner operieren liess. «Seine Privatklinik war merkwürdig. Es hatte ganz alte Krankenbetten, die zu klein für Hoch­gewichtige waren. Überall waren Teppiche, auch in den Krankenzimmern, was aus hygienischen Gründen gar nicht geht. Erinnern kann ich mich auch noch an den Schrank im Zimmer – das gleiche billige Ikea-Möbel für 55 Euro, das ich auch zu Hause hatte», erzählt sie. Die Operation kostete 10'000 Euro, die auch sie vorab bezahlen musste. Doch Senner hätte offenbar gerne noch etwas mehr verdient. Noch im Aufwachraum war das Erste, was er nach der Operation zu Rahel S. gesagt haben soll: Sie habe einen «ausgelatschten Riesenmagen» gehabt, und er müsse ihr deshalb zusätzlich 3000 Euro verrechnen. «Ich hatte das Geld nicht und weigerte mich zum Glück. Senner wurde aber sauer.»

«Senner spielt stark damit, dass Adipositas-Patienten oft ein sehr tiefes Selbstwertgefühl haben und dankbar sind, wenn ihnen geholfen wird.»

Rahel S. erhielt ebenfalls keine Nachsorge. «Ich habe schnell abgenommen, hatte nach dem Essen aber oft Kreislaufzusammenbrüche und kippte einfach um», erzählt sie. «Ich habe mir gedacht, das sei normal.» Erst später suchte sie einen Arzt auf, der eine Infektion feststellte. Dank Antibiotika ging es ihr schnell besser. Doch sie nahm nicht mehr ab und blieb auf ihren 110 Kilogramm. «Ich dachte, dass ich selber schuld sei, und fühlte mich als Versagerin», sagt Rahel S. Sie ist überzeugt: «Senner spielt stark damit, dass Adipositas-Patienten oft ein sehr tiefes Selbstwertgefühl haben und dankbar sind, wenn ihnen geholfen wird.» 2016 liess sich Rahel S. nochmals operieren. «Dabei stellte sich heraus, dass ich gar keinen richtigen Schlauchmagen, sondern nur so eine Art Trichtermagen erhalten hatte», erzählt sie. «Am Mageneingang hat es viele Gefässe, was die Operation nicht ungefährlich macht – offenbar war es Senner zu riskant, weshalb er nur im unteren Teil operiert hat.»

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Die Operationen gegen Adipositas - Chancen und Risiken, eine Übersicht.

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Isabelle K.* wollte auf keinen Fall ein Magenband, sondern einen Schlauchmagen, als sie sich 2007 von Senner operieren liess. So stand es auch im Vertrag, den sie unterschrieb. Und auf dem Weg in den Operationssaal sagte sie nochmals: «Ich will kein Magenband.» Nach dem Eingriff hatte sie dennoch ein Magenband. Sie sei zu dick gewesen für einen Schlauchmagen, habe Senner gesagt. K. ist sich jedoch sicher: «Er hat von Anfang an gewusst, dass er mir ein Magenband machen würde.» Sie wirft Senner auch vor, viel zu viel für das Magenband verlangt zu haben: 8000 Euro statt 3000 Euro wie andere Kliniken. «Ich bin erst nach einem Jahr darauf ­gekommen, dass Senner ein Geschäft macht und die Patienten ausnutzt», sagt Isabelle K. «Die Münchner Adipositas-Ärzte kennen Senner alle; die kriegen seine Patienten und sagen dann jeweils ‹Oje›, mehr passiert nicht.»

«So einen Schwachsinn»

Rudolf Weiner, Professor für Chirurgie an der Universität Frankfurt am Main, langjähriger Chefarzt am Krankenhaus Sachsenhausen und heute Chefarzt am Sana Klinikum Offenbach, kennt verschiedene ähnliche Geschichten. Er sagt: «Senner ist für mich eines der drei grössten schwarzen Schafe auf dem Gebiet der Adipositas-Chirurgie in Deutschland.» Zudem sei er nicht besonders geschickt. «Einmal führte Senner mir an einem Symposium vor, wie er am Ende einer Operation die Beatmung des Patienten aussetzte, damit er ohne Atembewegung überhaupt eine Naht zustande brachte», erzählt Weiner. «So einen Schwachsinn habe ich noch nie gehört.» Senner bezeichnet diese Darstellung als «nicht zutreffend».

Live-OP einer an Adipositas erkrankten Person mit dem Roboter «Da Vinci». (Video: Prof. Dr. Ralf Senner)

Chefarzt Hüttl von der Klinik München-Bogenhausen will sich nicht weiter zu Senner äussern. Was jedoch grundsätzlich nicht gehe, sei eine fehlende Nachsorge. «Das ist in den Leitlinien der Fachverbände festgeschrieben und verpflichtend», sagt er. Standard seien vier bis fünf Konsultationen mit Ernährungstests im ersten Jahr, danach ein bis zwei pro Jahr, je nach Verlauf. Nicht zulässig sei auch, Pauschalbeträge für eine Operation zu verlangen: «Es gibt eine Gebührenordnung, an die man sich als Arzt auch bei Selbstzahlern halten muss.»

Von offizieller Stelle ist hingegen in Deutschland nicht viel über Senner zu erfahren. Beim Ärztlichen Kreis- und Bezirksverband München, zu dessen Aufgabe es gehört, dafür Sorge zu tragen, «dass Ärztinnen und Ärzte ihre Berufspflichten erfüllen» (Website), heisst es auf Anfrage: «Da darf ich Ihnen gar nichts dazu sagen.» Und bei der Bayerischen Landesärztekammer BAEK ist lediglich zu erfahren, dass Senner 1994 in Bayern eine normale Approbation erhalten hat und im Juni 2013 seinen Abgang in die Schweiz meldete.

*Namen geändert

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