Ausschlafen? Lieber nicht

Wer sein Schlafdefizit nachholen will, tut seinem Körper keinen Gefallen. Denn unregelmässige Schlafzeiten bedeuten vor allem Stress.

Ausreichend Schlaf ist wichtig: Ein Jojo-Spiel mit Rhythmen sollte vermieden werden. Foto: Paul von Stroheim (imago)

Ausreichend Schlaf ist wichtig: Ein Jojo-Spiel mit Rhythmen sollte vermieden werden. Foto: Paul von Stroheim (imago)

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Wer auf dezente Weise andeuten will, wie viel er zu leisten vermag, breitet längst nicht mehr das Karrieristen-Kleeblatt «Mein Haus, mein Auto, mein Boot» aus. Das wäre zu plump. Subtiler und beeindruckender ist es, nebenbei zu erwähnen, mit wie wenig Schlaf man auskommt. «Mir genügen viereinhalb Stunden», wäre eine solche Bemerkung. Alternativ reicht es, Mails nachts um 1.30 Uhr zu versenden und dann wieder um 5.30 Uhr, um mal eben mitzuteilen, dass der Morgenlauf schön war.

Mit wenig Schlaf auszukommen, gilt als Leistungsnachweis der Erfolgreichen. Sogar Angela Merkel liess einst wissen, dass sie Schlaf auf Vorrat speichern könne wie Kamele Wasser.

Aus medizinischer Sicht ist es allerdings Unfug, sich diesem Wachheits-Wettbewerb auszusetzen. Im Schlaf erholt sich der Körper, festigt sich das Gedächtnis, findet der Stoffwechsel seine Balance. «Wer zu wenig schläft, wird dick, dumm und krank», so die Kurzfassung des Regensburger Schlafforschers Jürgen Zulley für die Vorgänge, die bei ungenügender Nachtruhe beeinträchtigt werden: Zellen nehmen schlechter Zucker auf, Fett lagert sich an und das Erinnerungsvermögen leidet.

Um diese Defizite auszugleichen, reicht auch ein Wochenende nicht aus, an dem man ausschlafen kann, wie Forscher der University of Colorado im Fachblatt Current Biology berichten.

«Ausreichend Schlaf, und das regelmässig, ist ziemlich wichtig.»Michael Twery, Schlafforscher

Das Team um den Physiologen Christopher Depner hatte Erwachsene in verschiedene Gruppen eingeteilt. Jene Freiwilligen, die an fünf Tagen unter der Woche nach maximal fünf Stunden Schlaf geweckt wurden, konnten zwar an beiden Tagen des Wochenendes ausschlafen. Dies half gegen die unter der Woche angesammelte Müdigkeit, reichte aber nicht, um die metabolischen Defizite aufgrund des Schlafmangels auszugleichen. Der Insulinstoffwechsel blieb beeinträchtigt, was auf eine erhöhte Neigung zu Diabetes hinweist. Auch der Hang zu Übergewicht durch späte Snacks und eine gestörte Energiebilanz blieb bestehen.

«Das übliche Verhalten, die Kerze unter der Woche abzubrennen und am Wochenende alles aufholen zu wollen, ist nicht gerade gesund», sagt Kenneth Wright, der Leiter der Arbeitsgruppe in Boulder. «Es kann sogar sein, dass dieses ständige Jojo-Spiel mit unseren Rhythmen – wir ändern kurzfristig die Zeit, zu der wir essen und schlafen, und gehen dann wieder in die Phase des Schlafmangels zurück – schädlicher ist, als wir bisher dachten.»

Chronisch Versäumtes lässt sich nicht über Nacht wieder aufholen.

Für eine kurze Nacht oder zwei mag ein ausgeschlafenes Wochenende zwar die richtige Therapie sein. Wer dauerhaft zu wenig schläft, holt dadurch aber nicht genügend wieder auf. «Ausreichend Schlaf, und das regelmässig, ist ziemlich wichtig», sagt Schlafforscher Michael Twery von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA. «Ändern wir dauernd unsere Schlafgewohnheiten, ist das hingegen wie chronischer Stress und geht mit Störungen des Stoffwechsels einher.»

Der Mensch mag sich für vieles eine Notration für schlechte Zeiten anlegen können. Gesund schlafen lässt sich aber weder auf Vorrat – noch lässt sich chronisch Versäumtes über Nacht wieder aufholen.

Erstellt: 16.09.2019, 08:08 Uhr

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