Beim Barte des Verehrten

Mediziner liefern skurrile Erkenntnisse über das Gesichtshaar der Männer. Und was sagen die Frauen?

Bartpflege: Die Haare bieten mehr Platz für Mikroben als glattrasierte Wangen. Männer sollten ihren Bart deshalb täglich waschen und kämmen. Foto: Getty Images/iStockphoto

Bartpflege: Die Haare bieten mehr Platz für Mikroben als glattrasierte Wangen. Männer sollten ihren Bart deshalb täglich waschen und kämmen. Foto: Getty Images/iStockphoto

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Forscher, die wissen wollen, warum Männern Haare im Gesicht wachsen oder ob Frauen Bartträger attraktiv finden, kommen oft zu widersprüchlichen Ergebnissen. Es lohnt sich, die haarige Angelegenheit genauer zu betrachten.

Mögen Frauen Bärte?

Das ist nicht eindeutig. Klar ist, dass Frauen, die sich vor Parasiten wie Läusen, Zecken und Ähnlichem ekeln, Bärte bei Männern nicht sonderlich anziehend finden. Überraschenderweise schätzen aber Frauen, die sich sehr stark vor den kleinen Krabblern gruseln, dann doch Bartträger als attraktiv ein. Zu dieser Erkenntnis kam kürzlich ein Team um Barnaby Dixson von der University of Queensland in Brisbane, das seine Ergebnisse im Journal «Royal Society Open Science» veröffentlichte. Die Psychologen sehen den Grund für die unterschiedlichen Reaktionen der Frauen in der Evolution.

Männer mit ausgeprägter Barttracht könnten eine strotzende Gesundheit verkörpern, nach dem Motto: «Seht her, ihr Frauen, ich habe ein so tolles Immunsystem, dass ich mir sogar ein potenzielles Tummelfeld für Parasiten im Gesicht leisten kann.» Diese These ist aber bisher nur eine Deutungsmöglichkeit. Dafür bräuchte es noch weitere Untersuchungen, schreibt das Team um Dixson.

Was wächst im Gesichtshaar?

Alles Mögliche. Dabei geht es in der Regel nicht mehr um krabbelnde Bartbewohner. Vor allem Mediziner wollen wissen, was im Ökosystem Gesichtshaar lebt. Im Bart seien mehr Mikroben zu Hause als im Hundefell, kamen vor zwei Jahren Schweizer Ärzte zum Schluss. Christina Orasch von der Klinik St.Anna in Luzern und Kollegen untersuchten, ob es unhygienisch sei, Hunde im Spital in denselben Tomografen zu schieben wie Menschen. Die mikrobiologische Analyse überraschte: In den Gesichtshaaren der 18 männlichen Teilnehmer tummelten sich im Vergleich zu den Fellproben der 30 Vierbeiner deutlich mehr Mikroorganismen, darunter Krankheitserreger.

Ein Grund zur Sorge ist das nicht. Eine andere Studie mit über 400 männlichen Spitalangestellten hatte einige Jahre zuvor gezeigt, dass in Bärten weniger potenziell gefährliche Staphylokokken und antibiotikaresistente Bakterien hausten als auf den glattrasierten Gesichtern der Kollegen. Beide Gruppen, egal, ob mit oder ohne Bart, hätten zahlreiche Bakterien freigesetzt. Die herkömm­lichen Massnahmen, etwa bei Operationen einen Gesichtsschutz zu tragen, seien aber ausreichend, um Patienten zu schützen, so das Fazit der Forscher.

Generell bieten Bärte jedoch einfach dadurch, dass die Haare eine grössere Oberfläche bilden als glattrasierte Wangen, mehr Platz für Mikroben. «Zudem wirken sie als Staubfänger», sagt Pierre deViragh, Konsiliararzt Haarsprechstunde am Universitätsspital Bern. Man könne aber nicht grundsätzlich sagen, dass ein Bart weniger hygienisch sei. Es kommt auf die Pflege an, und dazu gehört zum Beispiel, den Bart täglich unter der Dusche zu waschen.

Wie wachsen Bärte?

Es sind die Geschlechtshormone, die ab der Pubertät bei Männern das weiche, farblose Vellushaar im Gesicht in das dickere, gefärbte Terminalhaar umwandeln. Unklar ist, warum manchmal das Haar unten am Kinn üppig gedeiht, aber oben am Kopf ausfällt, denn die molekularen Prozesse sind in allen Haarzellen sehr ähnlich.

Was signalisieren Bärte?

Das Team um den Psychologen Dixson ist vor einigen Jahren auf das «maskuline Paradox» gestossen. Während nämlich männliche Gesichtszüge – also eine ausgeprägte Augenbrauenpartie und ein kantiges Kinn – eine gute Gesundheit symbolisieren, stehen Bärte für das höhere Alter eines Mannes und eine Dominanz gegenüber Geschlechtsgenossen, schrieb Dixson in der Zeitschrift «Journal of Evolutionary Biology».

Die Studie zeigte zudem, dass Frauen in Bartträgern eher Langzeitpartner sehen. Es waren nämlich die Mütter, die im Vergleich zu Frauen ohne Kinder die Männer mit Gesichtsbehaarung attraktiver fanden. Insgesamt am besten schnitten bei den weiblichen Testpersonen aber die Träger von Dreitagebärten ab. Sie wurden allerdings von den Frauen als Kurzzeitpartner bewertet.

Auffällig war in anderen Studien zudem, dass Bartträger dann von Frauen bevorzugt werden, wenn Männer auf dem «Heiratsmarkt» in der Überzahl sind. Wenn es also eine Konkurrenz zwischen potenziellen Verehrern gibt, könnte ein Bart ausschlaggebend sein.

Und das Fazit?

Ein Tipp für die Männer: Ein Vorteil der Gesichtshaare ist, sie nach Belieben stutzen, wachsen lassen oder vollständig entfernen zu können. So kann man im Selbstversuch die eigene Attraktivität testen. Ein Tipp für die Frauen: Genau hinschauen. Männer können mit Bärten elegant ihre Gesichtsform verstecken. Vielleicht verbirgt sich hinter manch einem Bewuchs gar kein maskulines Kinn.



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Erstellt: 02.02.2020, 19:43 Uhr

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