Die vielen Masernfälle helfen den Impfgegnern

Seit Jahresbeginn sind in der Schweiz 114 Masernerkrankungen gemeldet worden. Impfgegner lassen sich davon nicht von beeindrucken. Im Gegenteil.

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Parkinson, Alzheimer, multiple Sklerose, Schielen, Durchfall, Autismus, Bronchitis, Asthma, Hautausschläge. Und ja, Leukämie auch. Leukämie.

Dr. med. Alexander Ilg, geb. 1949, Abschluss des Medizinstudiums 1976, Assistenzarzt bis 1983, ab 1984 mit eigener Praxis. Dieser Dr. med. Alexander Ilg steht im Säli des Wirtshauses Löwen in Wolfertswil, Kanton St. Gallen, und liest den tödlichsten Beipackzettel der Geschichte vor.

Die Menschen am gut besuchten öffentlichen Vortrag des Impfkritikers sind in jenem Alter, in dem Schweizerinnen und Schweizer Kinder bekommen und dann aufs Land ziehen (falls sie nicht schon da sind). Sie trinken stilles Wasser, Rivella, Cola, seltener Most oder Bier, und sie machen sich Notizen.

Sie schreiben auf: Kinderkrankheiten sind Rucksäcke, die man abtragen muss. Krankheiten sind kein Defekt, sondern eine Leistung des Körpers. Impfungen sind Aluminium beigemischt. Aluminium löst Alzheimer aus und Parkinson (um das zu demonstrieren, macht Ilg im Säli des Löwen ein paar Parkinson-Schritte wie früher Mohammed Ali). Sie schreiben weiter auf: Jede überstandene Krankheit stärkt das Selbstbewusstsein des Körpers. Und eben, Leukämie. «Es würde mich wundern, was mit Leukämie passieren würde, wenn man die Kinder nicht mehr impfen würde», sagt Ilg, und im Löwen ist so gut wie jedem klar, was dann passieren würde. Leukämie endlich besiegt.

«Massive Propaganda»

Im Verlauf des zweistündigen Vortrags, zu dem die Ostschweizer Frauen- und Müttergruppe «Natürlich Gsund» vergangenen Donnerstag geladen hat, kommt die Rede auch auf die Masern. «Es wird jetzt wieder massiv Propaganda wegen der Masern gemacht», beginnt eine junge Frau. Niemand rede gerne darüber, sagt Ilg, dabei könne die Impfung sogar schlimmer als die Krankheit sein. Wiederkehrende Bronchitis, Asthma, Hautausschläge. Er habe das alles schon gesehen nach Masernimpfungen. «Die Komplikationen, die man verhindern will, ruft man hervor.»

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Seit Jahren tingelt Alexander Ilg für solche Vorträge durch die Schweiz. Dass seine und die Argumente seiner Gesinnungsgenossen auf einen fruchtbaren Boden fallen, lässt sich an den aktuellen Mitteilungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) ablesen. 114 Masernerkrankungen wurden seit Anfang Jahr gemeldet. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 15 gewesen. Das sind wegen der höheren Durchimpfrate zwar deutlich weniger als vor zehn Jahren, als hunderte Patienten erkrankt waren, aber für die Behörden ist «jeder Fall einer zu viel, weil wir ihn verhindern könnten», sagt Mark Witschi, der beim BAG die Sektion Impfempfehlungen leitet. Demnach können Masern in einem von 1000 Fällen zu einer Hirnentzündung führen, in 10 bis 60 von 1000 Fällen zu einer Lungenentzündung. Die Sterblichkeit beträgt in Industrieländern 1 bis 3 auf 10'000 Erkrankte, in Entwicklungsländern zwischen 300 und 500. Dazu kommen Spätfolgen wie die tödliche Gehirnentzündung SSPE.

Solche Zahlen sind es, die die Menschen in Wolfertswil «Propaganda» nennen. Stimmungsmache der Pharmaabhängigen und Mächtigen in Bern.

Verschwörungsideen und reelle Ängste

Der Widerstand ist so alt wie die Impfung selbst: Bereits vor über zweihundert Jahren, als ein britischer Landarzt erstmals erfolgreich Kinder gegen Pocken immunisierte, bekämpften Eltern den medizinischen Eingriff in den Körper ihrer Kinder vehement. Und vor hundert Jahren gab es in der Deutschschweiz gar grosse impfgegnerische Vereine. Ein «spezielles Verständnis von Natürlichkeit» sei auch heute noch ein zentrales Motiv der Impfkritiker, sagt Eberhard Wolff, Kulturwissenschaftler und Medizinhistoriker an den Universitäten Basel und Zürich. «Sie wollen keine fremde Substanz in ihrem Körper haben und schätzen das Risiko der Impfung grösser ein als jenes der Erkrankung.» Masern sähen sie als notwendigen Entwicklungsprozess des Kindes. Daneben habe stets auch der aktuelle Zeitgeist eine Rolle gespielt, sagt Wolff, der zur Geschichte der Impfgegnerschaft geforscht hat.

Heute widerspiegelt sich das etwa in den Ressentiments gegen die Pharmabranche. Sie finanziere die Impfkampagnen, bezahle die Ärzte, unterwandere die Behörden, heisst es bei den Impfkritikern. Dabei stehen Verschwörungsideen neben reellen Ängsten besorgter Eltern, sagt Wolff. Nach der Erfindung der Impfung sei eher die ländliche Bevölkerung skeptisch gewesen, heute sei die Kritik mehr in einem spezifischen kulturellen Milieu verbreitet: naturverbundene Familien, situiert im oberen Mittelstand, die Naturheilern mehr vertrauten als der Schulmedizin.

«Ein Luxusproblem»

Das Thema entzweit Gegner und Befürworter seit Jahrhunderten, weil dabei Grundsatzfragen verhandelt werden: Wie viel Pluralität lässt unser Gesundheitssystem zu? Gibt es Grenzen der Bestimmung über den eigenen Körper? «Impfungen haben neben den medizinischen auch gesellschaftliche Nebenwirkungen», sagt Wolff. Um sie zu verstehen, sei es wichtig, die jeweils andere Logik differenziert zu betrachten.

Christoph Berger versucht das. Der Arzt am Zürcher Universitäts-Kinderspital (Kispi) ist für die Impfgegner eine Reizfigur: Als Präsident der eidgenössischen Kommission für Impffragen berät er den Bund bei den Impfempfehlungen. Berger kennt die Bedenken. In seinem Büro am Kispi wechselt er zwischen Computer, Sitzungstisch und Ordnerablage, um seine Aussagen zu illustrieren. Denn Berger mag Grafiken, Tabellen, Zahlen und grundsätzlich alle quantifizierbaren Fakten, die es zum Thema gibt.

Finnland hat die Masern ausgerottet, in der Schweiz sind nur die Hälfte der 35-Jährigen, aber 19 von 20 der 16-Jährigen zweimal dagegen geimpft, jeder fünfte Masernpatient muss hospitalisiert werden und so weiter.

Doch all das, sagt Berger und lehnt sich in seinem Stuhl zurück, nütze nichts in einem Gespräch mit impfskeptischen Eltern. «In einer solchen Diskussion kommt man weder mit Studien noch mit Emotionen weiter.»

Regionen mit impfkritischer Haltung

Der oberste Impfer der Schweiz versucht stattdessen, die Grundsatzfragen individueller zu stellen: «Warum machen Sie sich Sorgen? Was wissen Sie über die Risiken der Masernimpfung im Vergleich zur Erkrankung?» Ziel müsse es sein, dass sich jeder eigene Gedanken dazu mache, abwäge und entscheide statt unreflektiert Gruppentheorien zu folgen, sagt Berger. Die Impfzweifel bewegten sich manchmal an der Grenze zum rational Erklärbaren. «Sie sind letztlich ein Luxusproblem in einer Wohlstandsgesellschaft.»

Der Widerstand lässt sich auch geografisch verorten: In der Innerschweiz und im Appenzellerland ist die Impfrate gemäss Zahlen des BAG vergleichsweise tiefer. Das ist kein Zufall: In diesen Regionen häufen sich Skeptiker und Naturheilpraktiker, die eine impfkritische Haltung haben. Den dezidierten Gegnern ermöglicht die aktuelle Masernwelle nun die Mobilisierung. Denn Ärzte und Behörden halten Ungeimpfte nach Masernkontakten zur Impfung an oder schliessen sie von Schule und Arbeitsplatz aus – das provoziert Unmut und begünstigt alternative Ideen, wie Berger sagt. «Die hohen Durchimpfraten zeigen aber, dass nur wenige auf diese Ideen ansprechen. Die meisten Leute wollen sicher keine Masern.»

Aufgeschrieben sind solche Ideen etwa im «Impfleitfaden» von Alexander Ilg, zu beziehen am Vortragsbücherstand in Wolfertswil. Darin wiederholt Ilg seine «Beobachtungen» der schädlichen Impffolgen. Auf den hinteren Seiten beantwortet er häufige Fragen. Auf jene, ob es «alternative» Impfungen gebe, heisst es: «Die wirksamste Alternative ist ein gesundes Immunsystem.» Und ganz sicher keine Spritze.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.04.2019, 10:04 Uhr

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