Brücken, die nur ein Roboter baut

Kaspar holt Autisten aus der Isolation. Das gelingt der Maschine, indem sie menschliche Gesichtsausdrücke imitiert, auf Berührungen reagiert oder auch mal «Autsch!» sagt.

Autistische Kinder lernen mit dem Roboter Kaspar (l.) soziale Fähigkeiten wie Imitation. Foto: Alastair Grant (AP)

Autistische Kinder lernen mit dem Roboter Kaspar (l.) soziale Fähigkeiten wie Imitation. Foto: Alastair Grant (AP)

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Andrea Bonarini erzählt wundersame Geschichten von Robotern und von Kindern. Von Kindern, die an Autismus leiden. Sie ziehen sich in ihre eigene Welt zurück, vermeiden soziale Beziehungen, erwidern Blicke nicht, sprechen kaum, erkennen keine Gefühle. Intensive emotionale Reaktionen überfordern sie. So weit, so bekannt.

So auch das Mädchen, das sich in einer italienischen Therapiegruppe mit Gleichaltrigen immer isoliert hat, wie der Ingenieur versichert. Kein Wort, keine Reaktion, nichts. Dann begann das Mädchen in einem Forschungsprojekt des Politecnico in Mailand mit Nao zu spielen. Nao ist ein Roboter, gut einen halben Meter hoch, knuddelig weich, mit einem freundlichen Gesicht wie aus einem Cartoon. Ein IT-Kumpel. Plötzlich, bei der nächsten Gruppensitzung, sprudelte es aus dem Mädchen raus: Sie konnte es kaum erwarten, den anderen zu erzählen, was man alles mit Nao machen kann. «Sie hat sogar so etwas wie die Führung in der Gruppe übernommen», erzählt der Roboterspezialist weiter. Als ob Nao sie aus der vollständigen inneren Isolation befreit hätte.

Für Bonarini sind derlei Fälle «fast unglaublich», wie er findet, «aber wir haben in 15 Monaten unseres Roboterprojekets schon einige davon erlebt». Und nicht nur er: Weltweit erkunden Dutzende Forschergruppen das Feld der sozialen Robotik in der Therapie autistischer Kinder. Die Jungen und Mädchen gelten als ideal, um den Nutzen der potenziellen therapeutischen Helfer zu beleuchten, weil sie Technik so anziehend finden wie sozialen Umgang befremdlich. Kerstin Dautenhahn, Spezialistin für künstliche Intelligenz in Diensten der britischen University of Hertford­shire, hält die Robotherapie langsam sogar «reif für den Routineeinsatz für autistische Kinder». Dies mit Blick auf etliche Studien, die inzwischen vorlägen.

Menschliche Züge

Roboter sind bereits unverzichtbar in vielen Bereichen der Medizin. Sie operieren beispielsweise. Sie unterstützen die Rehabilitation von Schlaganfallpatienten, die mühsam verloren gegangenen Fähigkeiten wie das Gehen neu lernen müssen. Sie werden – neuerdings auch in der Schweiz – in Altersheimen eingesetzt, um in der Pflege von Demenzkranken zu helfen. In diesem Sinne sollen sie etwa im Alterszentrum in Effretikon die Patienten beruhigen und stimulieren und mit ihnen kommunizieren.

Was sie in anderen Gebieten wie der Autismustherapie bewirken könnten, ist noch nicht ganz klar. Das liegt zum einen daran, dass es unterschiedliche Formen des Autismus gibt, mit variablen Symptomen. Das liegt zum anderen auch daran, dass die Maschinen laufend verbessert und neu geprüft werden. So auch Kaspar, jener Roboter, mit dem Kerstin Dautenhahn seit etwa zehn Jahren arbeitet. Anders als sein maschineller Kollege Nao hat er das halbwegs echt wirkende Gesicht eines Jungen. Mittlerweile kann Kaspar lächeln, blinzeln, Kopf und Arme bewegen, Trommel spielen. Er kann basale menschliche Gesichtsausdrücke imitieren, gestikulieren und verschiedene Körperhaltungen einnehmen. Er hat jetzt sogar eine Art Haut, die auf Berührung reagiert – dank einer Sensorik, die in seinem Körper verstaut ist. Und ein wenig sprechen kann er auch. Äusserungen wie «Das kitzelt» oder «Autsch!».

Die Hoffnung ist, dass die Kinder das mit Robotern einmal Erlernte auf das menschliche Sozialleben übertragen.

«Er hat genau so viel Wahrnehmung und Ausdruck, dass es die autistischen Kinder nicht überfordert», sagt Kerstin Dautenhahn, «er reagiert vorhersehbar und verlässlich.» Und kann leicht in Schulen oder zu Hause benutzt werden, ohne zusätzliche Ausrüstung. In Untersuchungen mit inzwischen über 200 Mädchen und Jungen habe sich gezeigt, «dass sie sich entspannen und mit Kaspar spielen». Spiele, in denen grundlegende soziale Fertigkeiten geübt werden.

Es geht nicht nur darum, dass die Kinder einen maschinellen Spielpartner haben. Es geht darum, dass sie soziale Fähigkeiten wie Imitation lernen oder Aufmerksamkeit mit einem anderen Menschen teilen. «Kaspar soll die Kinder dazu ermutigen, etwas zu machen, was sie sonst nicht tun», sagt Dautenhahn. Und die ultimative Hoffnung: Dass die Mädchen und Jungen das einmal Erlernte auf das menschliche Sozialleben übertragen. Dem könnte so sein, so das Ergebnis einer Studie der US-Forscher Maja Mataric und Brian Scasselati. Sie haben die einschlägigen vorliegenden Studien mit vielen Hundert Kindern ­darauf überprüft. Ergebnis: Mehrfach wurde zum Beispiel berichtet, dass die Kinder erst auf den Roboter, dann auf ihre Eltern und zurück schauen. Oder einem anderen Kind oder Erwachsenen mit dem Finger anzeigen, was der Roboter gerade macht. Sie teilen also Aufmerksamkeit.

Kein Ersatz für Therapeuten

Dennoch sagt Kerstin Dautenhahn, «dass noch die eine grosse, langjährige Studie fehlt, die einen klaren medizinischen Nutzen zeigt». Dafür mangelte es bislang weltweit an Geld. Und jede Interaktion Kind - Roboter müsse auf das Individuum zugeschnitten werden: «Was für ein autistisches Kind nützlich sein kann, ist es für ein anderes nicht.» Dann unterstreicht sie leidenschaftlich, wie sehr ein Roboter diesen Mädchen und Jungen den betroffenen Familien auf anderen Ebenen als der medizinischen helfen könne. Das habe sie immer wieder in den Studien mit über 200 Kindern gesehen. In den Familien würde Kaspar beispielsweise erst ein Spiel ermöglichen, was zuvor unmöglich gewesen sei. «Das ist wichtig für das emotionale Wohlbefinden der Familie, für Zuneigung und Bindung», sagt die Roboterspezialistin, «ein riesiger Schritt.»

Offene Fragen

Andrea Bonarini stimmt zu – und betont, «dass der Roboter den Therapeuten nicht ersetzen soll und kann». Im Gegenteil: Sein Therapieroboter Nao wird per Joystick vom Therapeuten gesteuert. Offene Fragen bleiben dennoch. Beispielsweise braucht eine nachhaltige Änderung von Verhalten Zeit. Werden Roboter in der Lage sein, das Interesse eines Kindes für länger zu halten? Mit dieser Herausforderung verbunden: die Roboter so intelligent weiterzuentwickeln, dass sie einem, mit der Therapie wachsenden kognitiven, emotionalen und sozialen Repertoire der Kinder standhalten. Dass der Roboter also die Reaktionen der Kinder stets richtig deutet.

Eines allerdings steht fest: Der Bedarf an Therapie steigt. Die Zahl der autistisch veranlagten Kinder und Jugendlichen wird europaweit auf fünf Millionen geschätzt. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist eine Zunahme um 70 Prozent zu verzeichnen.

Erstellt: 01.12.2015, 20:29 Uhr

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