Chemotherapie ist oftmals unnötig

Für viele Patientinnen wäre bei Brustkrebs eine Hormontherapie besser, zeigt eine neue US-Studie.

In der Schweiz erkranken rund 5000 bis 6000 Frauen jedes Jahr neu an Brustkrebs. Foto: Keystone

In der Schweiz erkranken rund 5000 bis 6000 Frauen jedes Jahr neu an Brustkrebs. Foto: Keystone

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Längst nicht alle Frauen, die an Brustkrebs erkranken, benötigen nach der Entfernung des Tumorgewebes eine Chemotherapie. Das hat eine grosse Studie bestätigt, die US-Forscher am Sonntag am Treffen der American Society of Clinical Oncology in Chicago vorgestellt haben.

69 Prozent der Patientinnen mit der gängigsten Brustkrebsform können laut der Studie auf eine Chemotherapie verzichten, ohne dass sich der Behandlungserfolg verschlechtert. Sie erhalten nach der Operation eine Antihormontherapie, um den Krebs zu bekämpfen. Im Fachjargon heisst diese gängige Krebsart hormonrezeptorpositiver, HER2-negativer, nodal negativer Brustkrebs. «Nodal negativ» heisst, dass die Lymphknoten nicht befallen sind.

In den USA hat die Studie für Aufregung gesorgt, weil dort fast alle Brustkrebspatientinnen eine Chemotherapie verschrieben bekommen. Anders ist die Situation in der Schweiz. «Unsere Praxis entspricht diesen neuen Empfehlungen schon seit vielen Jahren», sagt Professor Beat Thürlimann, Leiter des Brustzentrums am Kantonsspital St. Gallen.

Bilder – Brustkrebs ist die häufigste Krebsart

In der Schweiz behandeln Onkologen nur ungefähr 25 bis 30 Prozent der Patientinnen mit einer Chemotherapie. Dabei kommt es stark darauf an, an welcher Art von Brustkrebs die Betroffenen leiden. In der Schweiz erkranken rund 5000 bis 6000 Frauen jedes Jahr neu an Brustkrebs. Etwa 75 Prozent dieser Frauen haben einen Tumor, der hormonabhängig ist. Das heisst, der Tumor braucht die weiblichen Geschlechtshormone, um zu wachsen.

Die beste Prognose haben Patientinnen, wenn ihr Tumor früh diagnostiziert wird und er stark hormonabhängig ist. Dann gibt es Tumore, die zwar Hormone fürs Wachstum brauchen, aber auch umschwenken können auf andere Wachstumstreiber wie beispielsweise das HER2-Eiweiss. Bei einem Viertel aller Patientinnen spielen die Hormone keine Rolle, bei ihnen ist das HER2-Eiweiss der Haupttreiber. Sie leiden an «HER2-positivem» Brustkrebs und bekommen sowieso eine Chemotherapie. Viele Frauen fürchten sich vor der Chemotherapie und den Nebenwirkungen. Allerdings haben Studien gezeigt, dass ein Teil der Patientinnen stärker unter den Nebenwirkungen der Hormontherapie, die Menopause-Symptomen ähneln, leiden als unter der Chemotherapie.

Gentest klärt Rückfallrisiko

Um herauszufinden, an welchem Typ eine Frau erkrankt ist, untersucht ein Pathologe nach der Operation das entfernte Tumorgewebe. Seine Arbeit ist entscheidend für den weiteren Behandlungserfolg. Ein Gentest, genannt Oncotype DX, kann dabei helfen, das Rückfallrisiko einzuschätzen. Er kam auch in der neuen US-Studie breitflächig zum Einsatz. Dieser Test, den bei uns die Grundversicherung bei Bedarf zahlt, analysiert das Tumorerbgut und misst die Aktivität von Genen, die für das Tumorwachstum entscheidend sind. So lässt sich voraussagen, wie schnell sich die Krebszellen teilen werden und wie stark sie bei ihrem Wachstum auf die Geschlechtshormone angewiesen sind.


Video – Der Rhein fällt pink

Als Zeichen der Solidarität mit Brustkrebsbetroffenen leuchtete der Rheinfall im Oktober 2017 pink. Video: Tamedia/SDA


Das Resultat des Tests ist ein Score zwischen 1 und 100. Frauen, die auf einen Wert von 1 bis 11 kommen, haben ein äusserst kleines Rückfallrisiko und benötigen sowieso keine Chemotherapie. In der Gruppe von 11 bis 25 haben die Ärzte in der Schweiz, anders als in den USA, bisher von Fall zu Fall zusammen mit der Patientin entschieden, ob eine zusätzliche Chemotherapie Sinn macht. Dabei ist nicht nur die genetische Analyse des Tumorerbguts entscheidend, sondern auch die Grösse des Krebses, wie ausufernd er wächst und ob bereits Lymphknoten in der Achsel befallen sind. Nun kann für alle Patientinnen mit einem Score zwischen 11 und 25 die Empfehlung gelten, dass eine Chemotherapie keinen zusätzlichen Nutzen bringt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2018, 11:33 Uhr

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