Gesundheitsmythen im Check

«Männergrippe» und Wetterfühligkeit: Die Weihnachtsausgabe des «British Medical Journal» widmet sich anderen Forschungsthemen als sonst.

Männer mit Schnupfen leiden übertrieben dramatisch – oder? Ein Forscher hat untersucht, was dran ist am Vorurteil. Foto: Getty

Männer mit Schnupfen leiden übertrieben dramatisch – oder? Ein Forscher hat untersucht, was dran ist am Vorurteil. Foto: Getty

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Jedes Jahr im Dezember zeigt das sonst auf Seriosität bedachte «­British Medical Journal» Humor: In seiner Weihnachtsausgabe präsentiert es Studien mit skurriler oder lustiger Note. Gemäss den Herausgebern können die Forscher für diese Ausgabe alles einreichen – von richtiger Forschung über ein Feature bis zu Kommentaren. Einzige Bedingung: Die Texte oder das behandelte Thema müssen origineller, überraschender oder witziger sein als das, was das Fachjournal sonst veröffentlicht. Trotzdem durchlaufen die Studien den üblichen Peer-Review-Prozess – sie werden also von Fachkollegen beurteilt. Es seien mithin echte wissenschaftliche Arbeiten, betonen die Herausgeber. Eine Auswahl der humorigsten Aufsätze.

Hochmut kommt (nicht)
vor dem Fall

Britische Forscher haben das gemacht, was Wissenschaftler besonders gerne machen: angebliche Volksweisheiten hinterfragen oder gar widerlegen. Kommt Hochmut wirklich vor dem Fall, wie das biblische Sprichwort besagt?, fragte sich das Team der University of Stirling. Und nahm den Spruch dabei wortwörtlich: Die Forscher wollten also herausfinden, ob Hochmut oder Stolz ein Risikofaktor für Stürze im Alter ist – ähnlich wie man dies von Schmerzen, Angst vor dem Hinfallen, Depressionen oder Selbstüberschätzung bereits kennt.

Dazu werteten sie Daten von über 6400 Teilnehmern (älter als 60 Jahre) der English Longitudinal Study of Ageing (Elsa) aus. Die Probanden wurden befragt, wie stolz sie sich in den letzten 30 Tagen gefühlt hatten und wie oft sie in den letzten zwei Jahren gestürzt seien. Die Analyse der Daten zeigte, dass Menschen, die viel Stolz in der Brust tragen, seltener hinfallen als weniger stolze. Dieser Zusammenhang löste sich allerdings auf, als die Forscher auch Faktoren wie die Diagnose von Arthritis oder Osteoporose, Augenprobleme oder den Medikamentengebrauch mit einrechneten. Trotzdem folgern sie, dass Hochmut – entgegen dem Sprichwort – nicht vor dem Fall komme, sondern gar vor Stürzen schützen könne.

Überschätzte Haustiere

Viele glauben, dass ein Haustier ältere Menschen gesünder macht. Der tägliche Spaziergang mit dem Hund, die Sorge um eine Katze oder die Pflege eines Meerschweinchenstalls halte die Menschen fit, habe neben positiven psychologischen Effekten auch einen Einfluss auf die Herzgesundheit und den Stoffwechsel und könne so sogar das Leben verlängern.

Ein Forscherteam des University College London und der Universität Cambridge ist dieser Frage nun bei über 8700 britischen Senioren nachgegangen. Die Gesundheitsdaten dieser Probanden wurden im Rahmen der gross angelegten ­Elsa-Studie (siehe «Hochmut») alle zwei Jahre erfasst und ihr Allgemeinzustand mittels Befragungen evaluiert. Ein Drittel der Versuchspersonen besass ein Haustier: 18 Prozent einen Hund, 12 Prozent eine Katze und 3 Prozent ein anderes Tier.

Bei der Analyse fanden die Forscher keinen Hinweis darauf, dass Haustierbesitzer schneller gehen können, einen besseren Gleichgewichtssinn haben oder dass sie rascher von einem Stuhl aufstehen können. Auch bei Gesundheitsindikatoren wie der Lungenfunktion oder Entzündungsstoffen im Blut fanden sich keine Unterschiede, weder bei Frauen noch bei Männern. Und selbst auf psychologische und kognitive Alterserscheinungen wie Gedächtnisverlust oder Depressionen hatten die Haustiere keinen Einfluss. Die Forscher betonen aber, dass es sich um eine reine Beobachtungsstudie handle, aus der keine direkten Schlüsse gezogen werden können.

Kinder übersetzen Ärztesprache

«Kindermund tut Wahrheit kund»: Dieses geflügelte Wort gilt offenbar nicht nur, wenn einem direkt ins Gesicht gesagt wird, man sei alt, fett und hässlich. Britische Ärzte wollen die direkte, ehrliche und einfache Ansprache von Kindern nun im Dienste der Patienten nutzen. Versuchshalber haben sie daher mit Kindern eine Patientenbroschüre gestaltet, die Menschen vor einer Hüfttransplantation über die Ursachen, die Vorbereitungen zur Behandlung, die Behandlung selber und mögliche Komplikationen informieren soll. Dabei zeigte sich, dass die Broschüre viel verständlicher herauskam, als wenn sie nur von Medizinern formuliert worden wäre. Die Ärzte baten 57 Schulkinder im Alter von 8 bis 10 Jahren um Hilfe und gaben ihnen zuerst eine Lektion über die Hüfttransplantation. Danach forderten sie die Kinder auf, die Informationen in ihren Worten niederzuschreiben und zudem eine Zeichnung dazu anzufertigen.

Das Ergebnis war erstaunlich. Betreffend der Ursachen schrieb zum Beispiel Mohammed «deine Hüfte ist alt und verfault.» Jamie fügte hinzu, dass das Gelenk «sein Verbrauchsdatum überschritten» habe. Auch beim Teil Komplikationen waren die Kinderformulierungen viel direkter als diejenigen der Experten. Maria und Sarah schrieben zum Beispiel: «Sie können sich eine Lungenentzündung, eine Blutverklumpung oder eine Hüftinfektion einfangen.» Auch die Zeichnungen überzeugten die Ärzte: Sie waren informativ, intelligent und zauberten jedem Patienten ein Lächeln aufs Gesicht.

Männergrippe

Normalerweise werfen Frauen den Männer vor, dass sie ihre Gefühle nicht zeigen und sich bei gesundheitlichen Problemen zu lange durchbeissen würden. Nicht so beim Männerschnupfen: Wenn das angeblich starke Geschlecht unter einer Erkältung leidet, ist den Frauen zu viel Drama und Gejammer im Spiel. Der Vorwurf, die Männer würden übertreiben, trifft dabei manche Betroffene härter als die Erkältungssymptome selbst. Zum Beispiel Kyle Sue von der Memorial-­Universität Neufundland: Er bemängelt, dass trotz der Häufigkeit des Männerschnupfens keine einzige wissenschaftliche Übersichtsarbeit dazu existiere.

Er hat deshalb den Forschungsstand gleich selbst analysiert und grosszügig interpretiert. Demnach müssen Männer mit Grippe oder anderen Atemwegserkrankungen häufiger ins Spital, und sie sterben öfter als Frauen. Es gebe zudem Hinweise, dass sie generell mehr an Atemwegsinfektionen erkrankten, weil das männliche Immunsystem weniger robust sei als das weibliche. Der Mediziner betont, dass noch mehr Forschung nötig wäre. Trotzdem findet er: Der Vorwurf, dass Männer bei einer Erkältung übertreiben, sei potenziell ungerecht. «Vielleicht», formuliert er vorsichtig, «ist es jetzt an der Zeit, überall männerfreundliche Bereiche einzurichten.» Ausgestattet mit riesigen Fernsehern und Kippsesseln, würden diese einen geschützten Rahmen bieten, wo sich Betroffene von den verheerenden Auswirkungen ihres Schnupfens erholen könnten.

Wetterfühligkeit und Vollmond

Wetterumschwünge, Föhnlagen und bestimmte Konstellationen der Gestirne sind angeblich für viele Zipperlein und schwere Schicksale verantwortlich. Bei Regenwetter zum Beispiel sollen Menschen häufiger an Gelenk- oder Rückenschmerzen leiden als an sonnigen Tagen. Stimmt das wirklich?, fragte sich ein US-Forscherteam und schritt zum Test. Dazu analysierten die Forscher Daten zu Arztbesuchen von 1,5 Millionen amerikanischen Senioren, die bei der staatlichen Krankenkasse Medicare versichert sind. Klagen die Senioren an Regentagen tatsächlich häufiger über Schmerzen?, fragten sich die Studienautoren. Nein, lautet die klare Antwort. Egal, ob Sonne oder Regen, egal, ob ein Tag oder eine Woche Regen: Bei jeder Wetterlage klagte etwa jeder 16. Patient über Gelenk- oder Rückenschmerzen, allenfalls etwas mehr an sonnigen Tagen – also umgekehrt als vermutet. Aber dieser Unterschied sei statistisch nicht relevant, schreiben die Forscher.

Mit der Wetterfühligkeit von Senioren ist es also nicht so weit her. Aber wie steht es mit dem Vollmond, der ja Menschen schlaflos, risikobereit oder verrückt machen soll? Diesem Phänomen sind Forscher der University of Toronto und der Princeton University nachgegangen. Genauer gesagt haben sie die Statistiken von Motorradunfällen in den USA, Kanada, Grossbritannien und Australien von 1975 bis 2014 angeschaut. Und dabei eine traurige Erkenntnis machen müssen: In den USA sterben demnach bei Vollmond tatsächlich mehr Töfffahrer als in anderen Nächten. Achteinhalb Biker lassen in einer normalen Nacht durchschnittlich ihr Leben, bei Vollmond sind es neun, in einer Nacht mit einem Supermond gar elf. In den anderen Ländern sehen die Statistiken ähnlich aus. Als Grund für die erhöhte Todesrate vermuten die Forscher, dass der Vollmond die Fahrer ablenken könne.

Engländer trinken immer
mehr Wein

Und zum Schluss noch dies: Forscher haben entdeckt, dass die Weingläser in England seit Beginn des 18. Jahrhunderts signifikant grösser geworden sind: von durchschnittlich 66 ml im Jahre 1700 auf heute 449 ml. Dass dies der Grund für den steigenden Weinkonsum auf der Insel sei, wollen die Forscher aber nicht behaupten.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2017, 22:52 Uhr

Aus Spass wird Ernst – und nicht alle finden es lustig

Das «British Medical Journal» (BMJ) gehört zu den renommiertesten Medizinfachzeitschriften und veröffentlicht das ganze Jahr über einflussreiche Forschung. Viele freuen sich, wenn es zur Weihnachtszeit für einmal etwas weniger ernsthaft zugeht und das Journal spassige Studien abdruckt. Doch nicht alle mögen mitlachen. Anfang Woche forderte die Zeitschrift «New Scientist» gar, die Tradition im Zeitalter von Fake-News zu überdenken.

Der Hauptkritikpunkt betrifft die Tatsache, dass nicht alle den humoristischen Charakter der Studien in der BMJ-Weihnachtsausgabe begreifen. Immer wieder geschieht es, dass ­Massenmedien ernsthaft über diese Veröffentlichungen berichten. So hat dieses Jahr «The Guardian» bereits über die oben erwähnte Männerschnupfenstudie berichtet, ohne dass der satirische Zugang erkennbar war.

Gravierender ist gemäss «New Scientist» aber, dass nicht ernst gemeinte BMJ-Studien in wissenschaftliche Datenbanken gelangen und dann zitiert werden, wie jede andere Forschungsarbeit. Sie dienen offenbar sogar als Basis für künftige Forschungsarbeiten. Zum Beispiel eine humoristische BMJ-Studie von 2001: Diese untersuchte, ob Gebete für Patienten, die vor Jahren eine Blutvergiftung erlitten hatten, rückwirkend mit damals besseren Krankheitsverläufen korrelierten. Obwohl diese Untersuchung völlig absurd war, schrieben die Autoren scherzhaft: «Die Intervention ist kosteneffektiv, hat wahrscheinlich keine unerwünschten Nebenwirkungen und sollte für die klinische Praxis in Betracht gezogen werden.»

Wissenschaftler von der Drexel-Universität in Philadelphia (USA) haben nun herausgefunden, dass die Gebets-Studie seither wiederholt von anderen Forschern ernsthaft zitiert wurde. Sie sei ­sogar in einer der renommierten Cochrane-Übersichtsarbeiten aufgeführt, die eigentlich für ihre sorgfältige Analyse bekannt sind. (fes)

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