Darf man Tabletten halbieren?

Wie Schmerzmittel wirken, warum man manche Tabletten «nüchtern» einnehmen soll – und weitere Antworten rund um Medikamente.

Das Ziel: Das Heilmittel muss in die Blutbahn. Foto: Getty Images

Das Ziel: Das Heilmittel muss in die Blutbahn. Foto: Getty Images

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Was steckt in Medikamenten?
Der wichtigste Bestandteil eines Medikaments ist der Wirkstoff. Daneben enthält es diverse Füllstoffe. «Diese machen, dass eine Tablette ihre charakteristische Farbe bekommt, leichter zu schlucken ist oder besser schmeckt», sagt Christine Gitter, die in Regensburg (D) eine Apotheke führte und kürzlich ein unterhaltsames Buch rund um die Einnahme von Medikamenten geschrieben hat (siehe Buchtipp ganz unten). Füllstoffe sind beispielsweise Alkohol, Gelatine aus Schweineschwarte oder Laktose. Für Muslime, Veganer und Menschen mit einer Milchzucker-Unverträglichkeit können diese problematisch sein. «Noch gibt es kein offizielles Label für Medikamente, die auf diese Zutaten verzichten», sagt Christine Gitter. «Betroffene kommen nicht darum herum, in der Apotheke nach Alternativen zu fragen.»

Wie schluckt man eine bittere Pille?
Ein Drittel aller Erwachsenen hat Mühe mit dem Tablettenschlucken, jeder Zehnte verzichtet deshalb auf die Einnahme – so Untersuchungen. Christine Gitter sagt, wie es leicht geht: «Legen Sie die Tablette auf die Zunge, dann saugen Sie kräftig an einer mit Wasser gefüllten Plastikflasche, sodass sich diese zusammenzieht. Wenn Sie das Wasser schlucken, flutscht die Tablette automatisch mit.» Was ebenfalls hilft: Zerkauen Sie ein Stück Brot zu Brei, und geben Sie kurz vor dem Runterschlucken die Tablette dazu.

Dürfen Tabletten halbiert werden?
Manchmal ist es sinnvoll, eine Tablette zu halbieren: wenn die Schmerzen nur gering sind oder wenn man ein Medikament langsam ausschleichen soll. Doch nicht jede Tablette eignet sich dazu. Manche Präparate sollen sich nicht im Magen, sondern erst im Dünndarm auflösen und sind deshalb mit einer magensaftresistenten Schicht überzogen. Diese wird beim Teilen zerstört, worauf der Wirkstoff am falschen Ort freigesetzt wird. Andere Arzneimittel, sogenannte Retard-Medikamente, sind so gemacht, dass der Wirkstoff verlangsamt ins Blut aufgenommen wird. «Beim Teilen kann es passieren, dass man die ganze Tagesdosis auf einmal freisetzt», warnt Christine Gitter. Lassen Sie sich auch nicht von vermeintlichen Bruchkerben verleiten. Manchmal handelt es sich dabei um blosse Verzierungen. «Wenn in der Packungsbeilage nichts Eindeutiges zum Teilen steht, fragen Sie in der Apotheke nach», sagt die Fachfrau. Immer verboten ist das Zerschneiden von Kapseln, weil dadurch der ganze pulverartige Wirkstoff herausfällt.

Tabletten teilen? Halbe Sachen haben ihre Tücken. Illustration: Monica Garwood

Wie weiss die Tablette, wo sie wirken soll?
Wie kommt eine Tablette zu einem rheumatischen Knie? Ist sie geschluckt, zerfällt sie im Magen in kleine Teile und löst sich auf. Im Dünndarm angekommen, wird der Wirkstoff langsam durch die Darmschleimhaut hindurch in die feinen Blutgefässe aufgenommen, sprich resorbiert. Von dort geht es weiter über die sogenannte Pfortader in Richtung Leber. Diese erkennt die Wirkstoffteilchen als körperfremd und versucht, so viel wie möglich davon chemisch umzuwandeln und auszuscheiden. Der verbliebene Wirkstoff wandert jetzt mit dem Blut in die rechte Herzhälfte, von dort durch die Lunge, zurück in die linke Herzhälfte und schliesslich in den Blutkreislauf durch den ganzen Körper – also auch zum schmerzenden Knie.

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Wie funktioniert das Schlüssel-Schloss-Prinzip?
Damit ein Arzneistoff in einem bestimmten Organ etwas bewirken kann, muss er sich dort an etwas binden können. Diese Bindungsstellen heissen Rezeptoren. Man kann sie sich wie Schlösser vorstellen, auf die nur bestimmte Schlüssel, auch Liganden genannt, passen. Körpereigene Liganden sind zum Beispiel Hormone. Arzneimittel sind körperfremde Liganden. «Vereinfacht gesagt, wirkt ein Medikament dann», sagt Apothekerin Christine Gitter, «wenn die Rezeptoren aus der grossen Menge der in unserem Blut herumschwimmenden Schlüssel die passenden erkennen können – und wenn diese den Sperrmechanismus tatsächlich betätigen können.»

Wie lindern Medikamente Schmerz?
Viele Medikamente sollen bei Schmerzen helfen. Schmerzen entstehen dadurch, dass sich der Botenstoff Prostaglandin an Schmerzrezeptoren anheftet. Das so ausgelöste Signal meldet dem Gehirn über die Nervenbahn und das Rückenmark: «Aua!» Schmerzmittel können auf zwei Arten Schmerz ausschalten, wie Christine Gitter erklärt: «Entweder verhindern sie die Produktion von Prostaglandinen, sodass der Schmerzreiz gar nicht erst Richtung Hirn gesendet wird. Oder sie besetzen die sogenannten Opioid-Rezeptoren in Gehirn und Rückenmark, dann kommt der Reiz zwar im Gehirn an, kann aber kein Schmerzempfinden auslösen.» Zu den Schmerzmitteln der ersten Art gehören Acetylsalicylsäure (Aspirin) oder Ibuprofen. Zur zweiten Gruppe, den Opioiden, zählt unter anderem Morphin, das nur bei sehr starken Schmerzen verschrieben wird.

Sind Nebenwirkungen unvermeidbar?
Jedes Medikament, das wirkt, hat auch Nebenwirkungen. Das ist unumgänglich, weil ein Wirkstoff nicht ganz genau wissen kann, wo im Körper er gebraucht wird. «Wenn ein Rezeptor passt, wird einfach angedockt», sagt Christine Gitter. So vernichten etwa Antibiotika nicht nur die schlechten Bakterien, sondern auch einen Teil der nützlichen. Wenn in der Packungsbeilage von einer «sehr häufigen» Nebenwirkung die Rede ist, bedeutet dies, dass sie bei mehr als einem von zehn Behandelten auftritt. Die Formulierung «sehr selten» hingegen bedeutet, dass weniger als einer von 10'000 Behandelten betroffen ist.

Sie verstehen nur die Hälfte? Beipackzettel am besten gleich in der Apotheke lesen. llustration: Monica Garwood

Wann nimmt man eine Tablette am besten ein?
Natürlich «weiss» eine Tablette nicht, welche Zeit es ist. Und dennoch hat sie je nach Tageszeit eine andere Wirkung. «Dies, weil auch die Organe, Zellstrukturen und Hormone in unserem Körper einem biologischen Rhythmus unterliegen», sagt die Apothekerin Christine Gitter. Der ideale Zeitpunkt, um Medikamente gegen Bluthochdruck einzunehmen, ist am Morgen zwischen 9 und 10 Uhr, weil der Blutdruck dann am höchsten ist. Wer hingegen auf Cholesterinsenker angewiesen ist, nimmt diese bevorzugt abends ein, da die Leber dann am meisten Cholesterin produziert. Und weil Antiallergika schläfrig machen, was tagsüber nicht willkommen ist, nimmt man sie ebenfalls am besten zu später Stunde ein.

Warum muss man gewisse Medikamente «nüchtern» einnehmen?
Angaben wie «mit der Mahlzeit» oder «nüchtern einnehmen» sind nicht einer Laune der Beipackzettel-Schreiber geschuldet. «Soll ein Medikament schnell wirken, wie etwa ein Migränemittel, ist es von Vorteil, wenn man es auf nüchternen Magen einnimmt», sagt Christine Gitter. «Die Tablette käme erst nach Stunden im Blut an, wenn sie mit dem ganzen Speisebrei in den Dünndarm befördert würde.» Auch bei Pillen mit magensaftresistentem Überzug ist die Nüchtern-Einnahme (frühestens drei Stunden nach dem letzten Essen) vorgeschrieben. Denn diese Tabletten beginnen sich zu früh aufzulösen, wenn sich eine volle Mahlzeit im Magen befindet. Andererseits verträgt der Magen andere Arzneistoffe, wie etwa die meisten Rheumamittel, nicht gut. Mit Hilfe der Fette in der Nahrung werden sie besser ins Blut aufgenommen.

Muss man Arzneimittel immer schlucken?
Nein. Je nach Wirkstoff können sie auch auf anderem Weg in die Blutbahn gelangen. Ungeeignet für den Hausgebrauch – aber sehr effektiv – ist die Injektion direkt in eine Vene. Die Verabreichung über den Enddarm mittels Zäpfchen ist besonders bei Kleinkindern geeignet, die keine Tabletten schlucken können. Manche Mittel können über die Mundschleimhaut resorbiert werden, man kennt das von den Kaugummis gegen Reiseübelkeit. Schliesslich können spezielle Pflaster geeignete Wirkstoffe über längere Zeit gleichmässig über die Haut abgeben. Etwa Nikotinpflaster für Raucher, die aufhören wollen.

Welche Wechselwirkungen sind zu vermeiden?
Medikamente und Alkohol sind eine denkbar schlechte Kombination. Dies, so Christine Gitter, weil die Wechselwirkungen höchst unberechenbar sind. «So wirken beispielsweise Allergiemittel in Kombination mit Alkohol verstärkt, während der Effekt von Blutdrucksenkern herabgesetzt wird.» Aber auch bei anderen Lebensmitteln ist Vorsicht geboten. Medikamente gegen Schilddrüsen-Unterfunktion etwa gehen mit Kalzium Verbindungen ein, die zu gross sind, um durch die Darmschleimhaut zu gelangen. Schluckt man sie mit Milch herunter, kommt zu wenig Wirkstoff im Blutkreislauf an. Einige gängige Antibiotika wiederum sollten Sie niemals mit Kaffee oder Energydrinks einnehmen, denn sie verlangsamen den Koffeinabbau. Was die wenigsten wissen: Auch Grapefruitsaft ist tückisch, vor allem mit Cholesterinsenkern. Die Inhaltsstoffe der Frucht hindern ein wichtiges Darmenzym für mehrere Tage an seiner Arbeit. Mit dem Resultat, dass der Wirkstoff massiv überdosiert im Blut ankommt. Im schlimmsten Fall droht Nierenversagen.

Sind Medikamenten-Cocktails gefährlich?
Medikamente – auch rein pflanzliche – können sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken, abschwächen oder aufheben. Wer zum Beispiel ein sogenanntes Basismittel gegen Rheuma braucht, welches das Immunsystem abschwächt, sollte auf keinen Fall Echinacea einnehmen, um einem grippalen Infekt vorzubeugen. Denn es hat die ent-gegengesetzte Wirkung und kurbelt das Immunsystem an. «Viele ältere Menschen nehmen fünf oder mehr Medikamente täglich ein», sagt Christine Gitter. «Da kommt ein Cocktail zusammen, der sogar tödlich sein kann.» Gemäss der Stiftung Patientensicherheit Schweiz gibt es hierzulande jährlich zwischen 2000 und 3000 Tote durch Arzneimittel-Wechselwirkungen. Das sind zehnmal mehr als im Strassenverkehr. Darum gilt im Zweifelsfall: Bei gleichzeitiger Einnahme mehrerer Medikamente immer eine Fachperson beiziehen.

Gut abstimmen: Die Einnahme mehrerer Medikamente kann gefährlich sein. Illustration: Monica Garwood

Wie wirken Placebos?
Studien zeigen: Auch Placebos, also Medikamente ohne Wirkstoffe, können messbar Schmerzen reduzieren – nämlich um ein Drittel ihrer Ausgangsintensität. Christine Gitter: «Wenn der Mensch an die Wirkung glaubt, produziert der Körper kurzerhand opioidähnliche Stoffe, die an denselben Rezeptoren andocken wie sonst ein Schmerzmittel.» Umgekehrt gilt: Allein das Wissen darum, welche Nebenwirkungen auftreten könnten, kann diese hervorrufen. Bei Arzneimittelstudien treten angekündigte Nebenwirkungen häufig sogar bei Personen auf, die nur ein Scheinmedikament erhalten hatten. Worte haben also auch im medizinischen Sinn Wirkung.

Was lösen Namen von Arzneimitteln aus?
Ribozoxtlitp oder Fastinorbin? Welches Medikament würden Sie lieber schlucken? Die Forschung zeigt, dass der Name eines Medikaments Einfluss auf seine Wirkung hat: Klingt er kompliziert, tendieren Patienten dazu, das Mittel unterzudosieren. Klingt er eher harmlos, zeigen sie sich bei der Einnahme grosszügiger.

«Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Apothekerin. Alles über die fantastische Welt der Medikamente» von Christine Gitter, Droemer, 24.90 Franken.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 20.09.2019, 21:05 Uhr

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